Themenschwerpunkt "Dienst am Menschen" - Manfred Stolpe und betreutes Wohnen
11. September 2012 - Jochen Wiemken"Eine freie Entscheidung"
Serie "Dienst am Menschen": Nach über 40 Jahren zogen der frühere brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe und seine Frau Anfang 2012 aus ihrem Haus in Potsdam in ein nahe gelegenes betreutes Wohnprojekt um. SPD.de sprach mit dem früheren Landesvater über sein neues Zuhause, seinen Kampf gegen den Krebs und sein neues Leben als „Politrentner“ im Johanniter-Quartier.
„Was macht denn der kleine Erdbeerkuchen. Gibt es den heute?“, fragt Manfred Stolpe den Kellner im Restaurant des Johanniter-Quartiers. Über 40 Jahre lebten der frühere Ministerpräsident Brandenburgs und seine Frau Ingrid in ihrem Haus mit Garten in Potsdam - vor einem dreiviertel Jahr zogen beide in das betreute Wohnprojekt der Johanniter-Unfall-Hilfe. Ein neues Leben mit 76 (er) und 73 Jahren (sie). „Es war die richtige Entscheidung“, sagt Stolpe rückblickend. „Eine freie Entscheidung ohne Druck. Im Wissen darum, dass es relativ schnell spannend werden könnte,“ betont der langjährige SPD-Politiker.
Immer wieder kam der Krebs
Seit 2004 begleitet ihn der Krebs. Damals kämpfte er als Verkehrsminister im Kabinett von Kanzler Gerhard Schröder mit der Einführung der LKW-Maut. Während einer Routineuntersuchung im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz entdeckten die Ärzte Darmkrebs. Sie rieten zur sofortigen Operation, „doch das wäre das Ende der LKW-Maut gewesen“, erzählt Stolpe. Der damalige Verkehrsminister suchte sich für die Operation einen Zeitpunkt, an dem er den Journalisten in der Hauptstadt für drei Wochen unter dem Vorwand, „ganz normal Urlaub zu machen“, den Rücken kehren konnte. Erst fünf Monate später fand er Zeit im Terminkalender und ließ sich operieren. Zu spät, denn inzwischen war aus den gutartigen Polypen ein Karzinom gewachsen.
Seitdem lässt der Krebs ihn nicht mehr los. Ende 2008 kam er wieder. Dieses Mal hatten sich Metastasen in der Leber gebildet. „Ziemlich heftig war das“, erinnert sich der langjährige Landesvater Brandenburgs. Im gleichen Jahr war bei seiner Frau Brustkrebs diagnostiziert worden. „Dann war drei Jahre Ruhe.“ Doch im November vergangenen Jahres stellten die Ärzte fest, dass die Lunge befallen war: Es folgte die dritte Tumorbehandlung in sieben Jahren.
Respekt vor dem Leid anderer
Die Schicksalsschläge, die darauf folgenden Krankenhausaufenthalte, Bestrahlungen und Chemotherapien haben Stolpes Blickwinkel auf das Gesundheitssystem in Deutschland verändert. Man bekomme Respekt davor, wie viel Leid andere aushalten können. „Und ich habe Respekt davor, wie toll die Schwestern und Pfleger arbeiten – und dass, obwohl viele schlecht bezahlt werden.“ Während seiner „Krebskarriere“ habe er gemerkt, dass sich der Alltag und die Bedingungen in Deutschlands Krankenhäusern verändern. „Der Leistungsdruck steigt, die Umsätze des Marktes machen sich bemerkbar. Krankenhäuser müssen immer wirtschaftlicher arbeiten.“
Den Umzug länger geplant
Kurz nach der Lungenkrebs-Behandlung zogen er und seine Frau in das betreute Wohnprojekt ein. Sie waren die ersten, die Kontakt zu den Betreibern der Anlage, den evangelischen Johannitern, aufgenommen hatten und sich für das betreute Wohnprojekt anmeldeten. „Da war noch gar nichts gebaut“, so Stolpe. Schon lange hatten er und seine Frau den Entschluss gefasst, sich im Alter räumlich zu verkleinern. Es sollte ein Altersruhesitz werden, der so viel Freiheit wie möglich bietet, aber auch die notwendige Sicherheit gewährleistet.
„Wir sind kein Altenheim“
„Es ist ein freies Wohnen“, sagt er. Von seinem Balkon aus sieht man die Schiffe die Havel entlang fahren. Ein traumhafter Blick an diesem Sommertag. „Sie können im hauseigenen Restaurant essen, müssen aber nicht“, erzählt Stolpe. Der SPD-Politiker, der sich selbst als „pathologischer Fall von Frühaufsteher“ bezeichnet, genießt vor allem das hauseigene große Schwimmbad - jeden morgen um sechs Uhr früh.
Auch sonst bietet das Haus viel: Neben dem Restaurant und Schwimmbad eine Sauna, eine Physiotherapiezentrum, eine Bibliothek, ein Kaminzimmer, einen Friseur, einen Hausmeister-Service – und falls nötig medizinische Hilfe sowie ambulante Pflege.
Von über 200 Quadratmetern Wohnfläche Eigenheim auf knapp 80 Quadratmeter Mietwohnung zurückzubauen sei seiner Frau und ihm erstaunlich leicht gefallen. Ein halbes Jahr brauchten sie für die „Aktion Textilien“ und „Aktion Bücher“. Kleidung musste aussortiert und abgegeben werden - rund 3.000 Bücher wurden weitestgehend an Stadtbibliotheken gespendet. „Sie glauben gar nicht, was sich in all den Jahrzehnten so ansammelt.“
Entlastung ja – Rosten nein
Nun gibt es keine Gartenarbeit, kein Hausputz, kein beschwerliches Treppensteigen oder winterliches Schneesschippen mehr. Doch wer denkt, die Stolpes würden jetzt ein ruhiges, beschauliches Rentnerleben führen, täuscht sich gewaltig. Denn in das frühere Haus des Ehepaars - nur fünf Minuten von der neuen Wohnung entfernt - zog Stolpes Tochter mit Mann und Kindern ein. Da beide berufstätig sind beschäftigen sich die Großeltern viel mit ihren Enkelsöhnen. „Wir kümmern uns um die beiden Kameraden. Das ist eine Aufgabe, die wir gerne machen“, berichtet Stolpe über „Oma und Opas Fahr- und Betreuungsdienste“.
Und auch sonst sind die Stolpes aktiv. Bereits als sie noch berufstätig waren hatten beide mehrere ehrenamtliche Aufgaben übernommen. Seit langem engagiert sich Ingrid Stolpe für Menschen, die an Krebs und Mukoviszidose erkrankt sind. In einem anderen Projekt versucht sie, das Lebensumfeld von Kindern aus der umweltzerstörten Gegend des Lausitzer Tagebaus zu verbessern.
Brandenburgs Ex-Ministerpräsident wiederum liegt die „gebaute Kultur“ im ostelbischen Raum besonders am Herzen. Als Vorsitzender des Landesdenkmalbeirats versucht er, Sponsoren, Förderer und Paten für den Erhalt der zahlreichen Schlösser, Gutshöfe und Kirchen zu finden. Wichtig ist ihm auch die Aussöhnung und Verständigung mit unseren osteuropäischen Nachbarn. „An reinen Politveranstaltungen, bei denen um des Kaisers Bart gestritten wird oder sich jemand profilieren will, nehme ich dagegen nicht mehr so gerne teil. Da gehe ich lieber als Zeitzeuge in unsere Schulen“, sagt der 76-Jährige – und beißt genüsslich in das Stück Erdbeerkuchen.