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Themenwochen "Kinder und Familie"
26. September 2012 - Christine Kroke

Der Wettkampf um die guten Plätze

Gute Kita-Plätze in privaten Einrichtungen sind selten. Viele Eltern berichten von harten Wettkämpfen um freie Plätze. (Foto: dpa)

Finde ich einen Kita- Platz für mein Kind? Welchen Kindergarten soll mein Sohn oder meine Tochter besuchen? Diese Frage stellt sich junge Eltern in ganz Deutschland. Drei Familien aus Berlin, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben SPD.de ihre Situation geschildert und Ideen gesammelt, wie man Familienpolitik in Deutschland verbessern kann.

„Wir haben es da in Neuwied relativ einfach, was die Verfügbarkeit von Kita-Plätzen angeht. Wir haben einfach eine Anmeldung abgeschickt und sind dann auch direkt genommen worden. Leni haben wir ein halbes Jahr im voraus angemeldet“, sagt Nadine E. Ihre Tochter Leni wird im Dezember zwei Jahre alt. Mit der Kita- Situation in Neuwied ist Nadine zufrieden. Die Stadt hat rund 65.000 Einwohner und liegt im nördlichen Rheinland-Pfalz.

Leni geht in eine private Kindertagesstätte, die aber Teil der evangelischen Brüdergemeinde in Neuwied ist. An die Kita ist auch ein Kindergarten angeschlossen.„Bis zum zweiten Lebensjahr zahlt man dort einen Kostenbeitrag. Dieser geht direkt an die Kita. Die Höhe wird vom Jugendamt anhand des Gehalts ermittelt. Das finde ich fair“, sagt die 31-jährige

Nadine Erbar mit ihrer knapp 2-jährigen Tochter Leni.
Nadine Erbar (31) mit ihrer Tochter Leni (21 Monate) (Foto: Macarena Gomez )

Ohne Kita-Platz kein Job

Nadine E. ist dankbar für die entspannte und gut organisierte Betreuungssituation in Rheinland-Pfalz. „Es wäre natürlich ein großes Problem für meinen Partner Helmut und mich, wenn wir diesen Platz nicht bekommen hätten. Denn meistens sind die eigenen Eltern noch nicht so alt, dass sie als Rentner auf das Kind aufpassen könnten – und eine Tagesmutter kann man sich hier kaum leisten.“ Ein Vollzeitjob wäre ohne diesen Kita-Platz gar nicht möglich, sagt die gelernte Versicherungskauffrau. „Ich höre immer öfter, dass es auch hier in Rheinland-Pfalz immer schwieriger wird, einen Kita-Platz zu bekommen und das oft nur noch über Beziehungen möglich ist“, sagt Nadine.

Die Betreuungssituation in der Neuwieder Kita der Evangelischen Brüdergemeinde nennt sie „optimal“:„ Bei uns gibt es zwei Gruppen zu jeweils zehn Kindern.  Auf jeden Erzieher kommen zwei bis drei Kinder“. Sie würde ihre Tochter selbst dann in die Kita bringen, wenn es nicht zwingend notwendig wäre. „Leni hat sich durch die Kita-Besuche so gut entwickelt. Auf sprachlicher und sozialer Ebene hat sie enorme Fortschritte gemacht, vor allem durch den Einfluss älterer Kinder und dem breiten Angebot der Kita. Wir allein hätten das gar nicht leisten können“, ergänzt die 31-jährige.

Impfpflicht für Erzieher

Doch auch in Neuwied ließen sich einige Dinge bei der Kinderbetreuung verbessern, findet sie: „Die Öffnungszeiten sollten noch besser an die modernen Lebensumstände angepasst werden. Zum Beispiel gehen viele Kitas noch davon aus, dass man Freitags ab 13 Uhr frei hat und sein Kinde abholen kann.“ Dem sei aber häufig nicht so. Außerdem findet sie eine Impfpflicht für Erzieher wichtig, so wie sie bereits für Krankenschwestern und Krankenpfleger besteht. „Wir hatten vor ein paar Monaten den Fall, dass die Kita wegen einer Hepatitis A-Erkrankung geschlossen werden musste. Das hat uns alle besorgt. Hier könnte man eine Impfpflicht einführen“.

385 Euro für die Kinderbetreuung

Christoph Korb lebt mit seiner Frau Patricia und seinen beiden Söhnen Levi und Flip in Köln. Levi ist mit 3 Jahren und 10 Monaten der ältere der beiden Jungs und geht bereits in den Kindergarten.

„Levi geht in einen Kindergarten der zur Hälfte städtisch und zur anderen Hälfte privat unterhalten wird. Zum Kindergarten gehört auch eine Kita. Diese hat Levi vorher besucht. Der Stadtbeitrag für den Kindergarten ist gehaltsabhängig. Wir zahlen derzeit 250 Euro im Monat. Für den Privatbeitrag zahlen wir 75 Euro im Monat plus 60 Euro Verpflegungskosten an den Kindergarten“, listet Christoph die monatlichen Kosten auf. Er und seine Frau Patricia haben Levi bereits im Alter von 6 Monaten in der Kita angemeldet. Seit er ein Jahr alt ist, besucht er die Einrichtung.

„Die Situation in unserer Kita ist wirklich gut. Auf vier Erzieher kommen maximal zwanzig Kinder. Die Erzieher und Erziehrinnen sind wirklich top-motiviert und arbeiten sehr gut. Wir sind absolut zufrieden“, schildert der Studienrat die Betreuungssituation.

Eltern-Casting im Kindergarten

Diese guten Plätze sind allerdings heiß begehrt. „Um solch einen guten Kita- beziehungsweise Kindergartenplatz zu bekommen, muss man mit anderen Eltern heftig um die Plätze kämpfen. Es ist ein einziger Wettkampf“, sagt Korb. Besonders stört ihn, zu sogenannten Auswahlgesprächen – „oder besser gesagt Castings“ – eingeladen zu werden. „Da sitzen dann andere Eltern des Kindergartens und entscheiden darüber, ob man aus beruflichen Gründen und so weiter zum Kindergarten passt. Auch die Fähigkeiten, die man einbringen könnte, spielen eine Rolle dabei. Da fragt man sich dann schon, was diese Eltern dazu befähigt, über einen zu urteilen und zu entscheiden“, kritisiert der 34-jährige das Bewerbungsverfahren einiger Einrichtungen

Christoph Korb mit seiner Familie
Christoph Korb (34) mit seiner Frau Patricia (32) und seinen Söhnen Levi (3 Jahre) und Flip (1 Jahr) (Foto: privat )

Diejenigen Eltern, die bei diesen Castings leer ausgehen, haben in Nordrhein-Westfalen den Anspruch auf einen Platz in einer städtischen Einrichtung. „Die städtischen Kindergärten sind natürlich nicht alle schlecht, aber sie haben oft einen ganz anderen Erzieher/Kinder-Schlüssel. Meistens sind dort viel zu viele Kinder, um die sich ein einzelner Erzieher oder eine einzelne Erzieherin kümmern muss. Auch den Anspruch an ein pädagogisches Konzept können die städtischen Einrichtungen nicht immer erfüllen“, stellt Korb fest.

Qualität – nicht nur für Wohlhabende

Deshalb sind er und seine Frau besonders dankbar, den Platz im halb-privaten Kindergarten bekommen zu haben. Wie Nadine Erbar würden auch sie Levi in den Kindergarten geben, wenn sie es nicht müssten. „Wir haben schnell gemerkt, dass wir bald an unsere Grenzen stoßen im Hinblick darauf, was man in der Erziehung leisten kann. Auch wenn du dich als Elternteil noch so sehr bemühst: Das was man als Kita oder Kindergarten den Kindern bieten kannst, kannst du als Elternteil nicht bieten“, sagt der 34-jährige.

Korb sieht aber auch klaren Verbesserungsbedarf an der Betreuungssituation. „Irgendwie muss ein System entwickelt werden, dass die Kita- und Kindergartenbeiträge nicht über die Qualität der Einrichtung entscheiden. Es gibt so viele Eltern, die sich die privaten Kindergärten nicht leisten können. Die müssen dann damit leben, dass ihre Kinder deutlich schlechter betreut und weniger gefördert werden. Das wiederum führt dazu, dass in den privaten Einrichtungen nur wenig soziale Durchmischung stattfindet. In unserem Kindergarten ist beispielsweise der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund  gleich null. Dadurch wird in den Kindern natürlich ein verzerrtes Gesellschaftsbild manifestiert, das nicht repräsentativ ist“, zieht Korb abschließend Bilanz.

Reiche Väter wedeln mit 1000-Euro-Scheinen

Ähnlich wie in Köln stellt sich die Betreuungs-Situation in Berlin dar. Hier lebt die Künstlerin Sara Triesch gemeinsam mit ihrer gut zwei Jahre alten Tochter Sophia und ihrem Mann Lars im Bezirk Kreuzberg. Dort geht Sophia in eine katholische Kita. „Vorher war unsere Tochter in einer Einrichtung in Neukölln. Jetzt in der katholischen Kita zahlen wir den Mindestsatz für einen Ganztagsplatz. Das sind 43 Euro im Monat. Davon werden 23 Euro für die Verpflegung verwendet. Der Betrag wird anhand des Gehalts errechnet“, erklärt die 31-jährige.

Auch in Berlin sind die ‚guten Plätze’ in einer privaten Kita rar gesät. „Die Leute haben mich schon während der Schwangerschaft total verrückt gemacht. Als ich im sechste Monat schwanger war trichterten mir viele ein, dass es jetzt bereits zu spät sei, um einen guten Platz zu bekommen. Ich bin dann ein halbes Jahr bevor Sophia die Einrichtung besuchen sollte, losgezogen und habe überall nachgefragt. Sie hätte in allen staatlichen Betreuungsstätten einen Platz haben können. Da waren auch einige gute Adressen dabei“, sagt Triesch

Sara und ihre Familie
Sara Triesch (31) mit ihrer Tochter sophia (28 Monate) und ihrem Ehemann Lars(32) (Foto: privat)

Allerdings habe sie auch die wildesten Geschichten gehört. Wie zum Beispiel, dass der ein oder andere Familienvater auch gerne mal mit einem 1000 Euro Schein wedelt, um einen „guten Platz“ in einem der sogenannten ‚Elite-Kindergärten’ Berlins zu bekommen. „Zum Glück nehmen die meisten Kitas aber davon Abstand“, sagt Triesch.

Mit der Betreuungssituation in Sophias Einrichtung zeigt die Mutter sich sehr zufrieden: „Zur Zeit sind zehn Kinder in Sophias Gruppe. Die Eingewöhnung und anfängliche Betreuung eines neuen Kindes findet immer nacheinander statt, so dass die Erzieherinnen individuell auf die Kinder eingehen können. Jedes Kind bekommt genügend Aufmerksamkeit.“ Dass die Kita ihren Bildungsauftrag sehr ernst nimmt, freut sie: „Der Bildungsplan ist sehr gut ausgearbeitet, vor allem wenn es beispielsweise um Themen wie Integration geht. In der Kita treffen 13 Nationen aufeinander, das wird von den Verantwortlichen schon gut betreut“.

TÜV für Erzieher

Auch deshalb würde die 31-jährige ihre Tochter in die Kita geben, auch wenn es nicht notwenig wäre. „Ich denke, dass die Kids diese Erfahrungen einfach brauchen. Hier lernen sie sich durchzusetzen und ihre Entwicklung macht enorme Fortschritte. Außerdem liebt Sophia es einfach, Teil der Gruppe zu sein. Sie steht schon morgens ab acht Uhr vor der Haustür und will in die Kita gehen“, erzählt Sara lachend.

Aber auch in Berlin müssten noch einige Dinge bei der Kinderbetreuung verbessert werden. „Es müsste überprüft werden, wie engagiert die einzelnen Erzieher sind. In der Kita in Neukölln kam es oft vor, dass die Erziehrinnen in der Ecke saßen während sich die Kinder alleine beschäftigen mussten. Auch in staatlichen Einrichtungen sollte man auf die Qualität der Erzieher achten. Stichprobenartig könnte das wie bei einem TÜV überprüft werden. Auch, wenn es um die Geisteshaltung der Verantwortlichen geht“, fordert die Künstlerin.

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