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Themenwochen "Kinder und Familie"
01. October 2012 - Christine Kroke

„Ganz großer Quatsch“

Ausbau von Betreuungsplätzen muss oberste Priorität haben (Foto: dpa)

Die Erwartungen an Eltern und Erziehung haben sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Vera Schroeder ist Chefredakteurin bei Deutschlands führender Elternzeitschrift "Nido". Im Rahmen des Bürger-Dialogs sprach SPD.de mit der Journalistin über die Sorgen und Bedürfnisse moderner Eltern - und über den Unsinn des Betreuungsgeldes.

Bloß keinen Fehler in der Erziehung machen! Dem Kind alle Bildungsmöglichkeiten früh auf den Weg geben und trotzdem möglichst viele Freiheiten lassen. Neben der Familie auch noch Karriere machen, aber dabei bloß nicht gestresst rüberkommen - Mütter und Väter von heute haben es nicht immer leicht. Oder so leicht wie noch nie? Es gibt tausend Wege und Möglichkeiten eine Familie zu sein, ebenso viele Fragen werden dadurch aufgeworfen. Ein Gespräch mit der Chefredakteurin der Elternzeitschrift "Nido" Vera Schroeder.

SPD.de: Welche Erwartungen werden heute an Eltern gestellt?
Vera Schroeder: Die Erwartungen werden heute von deutlich mehr Seiten an Eltern herangetragen als das noch vor 50 Jahren der Fall war. Es gibt die eigene Erwartung, es gibt eine gesellschaftliche Erwartung, es gibt die Job-Erwartung und es gibt eine Erwartung an die eigene Erziehung. Da kann man schon mal ins Srtaucheln geraten.

SPD.de: Bietet das für Eltern mehr Risiken oder auch Chancen?
Vera Schroeder: Ich glaube, dass sich viele Chancen daraus ergeben. Viele Chancen für die Kinder, aber auch viele Chancen für die Eltern. Eltern heute können zum Beispiel frei wählen, ob sie der "typische" vollberufstätige Vater sein wollen, der seine Kinder nur eine Stunde lang am Abend sieht, oder ob beispielsweise die Frau die Familie ernährt. Diese Veränderungen bieten neue Chancen.

SPD.de: Wie ist das Elternbild heute?
Vera Schroeder: Ich glaube, es gibt gar kein Standardbild heute. Es gibt ganz unterschiedliche Arten, Eltern zu sein – es gibt ganz unterschiedliche Typen. Es hängt ja ganz davon ab, ob ich in der Stadt oder auf dem Land lebe, ob ich viele Kinder oder nur eines habe, ob ich ganz viel arbeite oder die Priorität ganz auf Daheim liegt. Das 'eine' Elternbild gibt es heute nicht mehr.

SPD.de: Mit welchen Sorgen und Bedürfnissen wenden sich Eltern an Ihre Redaktion?
Vera Schroeder: Zumindest bei urbanen Eltern ist die Betreuungspolitik ein großes Thema. Da gibt es viele Fragen und Ängste, gerade im Hinblick auf die Ausübung des Jobs. Ein weiteres großes Thema ist, den Spagat zu schaffen zwischen Überbetreuung und Unterversorgung. Die meisten wollen ja keine dominante Übermütter oder Überväter sein, aber ihr Kind trotzdem bestens versorgen. Ein weiteres großes Thema ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und die Auseinandersetzung bei der Verteilung der familiären Arbeit. Vor allem im Hinblick darauf, wie man ein möglichst gleichberechtigtes Familienleben meistert. Warum muss ich immer alles alleine machen? Wer macht was? Wie kriegt man das organisatorisch hin? Das bewegt viele Familien.

SPD.de: Was kann da von der Politik gelöst werden?
Vera Schroeder: Wir sind uns bei "Nido" ganz sicher, dass die Bereitstellung von ausreichend Betreuungsplätzen das Wichtigste ist, was die Familienpolitik in den nächsten Jahren leisten muss. Wir glauben, dass es einfach für Männer und Frauen eine freie Wahl sein muss, ob sie arbeiten gehen wollen oder nicht. Und eine Wahlfreiheit kann nur existieren, wenn man die Möglichkeit hat sein Kind abzugeben. Entweder in eine staatliche Einrichtung oder in eine bezahlbare, private Einrichtung.

SPD.de: Kann man da von anderen Ländern lernen?
Vera Schroeder: Ich tue mich mit Ländervergleichen immer schwer. Einfach nur auf Frankreich oder Schweden zu zeigen und zu sagen: „So machen wir es jetzt hier auch“, ist der falsche Ansatz. Hier muss Deutschland seinen ganz eigenen Weg finden. Deutschland befindet sich ja derzeit auch in einer eigenen Debatte. Das ist ein erster Schritt.

Wie beurteilen Sie den neuen Konservatismus, der derzeit bei einzelnen Frauen wie Familienministerin Kristina Schröder ein Comeback erlebt?
Vera Schroeder: Ich glaube gar nicht, dass man von einer Wiederkehr konservativer Werte sprechen kann. Es gibt einfach gewisse Teile der Gesellschaft, die noch nicht mitbekommen haben wie weit die Frauen schon sind und was die Bedürfnisse heute sind. Das gilt auch für Kristina Schröder. Ich sehe das gar nicht als Gegenbewegung sondern als Weltfremdheit. Wir von der "Nido" sind ganz klar gegen das Betreuungsgeld – das ist ganz großer Quatsch! Das ist eine nicht mehr zeitgemäße Ausgleichsmöglichkeit. Der völlig falsche Ansatz.

SPD.de: Was muss in der Familienpolitik in Deutschland besser werden?
Vera Schroeder: Die Politik muss endlich aufhören, die Verantwortlichkeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen hin- und herzuschieben. Denn wenn Eltern in der Krippe stehen und einfach nur ihr Kind unterbringen wollen, ist es für sie nicht mehr nachvollziehbar, wer da überhaupt jetzt wie zuständig sein soll. Es ist sowieso schon schwer genug, einen Krippenplatz für die eigenen Kinder zu finden. Wenn man dann auch nicht mehr weiß, wer denn jetzt der Entscheidungsträger ist, kann man schon mal verzweifeln.

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