Initiative für Studienchancen
10. October 2012 - Maurizio Andreas CavaliereArbeiterkinder an die Hochschulen
Deutlich mehr Arbeiterkinder als früher machen heute Abitur. Doch den Hochschulen bleiben immer mehr von ihnen fern. Dies ergab die Studie „Aufstiegsangst“ der vodafone-Stiftung vor kurzem. „ArbeiterKind.de“ will das ändern. SPD.de besuchte die Initiative in der Themenwoche „Jugend und Bildung“ des SPD-Bürger-Dialogs.
Melanie S. lebte während eines Auslandssemesters mit der Tochter eines Sparkassendirektors in einer Wohngemeinschaft zusammen. Durch das enge Zusammenleben fiel ihr auf, dass ihre Mitbewohnerin „ein krass anderes Leben führt“. Die sagt: „Ich könnte neben dem Studium nicht arbeiten.“ Sie muss sich keine Gedanken darüber machen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreitet. Sie kann sich voll auf das Studium konzentrieren. Melanie hat keine Wahl. Melanie muss sich ihr Studium selbst verdienen. Ihre Eltern kamen als Spätaussiedler aus Polen nach Deutschland. Beide haben nicht studiert.
Heute ist die 23-jährige bei der „ArbeiterKind.de“-Gruppe in Berlin und sucht Rat. Sie hat ihren Bachelor in Münster abgeschlossen und möchte nun an der Charité-Uniklinik ihren Master in Toxikologie machen. Dafür braucht sie nicht nur Geld - auch eine ideelle Förderung ist ihr wichtig.
Die Initiative „ArbeiterKind.de“ hat sich zum Ziel gesetzt, junge Menschen aus Familien, in denen noch niemand studiert hat, zum Studium zu ermutigen und während dessen zu unterstützen. Die finanzielle Belastung ist dabei nur einer von vielen Gründen, die diese Abiturienten von einem Studium abhalten.
Wie bewerbe ich mich um ein Stipendium?
Neben Melanie sind drei weitere junge Menschen in die Sprechstunde von „ArbeiterKind.de“ gekommen um sich beraten zu lassen. Melanie ist gemeinsam mit ihrem Freund da. Er hat sein Studium abgebrochen und macht nun eine Ausbildung zum Buchhändler. Auch er will sich beraten lassen. Nach seiner Ausbildung möchte er Betriebswirtschaftslehre studieren und ins Verlagswesen gehen.
Melanie will sich um ein Stipendium bewerben und braucht dafür Unterstützung. Sie möchte wissen, wie sie sich am besten bewirbt. Mentor Sven Gramstadt geht mit ihr den mitgebrachten Lebenslauf sorgfältig durch. Viel Zeit nimmt er sich, um alle Fragen zu beantworten: Was soll ich reinschreiben und in welcher Reihenfolge? Was lasse ich besser weg? Hab ich mir überhaupt die richtige Stiftung ausgesucht?
Sven Gramstadt hat selber ein Stipendium bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und gibt seine Erfahrung gerne weiter. Viele der ehrenamtlichen Mentoren sind zu „ArbeiterKind.de“ gekommen als sie selber Rat suchten. Sie wollen ihre Erfahrung weitergeben an Studieninteressierte und Studierende, die heute in der selben Situation stecken. Auch Melanie hatte sich in Münster nach ihren Erfahrungen in Frankreich der örtlichen Arbeiterkind.de-Gruppe angeschlossen und Studierende beraten.
Erste Hürden schon in der Schule
Schon früh konnte man erkennen, dass sie aufgrund ihrer Herkunft schlechtere Startbedingungen für ein Studium hatte als Kinder von Akademikern, sagt sie rückblickend. Melanie hatte sehr gute Noten in der Grundschule. In ihrer Empfehlung für die weiterführende Schule stand: „Gymnasium oder Gesamtschule“. Die Lehrerin riet der Familie trotzdem davon ab, ihre Tochter auf das Gymnasium zu schicken. Es gebe doch auch sonst keine Akademiker in der Familie. Außerdem habe Melanie einen Migrationshintergrund und werde die Anforderungen kaum erfüllen können, hieß es.
Doch Melanie hatte Glück. In ihrem Patenonkel fand sie einen vehementen Fürsprecher. „Bei den guten Noten kommt das Kind auf’s Gymnasium“, sagte er. Und setzte sich durch.
Die nächste große Hürde war dann der Sprung vom Gymnasium an die Uni. Mit einem sehr guten Abitur in der Tasche dachte sie: „Mir steht die Welt offen.“ Doch die Ernüchterung an der Universität folgte schnell. Einer der ersten Wege führte Melanie zum BaföG-Amt. Sie bekam bürokratische Formulare ausgehändigt, die sie nicht verstand. Ihre Eltern wussten erst Recht nicht, was die Behörde von ihnen verlangte. So fand sie sich mit leeren Formularen vor dem Sachbearbeiter wieder. Sie bat ihn um Hilfe, doch der Mann hinter dem Schreibtisch entgegnete ihr nur knapp: „Ihre Eltern haben da unten nicht unterschrieben. Kommen Sie wieder, wenn die Formulare ausgefüllt sind.“
„Eigene Erfahrungen weitergeben“
Mit Hilfe von Freunden und „Arbeiterkind.de“ konnte sie diese und viele weitere Herausforderungen meistern. Heute weiß sie, wie schwierig es für ein Arbeiterkind an der Uni ist. Und das auch dann, wenn es sehr gute Noten in der Schule hatte. Heute möchte Melanie von ihren Erfahrungen „etwas weitergeben“ an die nächste Generation von Nichtakademikerkindern.
„ArbeiterKind.de“ wurde 2008 als lokale Initiative in Gießen von Katja Urbatsch gegründet. Inzwischen arbeiten in der gemeinnützigen Initiative über 5.000 ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren in 70 lokalen Gruppen sowie in einem sozialen Netzwerk auf der eigenen Internetplattform. ArbeiterKind.de hat in den letzten Jahren zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Deutschen Engagementpreis und die Hochschulperle des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft.
Anmerkung der Redaktion: Auf Wunsch von Melanie S. haben wir ihren Namen geändert.