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Themenwochen Arbeit, Wirtschaft und Energie
16. October 2012 - Christine Kroke

Festanstellung verzweifelt gesucht

Immer mehr junge, gut ausgebildete Arbeitnehmer bekommen keine Festanstellung mehr. (Foto: dpa)

Ausbildung, Studium, Praktika und Fortbildungen – gute Ausbildung gleich guter Job, das war einmal. Viele junge Menschen hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten. SPD.de hat mit drei jungen Frauen aus unterschiedlichen Branchen darüber gesprochen wie es ist, top-ausgebildet zu sein und trotzdem nicht für die Zukunft planen zu können.

„Meinen Traum vom kleinen Häuschen sehe ich gerade vor meinem inneren Auge zerplatzen. Ich bekomme ja nirgendwo einen Baukredit“, sagt Lisa Hoffmann. Die 27-Jährige lebt im rheinland-pfälzischen Trier und wird in dieser Woche ihr zweites Staatsexamen machen. Dann ist sie Realschullehrerin für die Fächer Geschichte und Französisch. „Da ich Mutter bin, möchte ich mich danach für eine Stelle mit 21 Stunden pro Woche bewerben“, sagt die 27-jährige.

Ob Lisa diese Stelle als Lehrerin aber bekommen wird, ist noch völlig unklar. „Für die Absolventen unseres Uni-Jahrgangs ist es derzeit noch absolut offen, ob wir überhaupt ein Stellenangebot bekommen. Das hängt von sehr vielen Umständen ab: Von der studierten Fächerkombination bis hin zum Bedarf an den jeweiligen Schulen. Dabei kommt es mittlerweile nicht selten vor, dass man leer ausgeht. Ich kenne Absolventen der vergangenen Jahre, die beziehen inzwischen Hartz 4“, erzählt die junge Mutter

Lisa und ihr 3-jähriger Sohn.
Lisa und ihr 3-jähriger Sohn. (Foto: privat)

Hartz 4 mit Lehramtsstudium 

Ein Lehramtstudium galt lange Zeit als „Nummer Sicher“: Nach dem Studium ins Referendariat und danach auf die unbefristete Stelle, die Verbeamtung dann nur noch reine Formsache. Darüber kann Lisa heute nur lachen: „Eine Verbeamtung ist für Lehramtstudenten meines Jahrgangs reine Utopie. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Rheinland-Pfalz hat uns vor kurzem mitgeteilt, dass auf rund 80 Absolventen höchstens 4 Planstellen, also Beamtenposten kommen. Diese 80 Absolventen – das sind allein die Bewerber aus Trier. Hinzu kommen dann noch diejenigen, die sich aus ganz Deutschland bewerben.“ 

Überhaupt eine Stelle zu bekommen – das ist das eine Problem. Diese über einen längeren Zeitraum auch zu behalten das zweite. „Man hangelt sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Manchmal sind die Stellen nur auf wenige Monate begrenzt. Mein Mann, der auch Lehrer ist, war von den Sommerferien bis jetzt zu den Herbstferien an der einen Schule. Von den Herbstferien bis zu den Weihnachtsferien unterrichtet er an der nächsten“, erklärt Lisa. 

„Planungssicherheit hat man dadurch keine. Ich komme aus einer ländlichen Region. Da ist man es gewohnt, nach der Berufsausbildung ein Auto zu kaufen und ein Haus zu bauen. Ganz normale Sachen, um eine Familie zu gründen. Das ist derzeit einfach nicht machbar“, sagt die 27-Jährige enttäuscht. 

Einheitliche Richtlinien

„Ich verstehe einfach nicht, dass überall Lehrermangel herrscht und Unterricht ausfällt, während Lehramtstudenten keine Stelle bekommen beziehungsweise nur befristet eingestellt werden. Wie kann das sein?“, wundert sich die junge Mutter. „Deshalb wünsche ich mir von der Politik eine einheitliche Richtlinie. Dass man feststellt: Wo werden Lehrer gebraucht. Und für die muss man dann eben auch Geld locker machen, um ihnen anständige Verträge zugeben. Wir beharren ja nicht auf den Planstellen und auf der Verbeamtung. Aber es kann nicht sein, dass die einen auf Planstellen sitzen, die zweiten Angestellt sind und die dritte nur noch befristete Verträge kriegen – und alle machen den gleichen Job. Das muss anders werden“, fordert Lisa. 

Fundierte Ausbildung – guter Vertrag ?

Wie es ist, in eine unsichere Zukunft zu schauen, das weiß auch Victoria K. aus Neuwied im Rheinland. „Ich habe nach der Mittleren Reife ein einjähriges Vorpraktikum gemacht, war dann zwei Jahre auf der Schule für Sozialwesen um den Beruf der Erzieherin zu lernen. Abschließend absolvierte ich ein einjähriges Anerkennungsjahr in einem Wohnheim für Geistig- und Sehbehinderte (Blindenschule). Nach dem vierten Jahr hat man automatisch Fachabitur. Ich dachte: Diese Ausbildung lohnt sich. Damit wirst du einen guten Vertrag als Erzieherin bekommen“, schildert Victoria ihren beruflichen Werdegang. 

„Nach dem Anerkennungsjahr habe ich an der Blindenschule einen Vertrag über ein Schuljahr bekommen. Bis zum allerletzten Tag des Schuljahres wusste ich nicht ob mein Vertrag verlängert wird oder nicht. Schließlich bekam ich den Vertrag für ein weiteres Jahr. Nach diesem zweiten Jahr durfte ich noch mal ein Jahr länger an der Schule bleiben – diesmal als Vertretung für eine andere Lehrerin“, erklärt die 28-jährige. „Eine reguläre Festanstellung konnten sie mir angeblich wegen fehlender Gelder nicht anbieten. Die Schule wurde gerade umstrukturiert und das Geld floss eben in diese Umstrukturierung. In der Zeit war es eher wahrscheinlich, dass Leute hätten entlassen werden müssen“, beschreibt die Erzieherin ihre ersten Jahre im Beruf. Nach dem vierten befristeten Vertrag kündigte sie.

Victokria k.
Victoria K.erfuhr oftmals erst am letzten Arbeitstag, ob ihr Vertrag verlängert wird. (Foto: privat)

Zweifel und Unsicherheit

„Wenn du in dieser Situation bist, beginnst du an allem zu zweifeln. Du fragst dich, warum du diese Ausbildung überhaupt gemacht hast? Das Selbstbewusstsein leidet sehr“, beschreibt Victoria ihren damaligen Gemütszustand. „Man hat eine fundierte, fachstudienähnliche Ausbildung gemacht und arbeitet damit ja am Menschen und nicht an einem Produkt. Das wird überhaupt nicht honoriert. Außerdem muss man ständig damit rechnen bald wieder arbeitslos zu sein. Ein Auto oder eine größere Wohnung ist dann einfach nicht drin“, weitet die Rheinländerin ihre Kritik aus.

Gleichzeitig wiegelt sie ab: „Wir wissen auch, dass sich die Arbeitsrealität in den vergangenen zehn Jahren sehr gewandelt hat. Die Leute, die in den letzten zehn Jahren in den Beruf eingestiegen sind kennen das: Kurze Vertragslaufzeiten, schlechte Konditionen. Bei den älteren Generationen sieht das noch ganz anders aus“, sagt die 28-Jährige. Inzwischen hat Victoria einen unbefristeten Vertrag bei einem neuen Arbeitgeber. Doch der Weg dorthin war lang.

Victoria hat eine klare Vorstellung davon, was in ihrer Berufsgruppe besser werden muss: „In der Arbeit mit Menschen mit Behinderung sollten nur Verträge vergeben werden, die mindestens zwei Jahre laufen. Da in diesem Beruf der physische und psychische Verschleiß sehr hoch ist, darf man die Arbeitnehmer vertraglich oder durch Herabstufung trotzdem nicht dazu zwingen, länger zu bleiben als sie wollen. Viele kündigen oder wechseln den Job, weil sie einfach überlastet sind oder mal woanders arbeiten wollen. Diese Erzieher werden dann im neuen Job vertraglich herabgestuft und müssen in der Gehaltsordnung wieder von vorne anfangen.“ 

Vier befristete Verträge in fünf Jahren

Ähnliches erzählt auch Joelle Coutinho. Die 31-Jährige hat 2000 ihr Abitur gemacht und studierte im Anschluss Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaften an den Universitäten Bonn und Trier. 2007 machte sie ihren Abschluss. Im gleichen Jahr erhielt sie ihre erste Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Forschungsinstitut in Trier. Die Stelle war auf zwei Jahre begrenzt.

Nach diesen zwei Jahren wechselte sie an ein Forschungsinstitut in München. Wieder arbeitete sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin – und wieder befristet. In den kommenden Wochen beginnt Joelle ihre Arbeit für das nächste Forschungsprojekt, diesmal in der Projektadministration. Und wieder ist ihr Vertrag auf zwei Jahre befristet. Es ist nun ihr vierter befristeter Vertrag. 

„Wegen dieser Schwierigkeiten findet bei mir Familienplanung derzeit überhaupt nicht statt. Glücklicherweise hat mein Freund einen festen Job. Aber als Frau bin ich einfach nur Zuverdienerin“, kritisiert Joelle

Joelle Coutinho
Joelle Coutinho arbeitet in der wissenschaftlichen Poltikberatung an einem Münchner Forschungsinstitut. (Foto: privat )

Mindestlaufzeit für Verträge

„Mein Vertrag über zwei Jahre ist ja schon Luxus. Meistens bekommt man nur Verträge über acht Monate. Nach Vertragsende bekommt man dann nur Hartz 4. Viele hoffen wenigstens einen Vertrag zu bekommen, der auf ein Jahr befristet ist. Dann bekommt man wenigstens ALG 1. In einer Stadt wie München kann man davon aber nicht leben“, schildert die Politikberaterin die Schwierigkeiten. 

Das Thema Befristung ziehe sich wie ein Roter Faden durch den ganzen Wissenschaftssektor, so Joelle. Zusätzlich würden die Befristungen immer kürzer. Deshalb hat die 31-jährige genaue Vorstellungen davon was sich ändern muss:

„Für wissenschaftliche Mitarbeiter – ob an Unis oder in Forschungsprojekten – wünsche ich mir mehr Planungssicherheit. Arbeitgeber sollten gesetzlich verpflichtet werden Fristen einzuhalten. So dass man als Arbeitnehmer rund sechs Monate im Voraus weiß, ob der Vertrag verlängert wird. So könnte man deutlich besser planen. Außerdem sollten Verträge eine Mindestlaufzeit von einem Jahr haben. Damit wäre garantiert, dass man wenigstens ALG 1 bekommt, wenn der Vertrag ausläuft“, fordert Joelle Coutinho.

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19. October 2012 • 20:23 Antworten

Axel_Saenger

Festanstellung verzweifelt gesucht... dieses Thema ist zu einem "Reizthema" geworden.Planungssicherheit gibt es aber seit über dreißig Jahren auch für die Unternehmen nicht mehr.Die Industrielle Revolution,die nach dem Übergang Alteuropas in die Moderne durch die Französische Revolution als Zäsur gesetzt wurde,ist seit langem nicht mehr aktuell.Es gibt zu viele Produkte und einen Verdrängungswettbewerb.Was dies mit den Arbeitsplätzen in der Wissenschaft und Kultur zu tun hat? Nun, die Kultur zum Beispiel ist von den Wirtschaftsplanern zunehmend auf die Funktion eines "Wirtschaftsfaktors" reduziert worden.Man hat angenommen,dass sich Wirtschaftsunternehmen ansiedeln,wenn ein Appendix an Kulturangeboten am jeweiligen Standort vorgehalten wird.Ich denke,dass man auf diesem Wege ebensowenig weiterfahren kann,wie mit Schuldzuweisungen an die Politik.Wissenschaft und Kultur sind nicht den Wirtschaftsunternehmen als ein Standortfaktor nur anzuhängen.Wirtschaftliche Entwicklung verläuft immer diskontinuierlich.Dass wir glücklicherweise lange keinen Krieg in Deutschland hatten,sollten wir als ein hohes Gut weiterhin erhalten und durch unser Verhalten fördern.Es wäre nur dumm,alles Errungene wieder zu zerstören,so dass wir "wieder Arbeit haben und es aufbauen können".Ich denke,dass wir für unsere Planungssicherheit eine Perspektive ausdenken und erarbeiten müssen,die die dauernde Bewahrung des Friedens fördert und als unser höchstes "Produktionsziel" zum Gegenstand macht.

16. October 2012 • 18:27 Antworten
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Gelöschter Nutzer

Diese Themen sind bekannt und deswegen auch diese Debatten über: Fachkräftemangel ???, Singlehaushalte steigen, es werden weniger Kinder geboren, Armut steigt in D, zukünftige Altersarmut........... ! Hauptsache, wir sind/waren EXPORTWELTMEISTER ! Diese Wirtschaftsform ( nur auf Wachstum) ist schwer krank ! Gebt den jungen Leuten endlich,endlich eine Perspektive !!! Ihr (SPD) seit die Mitverursacher !