Themenwochen Arbeit, Wirtschaft, Energie
26. October 2012 - Christine KrokeArm trotz Arbeit
Immer mehr Festangestellte leben und arbeiten trotz Vollzeitjob in prekären Verhältnissen. SPD.de hat mit einer Friseurin, einer PR-Beraterin und einem Lehrling gesprochen. Sie berichten davon wie es ist, wenn man trotz 12 Stunden Arbeit täglich jeden Cent umdrehen muss.
„Meine Zukunftsplanung liegt momentan auf Eis. Und selbst wenn ich Pläne hätte – einen Bankkredit bekomme ich bei meinem Gehalt sowieso nicht. Eine Friseurin, die ein Auto besitzt und sich auch noch alleine eine Wohnung leisten kann, die habe ich jedenfalls noch nie kennengelernt“, sagt Michele Krahe resigniert.
Ein Stundenlohn unter sechs Euro
Die 27-jährige Friseurin aus Andernach im Rheinland hat einen Realschulabschluss. Danach absolvierte sie eine Ausbildung zur Friseurin in einem gehobenen Salon. Seit 2006 ist sie Gesellin. Bis vor ein paar Monaten war sie in dem Salon angestellt, in dem sie auch ihre Ausbildung absolvierte.
„In der ersten Zeit bekam ich dort 1086 Euro brutto. Nach der Gehaltserhöhung waren es dann 1100 Euro brutto. Rausbekommen habe ich 830 Euro. Die Miete kostet mich im Schnitt 500 Euro. Da bleibt natürlich nicht mehr viel übrig. Ich habe mir das mal ausgerechnet: Das ist ein Stundenlohn von unter sechs Euro“, erklärt Michele.
830 Euro für einen Arbeitstag, der durchschnittlich 12 Stunden dauert. „Gegen acht Uhr muss man im Laden sein um für die Öffnung um neun Uhr alles vorzubereiten. Mittagspausen fallen oft aus, weil in der Zeit natürlich auch Kundentermine anstehen. Bei Öffnungszeiten bis 19 Uhr ist man vor 20 Uhr in der Regel nicht zu Hause. Hinzukommt, dass man den ganzen Tag steht. Abends ist man dann völlig fertig – und Samstags muss man auch noch ran“, beschreibt Michele ihren Arbeitsalltag.
Vollzeit unter dem Existenzminimum
Derzeit ist die 27-jährige auf Jobsuche und will sich weiterbilden. Fortbildungsmaßnahmen sind aber teuer, sagt sie: „Rund 7000 Euro würde mich eine Fortbildung kosten. Ich habe bereits versucht, bei der Bank dafür einen Kredit aufzunehmen. Trotz Festanstellung und unbefristetem Vertrag wollte man mir keinen Kredit geben, denn das was ich ‚rauskriege’ liegt bei den Banken unter dem Existenzminimum. Alleinverdienende Friseurinnen kriegen von Banken wohl prinzipiell keinen Kredit“.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würde Michele gerne mal „die Meinung geigen“ – „Damit sie mal sieht, wie schwierig das Leben unter diesen Umständen ist. Du reißt dir jeden Tag ein Bein aus und krebst trotzdem am Existenzminimum rum. Es muss sich dringend etwas ändern“, kritisiert die Rheinländerin.
Was sich ändern müsse, dass weiß die Friseur-Gesellin auch schon ganz genau: „Wir brauchen dringend einen gesetzlichen Mindestlohn. 8,50 die Stunde, das wäre super. Das würde vieles ändern. Wir wollten mal für einen Mindestlohn demonstrieren, aber dann hat man uns gedroht, viele Friseurinnen würden ihren Job verlieren, wenn es einen Mindestlohn gäbe. Das glaube ich nicht. 8,50 die Stunde, die müssen drin sein!“
Magister Armium
Wie sich harte Arbeitstage zu schlechten Löhnen anfühlen, das weiß auch Yasemin Uyar aus Köln. Die 34-Jährige hat Kulturwissenschaften, Germanistik und Arbeitswissenschaften an der Uni Bremen studiert. Davor machte sie eine kaufmännische Ausbildung. „Nach der Ausbildung hat man mir dort eine Festanstellung zu guten Konditionen angeboten. Aber ich wollte studieren. Um mich weiterzubilden, aber auch weil ich dachte, ich hätte danach Chancen auf ein noch besseres Gehalt und einen noch interessanteren Job“, erzählt sie.
Yasemins erster Job nach dem Magisterabschluss war in einer Kölner Webeagentur. Dort war sie zuständig für PR und Medien. Nach ein paar Monaten verließ sie die Agentur, weil sie die Chance auf eine Trainee-Stelle hatte. „Das ist mit einem Volontariat vergleichbar. Ich sah es als Ausbildung an, denn in die PR- und Werbebranche kommst du ohne ein Trainee- Programm gar nicht mehr rein“, sagt Yasemin.
„Da habe ich 1250 Euro Brutto verdient. Das war weniger als nach meiner kaufmännischen Ausbildung. Im Schnitt habe ich täglich neun bis zehn Stunden gearbeitet - das entspricht einem Stundenlohn von rund 6 Euro. Zwar gab es da auch eine stetige Steigerung des Gehalts. Allerdings in minimalen Schritten. Wenn man auf so einem niedrigen Niveau anfängt, kommt da auch nicht viel rum“, erklärt die 34-jährige.
Das Gehalt reicht grad für die Miete
Yasemin geht weiter ins Detail: „Ich war zwar Trainee, wurde den Kunden aber als Beraterin verkauft. Ich hatte also den gleichen Druck, wie ein ausgelernter Angestellter, bekam aber viel weniger Geld. Das war ungeheuer frustrierend!“
Hinzu kommt, dass die meisten PR- und Werbeagenturen in den Metropolen wie Hamburg, Köln, München oder Berlin ansässig sind und dort ist das Leben nun mal teurer als in den kleinen Städten oder auf dem Land. „Von meinem Traineegehalt konnte ich in Köln nicht leben. Die Mieten hier sind sehr teuer und allein ein Essen in der Mittagspause geht ziemlich ins Geld. Allein die Miete kostete mich fast die Hälfte des Gehalts“, beschreibt sie die Widrigkeiten der ersten Berufsjahre.
Ihr Freund habe in der Zeit einen erheblichen Anteil aller anfallenden Kosten übernommen. „Wenn wir dann mal Essen oder auf eine Party gegangen sind, hat mein Freund mich eingeladen. Damit hatte ich auf einmal eine Rolle inne, die ich niemals haben wollte. Meine Unabhängigkeit war mir immer wichtig. Man geht arbeiten und findet sich auf einmal in dieser Weibchenrolle wieder und kriegt so ´ne Art Haushaltsgeld. Das wollte ich nie“, sagt Yasemin.
Mindestlohn für Kreative!
Nach ihrer Zeit als Trainee fand sie eine besser bezahlte Anstellung.Trotzdem findet sie, dass sich in der Kultur- und Medienbranche besonders für Berufsanfänger einiges verbessern muss: „Die Kultur- und Medienbranche ist besonders bei Akademikern sehr beliebt und deshalb wahnsinnig überlaufen. Dadurch haben die Firmen die Möglichkeit die Löhne zu drücken. Nach dem Motto: Wenn du es nicht zu diesen Konditionen machen willst, finden wir eben jemand anderen. Dieser Ansatz ist ein Unverschämtheit!“
Was muss also passieren? Yasemin schlägt eine Art Mindestlohn für Akademiker in der Kultur- und Medienbranche vor, auch wenn das natürlich schwierig umzusetzen sei. „Es gibt aber für diese Branche Vorgaben für Gehaltsstandards und Rahmenverträge. An die hält sich nur niemand. Eine gesetzliche Verpflichtung zur Einhaltung der Rahmenvereinbarungen und Verträge – das wäre eine Idee!“
Kochlehre mit 385 Euro Netto
Wieder anders stellt sich die Situation bei Jan-Philipp Groß dar. Der 18-Jährige macht derzeit eine Ausbildung zum Koch in einem Sterne-Restaurant in der Nähe von Trier.
„Ich bin jetzt im dritten Lehrjahr. Als ich auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz war, gab es kaum Interessenten für die Ausbildung zum Koch. Ich fand und finde immer noch, dass es ein schöner Beruf ist, deshalb entschied ich mich für die Lehre.“
Doch die Ernüchterung kam schnell. Arbeiten wenn andere Freizeit haben, lange Arbeitstage, ein hohes Arbeitstempo und ein rauer Umgangston. Hinzu kommt der niedrige Lohn: „Mein Monatsbruttogehalt beträgt jetzt im dritten Lehrjahr 585 Euro Brutto. Nach Abzug der Sozialversicherung und der vermögenswirksamen Leistungen bleiben mir netto ganze 385 Euro. Meine Aussichten im ersten Gesellenjahr belaufen sich auf 1200 Euro Brutto.
Hohe Arbeitsbelastung, wenig Zeit für Freunde
Der Lohn stehe in keinem Verhältnis zu seinen geleisteten Arbeitsstunden, sagt Jan-Phillip. „Im September habe ich 169 Stunden gearbeitet – wobei die Stunden in der Berufsschule nicht mit eingerechnet werden. Das wären dann insgesamt 200 Stunden plus Hausaufgaben, Arbeitszeiten an Wochenenden und an Feiertagen bis tief in die Nacht.“
„Meine Freunde können sich glücklicherweise auf meine Arbeitszeiten einstellen. Wir treffen uns oft zu ‚unüblichen Zeiten’, sonst würde ich die gar nicht mehr sehen. Aber das wusste ich schon vor der Ausbildung. Was ich nicht wusste: Du bekommst nirgendwo einen Kredit, um deine Situation zu verbessern“, erzählt der 18-Jährige.
Kein Kredit trotz Arbeitsvertrag
Ähnlich wie Michaela wurde auch Jan-Phillip ein Kredit bei der Bank verwehrt. Trotz Festanstellung und dem Angebot zur Übernahme sei der Verdienst so klein, dass auch er als Koch unter dem Existenzminimum liege.
Für den 18-jährigen ist vollkommen klar, was sich in seiner Branche ändern muss: „Ein Mindestlohn muss dringend her. Wenn man 8,50 Euro pro Stunde bekäme, würden sich viele Probleme lösen lassen. Außerdem sollte es für die Gastronomie eine Arbeitszeitregelung geben. Eine bestimmte Monatsstundenzahl oder zumindest ein gewisser zeitlicher Abstand zwischen den Schichten, das wäre mein Vorschlag.“