Hauptinhalt

Interview mit Sigmar Gabriel in der HAZ
05. January 2013

McAllister lässt Regionen einfach verkommen

Sigmar Gabriel: Die CDU/FDP-Landesregierung ist nicht beliebt (Foto: Bea Marquardt / SPD)

Niedersachsen SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil wird als Ministerpräsident dafür sorgen, dass Kinder früher gefördert werden - durch verstärkten Ausbau der Kindertagesstätten und wesentlich mehr Ganztagsschulen. Das sagt Sigmar Gabriel im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Der SPD-Chef sieht kurz vor der Landtagswahl gute Chancen in Niedersachsen für einen Politikwechsel. SPD.de dokumentiert das Interview im Wortlaut.

HAZ: Herr Gabriel, in der neuesten Umfrage zur Landtagswahl rutscht die SPD einen Prozentpunkt hoch, trotz des neuesten Steinbrück-Interviews zum Thema Kanzlerinnengehalt. Nützt oder schadet der Kanzlerkandidat im Landtagswahlkampf?

Gabriel: Peer Steinbrück ist der richtige Kanzlerkandidat zur richtigen Zeit. Alle wissen, so gut wie in den letzten drei Jahren bleibt es nicht, es kommen wirtschaftlich schwierigere Zeiten. Die Sozialdemokratie ist immer dann erfolgreich, wenn sie sich nicht nur auf ihre soziale Kompetenz verlässt. Die haben wir sowieso. Wir brauchen auch wirtschaftliche und finanzpolitische Kompetenz. Steinbrück führt diese Dinge zusammen, deshalb ist er der richtige Kandidat.

Geht der eine Prozentpunkt Zugewinn nun aufs Konto der Steinbrück-Nominierung oder des Spitzenkandidaten Weil?
Das ist vor allem ein ausgezeichnetes Signal für die Niedersachsen-SPD! Es gibt seit Monaten eine deutliche Mehrheit für Rot-Grün in Niedersachsen. CDU und FDP haben keine Mehrheit. Die relative Stärke der CDU, in Niedersachsen und auch bundesweit, geht immer zu Lasten der FDP. Jetzt geht’s um die Frage: Schaffen SPD und Grüne eine eigene Mehrheit wie in Nordrhein-Westfalen oder in Rheinland-Pfalz, oder kommt es zu einem Patt? Deshalb werden die Wahlen in diesem Jahr spannend - im Land Niedersachsen wie später in Bund.

Aber dennoch liegt David McAllister (CDU) weit in der Beliebtheit vor dem SPD-Spitzenkandidaten Stephan Weil. Muss sie das nicht beunruhigen?
Das ist normal. Ein Politiker, der zum ersten Mal antritt, hat nicht die Bekanntheit wie ein Regierungspolitiker, der seit zehn Jahren in der Landespolitik präsent ist.

Wie aber will die SPD eine beliebte Regierung „knacken“?
Offenbar ist die CDU/FDP-Regierung in Niedersachsen nicht beliebt, sonst hätten sie ja eine Mehrheit. Und Gründe für diese Unbeliebtheit gibt es ja auch genügend. Die Menschen sehen doch, dass das Land mehr verwaltet als regiert wird und dass CDU und FDP keine gemeinsame Antwort auf die großen Zukunftsfragen des Landes finden. Nirgendwo hat es ein so katastrophales Zeugnis für die Bildungspolitik gegeben wie durch die Bertelsmann-Stiftung, die kaum im Verdacht der SPD-Nähe stehen dürfte. Die Stiftung hat festgestellt, dass Niedersachsen das Land in Deutschland ist, in dem Kinder und Jugendliche die schlechtesten Aufstiegschancen im Schulsystem haben. Dafür stürzen aber hierzulande die meisten Schüler ab und werden nach unten durchgereicht. Das ist für die Eltern und Kinder eine Katastrophe - aber auch für die Wirtschaft. Denn der demografische Wandel und der Fachkräftemangel werden dazu führen, dass die Leute fehlen. VW und andere große Betriebe werden das weniger spüren, aber das Handwerk und der Mittelstand werden schon bald empfindlich betroffen sein.

Was würden Sie – Sie waren ja auch schon Ministerpräsident – dagegen tun?
Stephan Weil wird dafür sorgen, dass Förderung früher losgeht - durch verstärkten Ausbau der Kindertagesstätten, wesentlich mehr Ganztagsschulen. Statt da mehr zu tun, stimmt die Landesregierung im Bundesrat auch noch dafür, 2 Milliarden Euro für das unsinnige Betreuungsgeld der CSU auszugeben. Wir können doch nicht hinnehmen, dass ein Drittel der Schüler mit Migrationshintergrund keine Berufsausbildung macht und jedes Jahr tausende von Schülern ohne Abschluss die Schulen verlassen. Die haben doch keinen Abschluss, weil sie zu dumm wären, sondern weil sie keine hinreichende Förderung erfahren haben. Hinzu kommt: Niedersachsen ist, wenn Bayern aussteigt, das letzte Bundesland, das noch Studiengebühren erhebt. Statt mit Universitäten und Fachhochschulen junge Menschen im Lande zu halten, treiben CDU und FDP sie aus dem Land. Die SPD-Landesregierungen haben früher das Gegenteil gemacht. Die Konzeptlosigkeit der CDU/FDP-Landesregierung lässt inzwischen ganze Regionen in Niedersachsen verkommen. Während sich der Nordwesten Niedersachsens gut entwickelt, fällt der Südosten immer mehr zurück. Statt wie früher dagegen eine aktive Strukturpolitik zu setzen, die Infrastruktur, Bildung und Forschung fördert, schauen CDU und FDP tatenlos zu.

Wirtschaftliche Gegensätze hat es auch schon vor zehn Jahren zu Ihrer Regierungszeit gegeben...
Aber nicht in diesem Ausmaß und dieser Schärfe. Wir haben mit einer aktiven Strukturpolitik die Stärken des Nordwestens ausgebaut, jedoch in gleichem Maße die Schwächen des Südostens schrittweise beseitigt. CDU und FDP dagegen haben in den letzten 10 Jahren praktisch keinerlei Initiativen aufgegriffen – im Gegenteil, sie haben durch Missmanagement eher dazu beigetragen, dass wichtige Projekte wie der Tiefwasserhafen jahrelang verzögert wurden. Und die Landesregierung hat hingenommen, dass die Universität Göttingen, von der die meisten Nobelpreise kommen, aus der Reihe der exzellenten Universitäten gekippt ist. Offensichtlich ist der Landesregierung gar nicht klar, welchen Diamanten sie da in ihren Händen hält.

Aber was wollen Sie dagegen tun, dass einige Regionen „abgehängt“ werden - ein Problem, dass in Ostdeutschland schon länger zu beobachten ist - und andere prosperieren?
Eine SPD-Landesregierung würde sich jedenfalls erst mal heftig dagegen wehren, wenn Bayern mal wieder den Länderfinanzausgleich angreift und nicht auch noch Beifall klatschen, wie es die jetzige Landesregierung tut. Wenn Niedersachsen zusammen gehalten werden soll, dann wird das keine Landesregierung können, ohne Geld in die Hand zu nehmen. Dazu brauchen wir in der Bundespolitik keine Kannibalisierung unter den Ländern, wie Bayern das will. Sondern die Finanzströme müssen fairer verteilt werden. Es ist doch kein Zufall, dass von den 110 Spitzenforschungseinrichtungen der Frauenhofergesellschaft und der Max-Planck-Gesellschaft 50 in Bayern und Baden-Württemberg stehen und in ganz Norddeutschland in sechs Bundesländern - von Schleswig-Holstein bis Sachsen-Anhalt - nur 26. Zudem erhalten Bayern und Baden-Württemberg so viele Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft wie der ganze Norden zusammen. Das kann man doch nicht hinnehmen.

Was empfehlen sie?
Eine Neuordnung der Finanzströme. Ich glaube nicht, dass der Solidarpakt 2020 einfach wegfallen wird. Es wird darum gehen, diesen Solidarpakt neu aufzustellen, ihn nicht an der ehemaligen Zonengrenze zu orientieren oder an überkommenen Ost-West-Kategorien, sondern nach der Größe der Aufgaben und der Situation vor Ort - unabhängig davon, ob es nun im Norden, Süden, Osten oder Westen. Ebenso gehören die Finanzströme in ganz Deutschland auf den Prüfstand: die Mittel für den Straßen, Schienen und Wasserstraßenbau und für Flughäfen und Häfen ebenso wie für Forschungseinrichtungen, Universitäten oder Innovationszentren. Dafür könnte eine Landesregierung streiten, die nicht nur brav gegenüber einer CDU-FDP-Bundesregierung ist.

Ihr Feedback zu diesem Artikel:



Sie müssen ein SPD.de Benutzerkonto haben, um eigene Kommentare zum Beitrag zu verfassen.

Gleich anmelden oder einloggen