Peer Steinbrück im Interview mit der Braunschweiger Zeitung
12. January 2013"Ich freue mich auf den Wahlkampf"
Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kündigt an, sein Kompetenzteam paritätisch mit Frauen und Männern zu besetzen. Außerdem gibt er Auskunft über seinen Wahlkampf und sein Verhältnis zu Angela Merkel. Er redet über seine Vorschläge zur Steuerpolitik, stellt seine Pläne für die Energiewende vor und sagt, was er bei der Euro-Rettung anders machen würde.
SPD.de dokumentiert das Interview mit der "Braunschweiger Zeitung" in Auszügen:
Peer Steinbrück über... den Wahlkampf in Niedersachsen
Braunschweiger Zeitung: Herr Steinbrück, Sie engagieren sich stark im SPD-Wahlkampf in Niedersachsen. Wie wichtig ist für Sie diese Landtagswahl?
Peer Steinbrück: Wenn es zu einer rot-grünen Mehrheit kommt, wovon ich ausgehe, dann ist klar, dass Frau Merkel mit ihrer Koalition im Bund keine Mehrheit mehr hat. SPD und Grüne haben dann im Bundesrat eine Mehrheit, können dort Initiativen etwa zur Bildungspolitik ergreifen oder zum Kampf gegen Steuerhinterziehung. Ein Sieg von Stephan Weil ist also nicht nur für Niedersachsen wichtig. Für die SPD bedeutet das einen großen Schub. Und für mich natürlich auch.
Und wenn es nicht reicht?
Ich rechne fest mit einem Sieg von Stephan Weil. Dafür werden wir uns anstrengen bis zum Schluss. Wenn-Fragen sind was für die Medien, nicht für Wahlkämpfer.
Peer Steinbrück über... sein Verhältnis zu Angela Merkel
Kanzlerin Merkel hat uns neulich gesagt, sie freue sich auf Debatten mit Ihnen..
...(lacht) das kann ich gut verstehen ...
...geht es Ihnen umgekehrt auch so?
Ich freu mich drauf. Wir sind uns in den letzten drei Jahren kaum begegnet, das war davor in der Großen Koalition natürlich anders. Jeder kennt den anderen, da gibt es keine persönlichen Vorbehalte. Im Moment macht sie den durchsichtigen Versuch, sich mir als Herausforderer nicht zu stellen - das will sie wohl so lange wie möglich vermeiden. Aber die Themen, die den Bürgern unter den Nägeln brennen von Mieten über die 2-Klassen-Medizin bis hin zur Steuergerechtigkeit und bessere Bildungschancen, kommen auf die Tagesordnung, ich bin gespannt, ob sie sich dem stellen wird, etwa in Fernseh-Duellen.
In der Großen Koalition sah es so aus, als hätten Sie beide ein ganz belastbares Verhältnis...
Aber sie hat jetzt drei Jahre eine völlig andere Politik gemacht, die ich für falsch halte. Die schwarz-gelbe Regierung unter Merkels Führung bekommt handwerklich nichts hin, siehe Energiewende, und inhaltlich halten ja die mit großen Worten angekündigten Einigungen dieser amtierenden Koalition nur wenige Wochen. Wie jetzt zu sehen ist bei der sogenannten Lebensleistungsrente, eine große Etikette, in Wahrheit angesichts der minimalen Zuschläge nur zynisch zu nennen. Aber selbst das scheitert jetzt am internen Streit.
Peer Steinbrücks Kritik an Merkel:
Man weiß nicht, welches Gesellschaftsbild sie hat. Sie eckt nicht an, weil sie sich heraushält: Wie ist denn wirklich Merkels Haltung zu Studiengebühren, zum Betreuungsgeld, zur gleichen Bezahlung von Frauen und Männern? Wo will sie hin mit Deutschland in Europa - außer dem kurzfristigen Krisenmanagement, das anderen die Sparkeule über den Kopf zieht? Was tut sie dagegen, dass Millionen Vollzeit-Berufstätige von ihrem Niedriglohn nicht leben können? Nichts. Und bei der Energiewende herrscht das totale Chaos.
Was kritisieren Sie konkret?
Etwa, dass die Bundesregierung nicht in der Lage ist, für Investitionssicherheit bei Offshore-Windparks zu sorgen. Darunter leidet Niedersachsen besonders. Aus diesem Grund sind jetzt die SIAG-Nordsee-Werke in Emden bedroht. Die können alles, sind technologisch hervorragend, aber die Politik der Bundesregierung blockiert den Fortgang - und die Landesregierung verweigert Überbrückungshilfen.
Peer Steinbrück über... seine Päne für die Energiewende
Was würden Sie denn besser machen bei der Energiewende?
Ich werde ein eigenes Energieministerium einrichten, in dem die Kompetenzen innerhalb der Regierung zusammengeführt werden. Zweitens: Wir brauchen einen institutionellen Rahmen, in dem wir alle Beteiligten an einen Tisch holen: Bund, Länder, Kommunen, Energieversorger, Umweltverbände, Industrie. Drittens brauchen wir einen Masterplan zur Bewältigung der Herausforderungen - Experten müssen klären, welche Kraftwerkskapazitäten wir beim Übergang von Atomkraft zu Ökostrom wir benötigen, welche technischen Probleme zu lösen sind, welche Leitungsnetze wirklich benötigt werden. Und schließlich: Das Problem der Strompreise muss gelöst werden.
Was ist das für Sie das zentrale Problem: Die Energiekosten für die Wirtschaft oder für die Privathaushalte?
Uneingeschränkt beides. Wir brauchen eine Novelle der Ökostrom-Förderung und einen größeren Einsatz für mehr Energieeffizienz. Durch die Förderung der Gebäudesanierung und effizienter Geräte müssen wir den Energieverbrauch senken. Für sehr einkommensschwache Haushalte werden wir zur Entlastung den Heizkostenzuschlag wieder einführen.
Peer Steinbrück über... seine Pläne zur Steuerpolitik
In der Wirtschaft ist jetzt auch eine andere Sorge zu hören: Dass Rot-Grün die Steuern erhöhen und bei Unternehmen insbesondere auch die Substanz besteuern würde...
Das ist die übliche Gespensterbeschwörung. Wir haben deutlich gemacht, dass wir dem Mittelstand keine Steuern aufbürden, die ihre Investitionsfähigkeit beeinträchtigen. Umgekehrt ist aber auch für die Wirtschaft wichtig, dass diese Gesellschaft ihren inneren Zusammenhalt behält - auch dadurch, dass der Staat genügend Mittel hat, um mehr etwa für Bildung oder wirtschaftsnahe Infrastruktur zu tun. Deshalb müssen wir die Einnahmen des Staates verbessern, durch eine stärkere Besteuerung von Vermögen, Kapitaleinkünften und hoher Einkommen. Wir haben in den letzten 15 Jahren eine Drift in der Gesellschaft: Die meisten abhängig Beschäftigten haben in dieser Zeit keine Reallohnzuwächse, oft sogar Verluste erfahren - in den oberen Etagen gab es dagegen massive Zuwächse.
Peer Steinbrück über... Steuerhinterziehung und die Schweiz
Noch mal zu den Steuern: Wie geht es im Kampf gegen die Steuerhinterziehung weiter? Würden Sie selbst noch einmal einen neuen Anlauf zu einem Steuerabkommen mit der Schweiz unternehmen?
Das hängt vom Verhalten der Schweiz ab. Es gibt dort unterschiedliche Stimmen. Wir brauchen in jedem Fall einen wechselseitigen Informationsaustausch. Wenn es nicht zu neuen Verhandlungen kommt, ist der internationale Druck zu steigern. Wir müssen aber auch im Inland konsequenter Steuerhinterziehung bekämpfen - etwa durch eine bessere Ausstattung der Steuerverwaltung oder konsequentes Vorgehen gegen Banken, die Steuerhinterziehung ermöglichen. Wir werden nächste Woche dazu Vorschläge machen. Was mich im übrigen verwundert ist, warum der Transfer von griechischem Kapital auf Schweizer Konten, teilweise am Fiskus vorbei, lange Zeit kaum eine Rolle gespielt hat. Da hätten die Kanzlerin und die anderen EU-Regierungschefs im Europäischen Rat Kapitalverkehrskontrollen prüfen müssen, um das Kapital in Griechenland zu halten - auch die Regierung in Athen hätte handeln müssen.
Peer Steinbrück über... Differenzen bei der Euro-Rettung
Was hätten Sie bei der Euro-Rettung eigentlich anders gemacht, wenn Sie Kanzler gewesen wären?
Fünf Punkte: Ich hätte für eine geringere Dosis der Sparauflagen gesorgt, die jetzt zu hohen gesellschaftlichen Spannungen und Depression in den Krisenländerrn führen. Es hätte abgestimmte wirtschaftliche Impulse für die Krisenländer geben müssen. Eine ehrgeizige Bankenregulierung. Und eine Haftung des Bankensektors. Außerdem muss es mehr Unterstützung bei der Stärkung der Verwaltung in den Krisenländern geben. Frau Merkel hat ein sehr technisches Bild von Deutschland in Europa: Sie setzt das ökonomische Gewicht ein, um anderen Ländern Lösungen aufzudrängen, die in den südlichen Ländern zu schweren Belastungen führen. Wenn wir das einsparen müssten, was wir den Griechen abverlangen, wären das an die 150 Mrd Euro jährlich. Stellen Sie sich mal vor, was hier los wäre. Diese Politik isoliert Deutschland in Europa. Das ist gefährlich.
Natürlich wäre es manchen Ländern angenehmer, weniger sparen zu müssen, weil der deutsche Steuerzahler stärker eingreift.
Ich plädiere ja für Konsolidierung. Aber wir müssen aufpassen, dass die Dosis der verlangten Einsparungen nicht tödlich ist - sonst gefährden wir die Stabilität der Gesellschaften in den Krisenländern, etwa durch extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit. Diese Ignoranz ist mein Hauptvorwurf gegenüber Merkels Europapolitik. Zugleich hat sie stets behauptet, der Steuerzahler werde nicht belastet mit der Euro-Rettung. Jetzt muss die Regierung zugeben, dass es doch etwa kostet.
Wie teuer wird es noch?
Das kann niemand sagen. Herr Schäuble hat die ersten 740 Mio. zugegeben. Aber wir wissen das erst genau, wenn die Laufzeit der Staatsanleihen endet, für die wir Garantien übernommenen haben.
Peer Steinbrück über... seinen Wahlkampf
Es sind noch 253 Tage bis zur Bundestagswahl. Wie sieht ihre Marschroute aus?
Nach der Niedersachsen-Wahl wird es einen Wahlprogramm-Parteitag Mitte April geben - das könnte auch in etwa die Phase für die Benennung meines Kompetenzteam sein, das paritätisch mit Frauen und Männern besetzt wird. Dann folgt eine Mobilisierungsphase, in der ich viel durch Deutschland reisen werde. Mitte August feiert die SPD mit einem Deutschlandfest ihr 150-jähriges Jubiläum, dann beginnt die heiße Phase des Wahlkampfs - mit einem deutlichen Akzent in den letzten Tagen, weil sich viele Wähler kurzfristig entscheiden.
Was planen Sie für den Wahlkampf?
Wir werden jenseits der klassischen Großveranstaltungen neue dialogorientierte Formate haben: Nächste Woche beginnen wir in Niedersachsen mit sogenannten Wohnzimmergesprächen. Ich besuche Bürger und deren Gäste, vielleicht 20 Leute. Journalisten sind nicht dabei, aber die Gäste dürfen natürlich hinterher berichten, etwa in sozialen Netzwerken. Das Interesse ist groß, bei ersten Aufrufen gab es viele Bewerbungen. Wir werden auch sehr gezielt in kleinen Städten jeweils rund hundert Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen einladen - vom Arbeitslosen bis zum Arzt - und in kleinen Runden diskutieren.
Wahlkampf kann also doch noch Spaß machen?
Ja klar. Ich freu mich drauf.