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Thesenpapier von Sigmar Gabriel zu Banken und Finanzsektor
21. July 2012 - Sigmar Gabriel

"Eine Minderheit schadet der Mehrheit – und dem ganzen Land"

(Foto: dpa)

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat ein Thesenpapier vorgestellt, um die Banken und den Finanzsektor zu bändigen. Ein Ziel: Anstatt wie bisher Staaten zu erpressen und die Politik zu diktieren, müssen Banken auch pleitegehen können - ohne dass ganze Volkswirtschaften zusammenbrechen. Was halten Sie von den Vorschlägen? Schreiben Sie uns Ihre Ideen! Hier auf SPD.de - ganz einfach per Kommentar unterhalb des Artikels.

Das Thesenpapier von Sigmar Gabriel im Wortlaut

Wie immer gilt: Die Mehrheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deutscher, europäischer und internationaler Banken macht einen guten Job. Aber eine Minderheit von Bankmanagern riskiert durch ihr Verhalten täglich einen gigantischen volkswirtschaftlichen Schaden und hat einen massiven Vertrauensverlust für die gesamte Branche zu verantworten.

Das Vertrauen in Banken und Finanzmärkte wieder herzustellen, ist nicht allein die Aufgabe der Politik. Die anständigen und im besten Sinne „ehrbaren Kaufleute“ in Privatbanken, Sparkassen und Volksbanken müssen sich endlich laut und vernehmlich gegen die „schwarzen Schafe“ ihrer Branche zu Wort melden und eigene Vorschläge zur Regulierung machen. Wir alle brauchen die Banken und einen leistungsfähigen Finanzsektor. Aber wenn die Menschen den Banken wieder vertrauen sollen, muss sich die Finanzindustrie grundlegend ändern.

Aber auch die Politik ist gefragt: Sie hat in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht – auch in Deutschland.  Umso wichtiger, dass wir jetzt endlich umsteuern: Wir dürfen nicht nur klagen und jammern, wir müssen handeln.  Dabei sind die folgenden Punkte von besonderer Bedeutung.

  1. Banken erpressen die Staaten. Aus Angst vor dem „Dominoeffekt“ und dem gigantischen Schaden für die reale Wirtschaft durch ein Zusammenbrechen großer Teile des Bankensystems wurden und werden die Regeln der Marktwirtschaft bei Banken und an den Finanzmärkten auf den Kopf gestellt: Sie müssen für den Schaden, den sie anderen bereiten, nicht aufkommen.
    Das ist verantwortungslos im wörtlichen Sinn: Risiko und Haftung liegen nicht mehr in einer Hand. Gewinne werden privatisiert – Verluste hemmungslos sozialisiert.

    Deshalb brauchen wir endlich ein europäisches Bankeninsolvenzrecht, das dafür sorgt, dass große Pleite-Banken auch pleitegehen können – ohne dass ganze Volkswirtschaften zusammenbrechen. Zuerst müssen Aktionäre und Anleihegläubiger (nicht die Sparer) für ihre riskanten Geschäfte mit ihrem eigenen Vermögen haften -  und nicht die Steuerzahler und der Staat.

    Statt staatlicher Rettungsschirme muss es einen privatwirtschaftlichen Rettungsschirm („Banken-ESM“) der großen Banken untereinander geben, der durch eine europaweite Bankenabgabe finanziert werden muss.

    Wo trotzdem Banken durch staatliches Handeln „gerettet“ werden müssen, muss der Staat auch Eigentümer werden. Diese teilweise oder vollständige Verstaatlichung darf in Zukunft nicht mehr einzelfallbezogen erfolgen, sondern muss generelle gesetzliche Regelung werden, um ausreichend abschreckend auf die Aktionäre zu wirken.

  2. Banken diktieren die Politik. Sie betreiben auch heute riskante Geschäft als hätte es die Finanzkrise 2008 nicht gegeben. Und wenn es schief geht, „bestellen“ sie bei der Politik „Rettungspakete“. Diese Rettungspakete werden immer gewaltiger und ihre Verabschiedung hat den Deutschen Bundestag längst in einen permanenten verfassungsrechtlichen Ausnahmezustand gezwungen.

    Am schlimmsten aber ist: Die Politik erscheint der Bevölkerung immer mehr als ohnmächtiger oder willfähriger Handlanger von Banken und Finanzmärkten. Statt eine wirksame, harte und kompromisslose Regulierung und Bändigung des Finanzsektors zu ihrem Ziel zu machen, beugt sich die deutsche Bundeskanzlerin diesem Druck und fordert „marktkonformen Demokratien“.

    Die Bundestagswahl 2013 muss zu einer Entscheidung über die Bändigung des Banken- und Finanzsektors werden. Nicht die Demokratie muss marktkonform werden, sondern die (Finanz-)märkte demokratiekonform. Um das zu erreichen brauchen wir u.a.:
     
    - das Verbot des Hochfrequenzhandels, der sich inzwischen weitgehend jeder Kontrolle entzogen hat und Risiken maximiert statt zu minimieren.
    - die Pflicht zur ausreichenden Absicherung des Verlustpotentials im Derivatehandel.
    - eine ausreichende Eigenkapitalausstattung und größere nationale Einlagensicherungssysteme in Europa. 

    Banken müssen wieder „langweilig“ werden: statt der Profitfantasie durch überzogene Schuldenhebel muss wieder das traditionelle Geschäft der Finanzierung von der Realwirtschaft in den Mittelpunkt rücken.
     
  3. Einige Banken leisten Beihilfe zur Steuerkriminalität. Die aktuellen Fälle in der Schweiz zeigen: Manche Banken drücken nicht nur beide Augen zu, sie leisten nicht nur Beihilfe, sie sind Teil eines Netzwerks, das auch vor kriminellen Aktivitäten nicht zurückschreckt. Steuerhinterziehung und Beihilfe dazu sind keine „Sünden“, sondern schwere Straftaten, die mit bis zu 10 Jahren Haft bestraft werden können. Schwere und bandenmäßig organisierter Steuerhinterziehung in Millionenhöhe ist organisierte Kriminalität.

    Daher muss der Generalbundesanwalt verpflichtet werden, auch gegen ausländische Kreditinstitute und ihre Mitarbeiter im In- und Ausland die Strafverfolgung aufzunehmen.
     
  4. Banken zahlen unanständige Gehälter. Während die Kundebetreuer in der Filiale kurz gehalten werden, genehmigen sich die Top-Manager auch von Pleite-Banken üppige Gehälter und Boni. Wir wollen, dass ab einer bestimmten Obergrenze Vorstandsbezüge nicht mehr von der Steuer abgesetzt werden können. Statt Leistung lohnen sich häufig Rücksichtslosigkeit, Lüge, Frechheit und Betrug. Jüngstes Beispiel: die Skandale beim Verkauf des Energieunternehmens EnBW durch CDU-Politiker und Manager von Morgan-Stanley.

    Für die Schäden solcher Deals müssen die verantwortlichen Bankmanager mit ihrem Privatvermögen in Zukunft in Haftung genommen werden.

  5. Banken spekulieren riskant mit dem Geld ihrer Sparer. Wir wollen nicht, dass Sparer mit ihren Einlagen für Spekulationsverluste in Milliardenhöhe haften

    Deshalb muss der normale Bankbetrieb bilanziell oder rechtlich vom Investmentbanking getrennt werden.

    Der Bankensektor muss sich wieder gesund schrumpfen. Statt großer und nicht mehr kontrollierbarer Banken mit Bilanzsummen, die einem Mehrfachen der wirtschaftlichen Jahresleistungen ganzer Länder entsprechen, brauchen wir wieder kleinere Banken mit einem tragfähigen Geschäftsmodell.

  6. Banken zocken ihre Kunden ab. Sie können sich für weniger als einem Prozent Zinsen Geld bei der Europäischen Zentralbank besorgen. Nie war Geld für die Banken so billig. Aber die Kunden in Deutschland müssen für ihren Dispo-Kredit im Durchschnitt über zehn Prozent zahlen.

    Zentralbankkredite an Geschäftsbanken müssen mit Auflagen zur zinsgünstigen Weitergabe und Konditionen für deren Zinsstruktur verbunden werden.

  7. Banken halten sich nicht an „Selbstverpflichtungen“. Bis zu 670.000 Menschen haben in Deutschland kein Girokonto - obwohl die Banken versprochen haben, ein „Jedermann-Konto“ für alle anzubieten.

    Jetzt muss der Gesetzgeber ran, um die Kunden zu schützen.

  8. Banken manipulieren. Großbanken in London manipulieren den wichtigsten Leitzins mit krimineller Energie, Berater schwatzen arglosen Kunden auch in Deutschland Schrott-Papiere an – das zeigt: Viele Banken haben sich längst weit vom Ethos des ehrbaren Kaufmanns entfernt.

    Die Strafvorschriften und die private Haftung müssen deutlich verschärft werden.

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07. September 2012 • 10:42 Antworten

Lisa Price

Die Meere zu ueberfischen resultiert in arbeitslosen Fischern und hungrigen Fischessern. Es gibt also eine Balance zwischen der Menge die Gefischt wird und dem Nutzen fuer die Menschen. In den Wirtschaftswissenschaften nennen wir das das Equilibrium. Banken sind Dienstleister. Die Groesse einer Bank mit der Qualitaet seiner Dienstleistung an die Buerger ins Verhaeltnis gesetzt zeigt dass die Groesse einer Bank einen einfluss auf die Qualitaet der Diensleistung hat. Der Punkt, an dem eine Firma optimal fuer eine Gesellschaft und dem Investor funktioniert stellt ihr Equilibrium dar. Dieses Equilibrium wird nur zu gerne von der Firma ( mit dem Vorwand der Effektivitaet) ausgehebelt um mehr Profit fuer die Investoren zu generieren. Die Groesse und Macht bzw. Einfluss der Banken stehen nicht mehr in einem ausgeglichenen Verhaeltnis mit der Wirtschaft zum Wohle der Menscheit. Die Groesse der Banken haben das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft ausgehebelt und sind so maechtig geworden, dass ihr Zusammenbruch nicht mehr verantwortet werden kann. Wenn also eine Bank so gross ist, dass der Zusammenbruch dieser unproduktiven oder veralteten Bank nicht verantwortet werden kann, dann berauben wir uns dem Fortschritt und der Faehigkeit uns an die Veraenderungen in der Welt anzupassen.

02. September 2012 • 15:51 Antworten

Wowa

So manches, was die Berater Sigmar Gabriels ihm ins Thesenpapier geschrieben haben, kann ich unterstreichen. Daß er davon wenig umsetzen will, zeigt mir seine Zustimmung zum ESM-Gesetz. Er hat sich halt dazu gezwungen gesehen: „...Diese Rettungspakete werden immer gewaltiger und ihre Verabschiedung hat den Deutschen Bundestag längst in einen permanenten verfassungsrechtlichen Ausnahmezustand gezwungen....“ Meine Hochachtung gilt allen SPD-Abgeordneten, die mit Nein gestimmt haben. Ich halte es für einen Fehler, das nützliche Instrument „kapitalistische Marktwirtschaft“ auf große Banken anzuwenden. Sie gehören in gesellschaftliche, kommunale Hände.

02. September 2012 • 03:39 Antworten

K Stuelpner

Natürlich muss die Regulierung des Banken- und Finanzsektors Eingang in den Wahlkampf 2013 finden! Zum Einen sind diesbezügliche Unruhen verantwortlich für weitere soziale und wirtschaftliche Verwerfungen und schaden nicht nur den nationalen Ökonomien. Zum Anderen sind die allgegenwärtigen Medienberichte zur Thematik auch an der Basis der Gesellschaft präsent und schüren Ängste und Befürchtungen der BürgerInnen. Ein Partei, die es versäumt an gesellschaftlichen Strukturen zu rütteln, die eine Umverteilung zu Ungunsten der Bürgerinnen hin zum Finanzsektor begünstigen, hat jeden sozialdemokratischen Anspruch aufgegeben und ist nicht würdig, die Begriffe `sozial´ und `demokratisch´ im Namen zu tragen.

30. August 2012 • 13:05 Antworten

optimist

Das Einlagensicherungssystem muss verbessert werden: Man hat das ungute Gefühl, dass elementare Dinge des Wirtschaftskreislaufs wie Zahlungsverkehr ausfallen, wenn mehr als eine Bank und das bestehende Einlagsicherungssystem kippen. Das Vertrauen der Bürger in den Euro würde gestärkt, die Erpressbarbarkeit der Politik verringert, wenn die Einlagensicherung "die weltbeste" wäre und der Wirtschaftskreislauf trotz Dominoeffekt erhalten bliebe. Ich finde, dass der isländische Wirtschaftsminister in seinem "FTD -Artikel den richtigen Weg aufgezeigt hat":http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:euro-krise-europa-sollte-sich-island-als-vorbild-nehmen/70079806.html Die bestehende Einlagensicherung müsste wie folgt verbessert werden: # Bisherige Versicherungslösung der Einlagensicherung um eine Pflichtrücklage für alle Banken ergänzen, um wenigstens Kleinstsparer auszahlen zu können. # Jede Bank muss im Falle ihrer Pleite in einer Art "Notbank" den elementaren Geschäftsbetrieb für Geschäfts- und Privatkunden für einen gewissen Zeitraum (z.B. 1 Jahr) aufrecht erhalten können, um z.B. den bestehenden Zahlungs- und Kreditverkehr sicher zu stellen. Hierzu ist eine gesonderte Pflichtrücklage pro Bank zu bilden. # Überführung der "Notbank" in eine staatliche Treuhandanstalt, die den funktionierenden Rest der Bank geordnet verkaufen oder abwickeln kann. # Bildung und Verfügbarkeit dieser Rücklagen sowie regelmäßige Streßtests, die einen Dominoeffekt der Banken simulieren beaufsichtigen.

23. August 2012 • 17:08 Antworten

paulchenundich

Ich nehme Sigmar Gabriel ernst! Sollten die 8 Punkte aus dem Thesenpapier in das Bundestag-Wahlprogramm für 2013 Eingang finden, sehe ich die SPD auf gutem Wege. Ich denke hier auch an den Spruch von Müntefering, den ich wie folgt in Erinnerung habe: " Sie können mich nicht an dem Messen, was ich vor der Wahl gesagt habe" Eine Initiative der SPD zu den kriminellen Vereinigungen in der Finanz-Industrie sehe ich mit Freuden entgegen. Nach § 129 StGB sind Staatsanwaltschaften verpflichtet, Untersuchungen einzuleiten (öffentliches Interesse).