Hauptinhalt

Reaktionen auf Bankenkritik vom SPD-Parteichef
24. July 2012 - Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel antwortet

SPD-Parteichef Sigmar Gabriel: "Die Banken haben über ihre Verhältnisse gelebt." (Foto: Daniel Biskup)

Ich habe viele Reaktionen auf mein Banken-Papier bekommen – sowohl auf Facebook und SPD.de als auch per Mail. Vielen Dank dafür! Auf einige Fragen und Hinweise, die sich in unterschiedlichen Variationen wiederholen, will ich auf diesem Weg eingehen.

  • Deine Kritik an den Banken ist völlig unglaubwürdig. Schließlich hast du im Bundestag dem ESM zugestimmt.
    Die SPD hat sich sehr früh für einen dauerhaften Rettungsschirm ausgesprochen, der Staaten davor schützen soll, von den Finanzmärkten erpresst zu werden. Genau dazu dient der ESM. Er sorgt dafür, dass die Finanzmärkte nicht einzelnen Staaten den Geldhahn zudrehen können. Aber EFSF, ESM, all die Rettungspakete sind nur Krisenmanagement. Im besten Fall gewinnen wir die Zeit, an einer echten Krisenlösung zu arbeiten. Genau dazu – eine Diskussion über eine tragfähige Krisenlösung anzustoßen – dient mein Banken-Papier.

  • Über den EFSF – den Vorläufer des ESM – werden jetzt aber nicht nur Staaten unterstützt, sondern auch spanische Banken gerettet. Dem hast du selbst letzte Woche im Bundestag zugestimmt.
    Stimmt. Und das ist nicht schön. Aber die Alternative zur Zustimmung für die Spanien-Hilfe wäre noch unerfreulicher: Wenn der spanische Bankensektor zusammenbricht, würde Spanien noch tiefer in die Rezession rutschen – mit verheerenden Auswirkungen auch auf Arbeitsplätz in Deutschland. Denn wir können als Exportnation nicht erfolgreich sein, wenn die Staaten um uns herum in die Knie gehen. Banken sind notwendig zur Versorgung der Realwirtschaft mit Kapital. Deswegen muss ein - zurecht geschrumpfter - Finanzsektor erhalten bleiben. Wir können nicht unsere Kritik an den Banken auf dem Rücken der Menschen austragen. Deshalb habe ich mit Ja gestimmt.

  • Du beklagst die Erpressbarkeit der Staaten durch Banken. Aber Staaten wie Spanien sind doch selbst schuld, wenn sie so viele Schulden aufnehmen. Sie haben sich damit doch selbst den Finanzmärkten ausgeliefert!
    Gerade der Fall Spanien zeigt: Wir haben keine Staatsschuldenkrise, sondern eine Bankenkrise. Spanien hatte vor Beginn der Krise eine niedrigere Schuldenstandsquote als Deutschland, der Staatshaushalt ist erst in dem Moment aus dem Ruder gelaufen, als die ersten Banken „gerettet“ werden mussten. Nicht der spanische Staat hat über seine Verhältnisse gelebt, die Banken haben über ihre Verhältnisse gelebt!

  • Du schimpfst auf die Banken. Dabei habt ihr unter Schröder mit den ganzen Deregulierungs-Quatsch doch erst angefangen!
    Ja, Rot-Grün hat bei der Deregulierung der Finanzmärkte Fehler gemacht, auch die SPD hat sich dem neoliberalen Mainstream nicht stark genug entgegengesetzt. Wir sind in Teilen dem gefolgt, was uns die Wissenschaft und die Medien eingeredet haben. Das war ein Fehler! Allerdings muss man dazu sagen: CDU/CSU und FDP ging das noch nicht weit genug. Und in entscheidenden Punkten hat Schwarz-Gelb auch sinnvolle Regulierungen blockiert: Beispielsweise wollte die rot-grüne Bundesregierung schon damals Leerverkäufen – die Spekulation mit Wertpapieren, die man gar nicht besitzt – verbieten. Das haben CDU/CSU und FDP über ihre Mehrheit im Bundesrat verhindert.

  • Spätestens nach der Lehman-Pleite hättet ihr das Ruder rum reißen müssen – schließlich habt ihr da in der großen Koalition mitregiert!
    Peer Steinbrück hat als Finanzminister in der großen Koalition ein umfangreiches Paket zur Finanzmarltregulierung vorgelegt und auch international auf den Weg gebracht. Es gibt viele Gipfelbeschlüsse von EU und G20 mit guten Vorsätzen, allen voran die Erklärung von Pittsburgh aus dem Jahr 2009 – aber auch die Bundesregierung blockiert die Umsetzung. Es ist ein bisschen wie beim Elbhochwasser: Wenn das Wasser im Keller steht, sind sich alle einig, dass man in Überschwemmungsgebieten keine Häuser bauen sollte. Nach zwei Wochen ist die Sache vergessen.

  • Du beschimpfst in deinem Papier die vielen Tausend Bankangestellten, die Tag für Tag ihren Job machen – und dafür noch nicht mal übermäßig bezahlt werden!
    Nein, das tue ich explizit nicht. Ich weiß, dass einige wenige Bankmanager eine ganze Branche in Verruf gebracht haben, in der die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich nichts vorwerfen lassen müssen. Das habe ich auch gleich im ersten Absatz meines Papiers geschrieben. Wir brauchen funktionierende Privatbanken, Sparkassen und Volksbanken. Aber vielleicht brauchen wir auch den viel beschworenen „Aufstand der Anständigen“ unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?

  • In dem Papier stehen schöne Forderungen. Aber hätte man da nicht früher drauf kommen können?
    Mist, jetzt hat es doch jemand gemerkt. Keine der Forderungen ist wirklich neu. Alle genannten Punkte haben Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und ich in diversen Interviews immer wieder genannt. Wir haben zahlreiche Beschlusspapiere, bis hin zum Bundesparteitag, in denen diese Forderungen enthalten sind. Aber gelegentlich braucht es offenbar ein bisschen Zuspitzung, damit ein Thema auch in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird.


Brauchen wir eine radikale Bankenreform?


Ihr Feedback zu diesem Artikel:



Zum Artikel

Links

Thesenpapier von Sigmar Gabriel zu Banken und Finanzsektor

"Eine Minderheit schadet der Mehrheit – und dem ganzen Land"

Sie müssen ein SPD.de Benutzerkonto haben, um eigene Kommentare zum Beitrag zu verfassen.

Gleich anmelden oder einloggen

04. August 2012 • 23:08 Antworten

detlef.br

Warum kommt die SPD nicht von Ihren 27 Prozent Umfragen-Werte weg, wenn sie so kluge Vorstellungen hat ? 2009 war es genauso und wo ist man gelandet: bei 23 Prozent. Ein Schelm, der böses dabei denkt.

01. August 2012 • 09:46 Antworten

Wehner74

Sehr geehrter Herr Gabriel, Probleme die sie in ihrem Artikel gennant haben sind Probleme und Aspekte die sich in absehbarer Zeit nicht ändern lassen. Diese Probleme zu wälzen und zu drehen bringt nichts. Sie immer wieder zu besprechen bringt nichts. Es zählt nicht das, was man denkt oder meint oder will, sondern es zählt einzig und allein das was man tut. Deutschland hat etwas getan um die Banken in Spanien aus der Bankenkrise zu retten. Ob das gelungen ist, wird man sehen. Aber die wichtigste Frage ist doch, nach diesen Krisen, nach diesen Situationen die nicht hätten sein müssen, ob der Euro unsere Marktwirtschaft gefährdet. Und ich rede bei der Gefährdung nicht von der Bankengefährdung, sondern von der Gefährdung eines jeden einzelnen arbeitenden und normalverdienenden Bürgers. Die jüngsten Hinblicke, nämlich dass Moody´s den Blick für Deutschland nach negativ gerichtet hat, zeigt dass in gewisser Weise eine Gefährdung mehr oder weniger vorhanden ist. Natürlich hat man in früherer Zeit Fehler gemacht, auch in der SPD, dazu gehören auch die Rente mit 67. Aber was nützt das Drumherumreden und das Rumeiern, wenn alles so ist wie es ist. Nur, eine Situation, darf sich nicht verschlechtern. Entweder sie bleibt gleich oder verbessert sich. Meiner Meinung nach, ist das Problem auch, dass das Volk ein mangelndes Urteilsvermögen hat. Viele sagen, Griechenland soll aus der EU austreten und sehen die Folgen die schlimmer werden als jede Krise für Deutschland nicht. 01.08.2012

27. July 2012 • 10:04 Antworten

Cathy426

Sehr geehrter Herr Gabriel, Trennbankensystem gab es in den USA lange Zeit 70iger/80iger Jahre m.E. war das der Zeitraum. Hat man dann wieder abgeschafft. Die Hauptstützen der Banken, die Erträge bringen sind Kredit, Handel und Beteiligungen. Wenn Sie für die Abschaffung sind, was passiert mit den ganzen Fondsgesellschaften....Wenn Sie keinen Handel wollen, dann kann der Handel gewisse Zeit ausgesetzt werden. Da gab es zu meiner Zeit eine feste Regel, wenn der Dow um so so viele Punkte gefallen ist, wurde der Handel ausgesetzt, bis wieder Investoren in den Markt gegangen sind. Gruß Catrin Kullmann

26. July 2012 • 18:52 Antworten

Dietrich Schneider

Lieber Sigmar, unabhängig davon was die SPD in der Vergangenheit hinsichtlich des Themas Finanzpolitik richtig und/oder falsch gemacht hat kann ich nur sagen, dass ich mich nicht in der Lage sehe zu beurteilen was in dieser vertrackten Finanzsituation sachlich, psychologisch und strategisch richtig oder falsch ist. Von mir als seriös und kompetent eingeschätzte Fachleute kommen zu unterschiedlichen Bewertungen und Rückschlüssen der Situation. Aus meiner Sicht fehlt eine nachvollziehbare Analyse des Sachverhaltes, eine Aufzählung von Lösungsmöglichkeiten und die sich daraus ergebenden nationalen und europäischen, also gemeinschaftlichen Konsequenzen. Wenn es das gäbe bzw. ich es wüsste, könnte ich vielleicht auch etwas zu Deinem Vorschlag sagen. Mit freundlichem Gruß Dietrich Schneider OV Bergheim

Antworten auf diesen Beitrag verbergen

Aus deiner Sicht! Bitte Positionspapiere der SPD der letzten Jahre UND anderer Organisationen (je nach Wunsch) anschauen. Viele Grüße an Berheim.

26. July 2012 • 00:51 Antworten

MarcMagoni

Die Fehlspekulationen der Banken sind ja nur ein Aspekt. Die Frage ist, inwiefern der Euro selbst die Krise anheizt: Starken Staaten erleichtert die gemeinsame Währung den Export, mit dem Preis, dass sie im Gegenzug für die schwachen Länder die Exporte erschwert und zu billigen Schulden und Importen verführt. Diese Länder haben sich vor dem Euro Lohnerhöhungen durch Inflationierung und unter dem Euro Lohnsteigerungen und Wohltaten auf Pump gegönnt, anstatt die Lohn- und Preispolitik dem europäischen Markt anzupassen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Die EU hat nur passiv zugeschaut. Man hätte bereits 2010 hart auf die Abkommen bestehen und auf die Euro-Rettungspolitik verzichten müssen, da sie für uns auf Dauer nicht tragbar ist und die Ursachen nicht angeht. Ich weiß nicht, wie groß die Schäden im Vergleich zur Wirksamkeit der Maßnahmen schon sind, aber vielleicht wären eigene Währungen, die die Länder auf den Boden der Realität zurück werfen, das beste, um mit einer ehrlichen Politik einen realistischen Neuanfang wagen zu können.