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SPD diskutiert neues Renten-Konzept
08. September 2012 - Rainer Vogt

Sicher, solidarisch, gerecht

Nicht jeder Arbeitnehmer wird in Zukunft bis 67 arbeiten wollen. Mehr Flexibilität beim Renteneintritt könnte Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichermaßen helfen. (Foto: DPA)

Auf seiner Sitzung am Montag (10. September) berät der SPD-Parteivorstand erstmals über ein neues Konzept zur Rentenpolitik. Das von der Parteiführung erarbeitete Eckpunkte-Papier trägt den Titel „Altersarmut bekämpfen. Lebensleistung honorieren. Flexible Übergänge in die Rente schaffen”. Der Entwurf bildet den Beginn einer parteiweiten Renten-Diskussion.

Eine Kommission unter Leitung von SPD-Parteichef Sigmar Gabriel hat Vorschläge zur Rentenpolitik der SPD erarbeitet. Damit wird eine Debatte angestoßen, die mit einem Beschluss auf dem SPD-Parteikonvent im November in Berlin ihren Abschluss finden soll. SPD.de nennt die wichtigsten Punkte des Konzepts.

Ein massiver Ausbau der Betriebsrenten soll als zweites Standbein die Altersvorsorge stützen, heißt es in dem Eckpunkte-Papier zur Rentenpolitik. Es ist eine der Maßnahmen, mit denen die SPD den wachsenden Risiken von Altersarmut begegnen will. Darüber hinaus soll es Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente und bei den Kindererziehungszeiten geben. Für Selbstständige ohne klassische Altersvorsorge ist eine stärkere Absicherung geplant. Das Rentenkonzept sieht zudem eine Mindestrente von 850 Euro vor – und zwar für alle, die 40 Versicherungsjahre nachweisen können und 30 Jahre lang Beiträge gezahlt haben. Eine Solidar-Rente soll Geringverdienern und Beschäftigten mit langer Arbeitslosigkeit eine Grundsicherung im Alter garantieren – und zwar aus Steuermitteln finanziert.

Alterspyramide
Alterspyramide (Foto: SPD)
Zurzeit sind etwa 2,5 Prozent der Rentnerinnen und Rentner auf Sozialhilfe angewiesen. Doch dabei wird es nicht bleiben: Der in den letzten Jahren auf fast ein Viertel der Beschäftigten angewachsene Sektor mit niedrigen Löhnen und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen wird die von Altersarmut betroffene Bevölkerung massiv ansteigen lassen. Es gibt derzeit 11,8 Millionen Teilzeitbeschäftigte in Deutschland und 6,5 Millionen Geringverdiener, die lediglich vier oder fünf Euro in der Stunde verdienen. Hinzu kommen die Prognosen, dass in den nächsten 40 Jahren die Einwohnerzahl Deutschlands um etwa 13 Prozent zurückgehen und die Zahl der Erwerbspersonen - also der Menschen im Alter zwischen 20 und dem gesetzlichen Renteneintrittsalter - im gleichen Zeitraum um fast 30 Prozent abnehmen wird. Im Jahr 2030 ist damit zu rechnen, dass etwa die Hälfte der Senioren eine Rente beziehen wird, die kaum höher als die Grundsicherung (Sozialhilfe) sein wird.

Betriebsrente plus

Die Betriebsrente plus soll in Zukunft als zweite Säule der Altersversorgung die gesetzliche Rentenversicherung ergänzen und die Folgen der Senkung des Rentenniveaus mildern, so der Kernpunkt des Debattenpapiers zur betrieblichen Altersvorsorge. Das Prinzip: Möglichst jeder Beschäftigte zahlt ein. Wie die Betriebsrente plus organisiert wird, sollen die Tarifpartner entscheiden können. Das Verfahren, das vermutlich auch für die allermeisten Klein- und Kleinstbetriebe am attraktivsten sein dürfte: Die Deutsche Rentenversicherung wird direkt mit der Verwaltung beauftragt – so könnte der Einzug der Beiträge ebenso unbürokratisch abgewickelt werden wie bei der gesetzlichen Rentenversicherung. Mit dem Unterschied, dass die Einnahmen nicht in das Umlagesystem fließen, sondern auf ein gesondertes Konto.

Jeder Arbeitnehmer soll künftig bis zu sechs Prozent seines Bruttoeinkommens in die Betriebsrente plus einbringen dürfen. Wenn er nicht widerspricht, sollen obligatorisch zwei Prozent aus seinem lohnsteuerpflichtigen Brutto in einen Beitrag zur Betriebsrente plus umgewandelt werden. Das Konzept sieht vor, dass aus Steuermitteln pauschal 400 Euro Jahr zusätzlich überwiesen werden. Diese Sockelförderung führt dazu, dass Geringverdiener überproportional stark profitieren. Niemand soll zur Betriebsrente plus gezwungen werden. Jeder Beschäftigte hat das Recht, auf dieses Instrument zu verzichten.

Finanzierung: Entgeltumwandlung neu justieren

Zurzeit wendet ein Beschäftigter für eine betriebliche Altersvorsorge einen Teil seines Gehalts auf – und für diesen Betrag fallen keine Sozialversicherungsbeiträge an. Das führt dazu, dass sich seine später anfallenden Rentenbezüge reduzieren, da sich aus nicht gezahlten Beiträgen natürlich auch keine Rentenansprüche ergeben. Außerdem senkt die Entgeltumwandlung die beitragspflichtige Lohnsumme insgesamt. Das heißt: Die Renten sinken für alle – auch für diejenigen, die keine betriebliche Altersvorsorge betreiben.

Sollte die Beitragsfreiheit der Entgeltumwandlung abgeschafft werden, würde das für die Sozialversicherungen (Rente, Gesundheit, Pflege und Arbeitslosigkeit) laut Expertenrechnung zu Mehreinnahmen von 15,5 bis 18 Milliarden Euro pro Jahr führen.

Die Erwerbsminderungsrente

Wer aus gesundheitlichen Gründen aus dem Beruf ausscheiden muss, hat oft nur geringe Rentenansprüche, da er in der Regel auch in den Jahren zuvor nicht voll arbeiten konnte. Das neue Rentenkonzept sieht nun vor, dass die Leistungen der Erwerbsminderungsrente über die Verlängerung der Zurechnungszeiten, die bessere Bewertung der letzten fünf Jahre vor Renteneintritt und die Abschaffung der rentenrechtlichen Abschläge verbessert werden.

Die Solidar-Rente

Wer sein Leben lang Vollzeit gearbeitet hat, soll im Alter nicht auf Sozialhilfe-Niveau absinken dürfen - „ein Gebot der Gerechtigkeit und eine Frage der Anerkennung von individueller Lebensleistung“, heißt es im Eckpunkte-Papier. Die Solidar-Rente soll aus drei Elementen bestehen:

  1. Zeiten längerer Arbeitslosigkeit werden bei der Berechnung von Rentenansprüchen stärker als heute berücksichtigt.
  2. Für Geringverdiener, die mindestens 35 Jahre rentenversichert waren, wird die „Rente nach Mindestendgeldpunkten“ verlängert. Das heißt: Ihre Rentenansprüche werden aufgestockt.
  3. Sollten diese beiden Maßnahmen nicht zu einer Rente von 850 Euro führen, wird die Rente für langjährig Versicherte (40 Versicherungsjahre und 30 Beitragsjahre) auf diesen Betrag über die Grundsicherung aufgestockt. Voraussetzung dafür: keine anderen regelmäßigen Einkünfte.

Die Solidar-Rente soll die klassische gesetzliche Rente ergänzen und deshalb nicht aus Rentenbeiträgen, sondern aus Steuermitteln finanziert werden.

Mehr Schutz für Freiberufler

Es gibt 2,3 Millionen Solo-Selbständige, die von einem Projekt zum nächsten leben – und es werden immer mehr. Viele von ihnen sind im Alter auf Sozialhilfe angewiesen. Wer nicht in eine eigene Altersvorsorge einzahlt, soll Mitglied der gesetzlichen Rentenversicherung werden, so die Idee der Rentenkommission. Die Beitragszahlungen sollen vor allem für Existenzgründer flexibel geregelt werden. Gesetzlich rentenversicherte Selbständige erhielten so auch Anspruch auf die Solidar-Rente oder die staatliche Riester-Förderung.

Die Teilrente: Ein faires Angebot

Grafik: Generationen im Wandel
Beitragszahler (Foto: SPD)
Nicht jeder Beruf ist gleich belastend, nicht jeder Arbeitnehmer wird in Zukunft bis 67 arbeiten wollen. Mehr Flexibilität beim Renteneintritt könnte Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichermaßen helfen. Wer 60 Jahre alt ist, soll nach dem vorliegendem Konzept einen Rechtsanspruch auf Teilrente bekommen. Wer die Arbeitszeit in seiner sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung reduziert, verzichtet dafür auf einen Teil seines Einkommens. Die bisher geltenden Hinzuverdienstgrenzen sollen entfallen. Gleichzeitig würde ein Teil der bereits erworbenen Rentenansprüche ausgezahlt. 

Zusatzbeiträge: Wer will, zahlt mehr

Arbeitgeber und Gewerkschaften bekommen die Möglichkeit, in Tarifverhandlungen zusätzliche Arbeitgeber-Beiträge für die gesetzliche Rentenversicherung auszuhandeln – unabhängig vom Alter der Beschäftigten. Auch Beschäftigte sollen höhere Beiträge zahlen können und damit höhere Rentenansprüche erwerben. 

Grundsätze für eine faire Rentenpolitik 

In dem Diskussionspapier der SPD-Parteispitze zur Rentenpolitik wird hervorgehoben, dass gute Löhne - hier und heute - der beste Schutz vor Altersarmut und die Voraussetzungen für eine angemessene Rente seien. Deshalb die Forderung der SPD nach höheren Tariflöhnen und einem gesetzlichen Mindestlohn. „Wir müssen das Prinzip ‚gleicher Lohn für gleiche Arbeit’ – für Männer und Frauen, für Leiharbeiter und Stammbelegschaft – im Gesetz verankern“, heißt es. 

Vertrauen in die Rente kann die Politik nur schaffen, wenn sie mit offenen Karten spielt. Da die Lebenserwartung der Bürger steigt und die Zahl der Beitragszahler in die Rentenversicherung abnimmt, wird sich die Lebensarbeitszeit für viele verlängern. Doch das dürfe nicht zu einer versteckten Rentenkürzung führen, fordert die SPD. Das bedeutet: Das bewährte Umlagesystem der gesetzlichen Rentenversicherung muss gestärkt und um eine Kapital-gedeckte Altersversorgung ergänzen werden. Dabei wollen die Sozialdemokraten nicht die Augen vor dem Problem der aktuellen Riester-Förderung verschließen.

Klar ist auch: Eine aktive Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik stabilisiert die Rentenversicherung. Viel zu viele Frauen (und eine wachsende Zahl von Männern) werden immer noch gezwungen, auf den Job zu verzichten oder Teilzeit zu arbeiten, weil es keine angemessene Kinderbetreuung gibt. Auch die hohe Zahl von Schulabbrechern und die schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Ältere trüben die Aussichten.

Die Politik muss handeln. Aber gerade beim Thema Rente muss sie weitsichtig handeln und darf nicht in Legislaturperioden denken. Die SPD will deshalb offen diskutieren. Das neue Rentenkonzept soll einen Beitrag zu einer ehrlichen und sachlichen Debatte leisten.

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Materialien

Arbeit und Soziales

Eckpunkte für ein Konzept zur Bewältigung der rentenpolitischen Herausforderungen
PDF · 209,3 kB

Arbeit und Soziales

Parteitag 2011 Beschluss Arbeit / Alterssicherung (Langfassung)
PDF · 236,5 kB

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25. March 2013 • 10:28 Antworten

pewbartel

Die Diskussionen zum Thema Rente sind beleidigend, der "Jugend" wird damit unterschwellig weiterhin vorgegaukelt, die Rentner beuten den Staat und ihre Zukunft aus. Es muss endlich eine Pensions-/Versorgungsdiskussion beginnen und deutlich aufgezeigt werden, dass Rente eine Versicherungsleistung ist, in die Arbeitnehmer oft mehr als 45 Jahre eigezahlt haben – also, wer lebt auf Kosten der Steuerzahler, der Zukunft der Jugend? Es ist endlich notwendig über eine Angleichung Pensionen/Renten zu diskutieren und ein gleiches Niveau von 70 % und gleicher Privilegien (zB PKV) anzustreben. Das ist sicher möglich, wenn auch die Beamtenschaft in eine Solidargemeinschaft Beiträge leisten muss. Die billigen Anmerkungen auf Versteuerung und bestehende alte Gesetze sind armselig und zeigen nur ein Desinteresse der Politiker auf. Wenn es um Diätenerhöhungen geht, heben doch auch (fast) alle die Hand, kostet doch nichts. Jedenfalls, das Rentenkonzept ist hier wie da - CDU - nur eine Sprechblase – und was ist mit der "Mütterrente 1992", da schweigt sich die SPD auch aus, wenigstens auf Hartz4-Niveau wie bei anerkannten Asylantragstellern muss es schon sein, oder? Sozial und gerecht sind die Konzepte nicht und vor einer öffentlichen Diskussion wird sich leider auch die SPD weiter herumdrücken, schade, denn 20 Millionen Rentner würden endlich aufwachen.

25. March 2013 • 10:18 Antworten

pewbartel

Die Rentendiskussion ist jetzt schon Makulatur, das SPD-Konzept unterscheidet sich von Schwarz/Geld nur durch die Sprechblasen und bringt für die jetzigen und zukünftigen Rentnwer nichts. Lediglich die Ablehnung der Jugend, die Alten nehmen uns die Zukunft, wird weiter geschürt. Das einzig richtige Konzept gegen Altersarmut wäre eine Angleichung auf das Pensions-/Versorgungsniveau der Beamtenschaft und eine Versicherung in die ALLE entsprechend ihrem Brutto einzahlen, auch Politiker, Beamte, Freiberufler usw. Auch das schändliche Mütter-Rentengesetz 1992 für Mütter vor 1992 muß endlich vom Tisch, das wäre schon ein kleiner Schritt in Richtung Gerechtigkeit und Solidarität. Wovor fürchtet sich eigentlich die SPD, sehen die politischen Genossen eigene Privilegien gefährdet? Tut endlich etwas, was dem Namen SPD wieder gerecht wird.

23. September 2012 • 19:32 Antworten

Sabine Kügler

Wurden in diesem Konzept auch die Frauen bedacht, die Kinder bekamen und ihre Kinder einige Jahre zu Hause betreut haben und heute nur noch in 400€-Jobs oder in schlechtbezahlten Teilzeitarbeitsverhältnissen arbeiten. Gilt auch für diese Frauen die 40 Versicherungsjahre bzw. 30 Beitragsjahre?

21. September 2012 • 11:33 Antworten

Erich Rißler

Das Problem, das Axel Sänger anspricht, ließe sich mit einer Rente für alle, in die auch alle, entsprechend ihrem Einkommen (ohne Beitragsobergrenze, aber mit Rentenobergrenze) Beiträge leisten - Vom Säugling bis zum Sterbenden. - Vom Unterstütztem bis zum Multimilliardär, auch der kann alles verlieren und wäre durch seine Rente abgesichert. Die paritätische Leistungsverteilung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Sozialversicherungen ist wieder einzuführen. Wer Zusatzrenten einführt, wie Riester-, Rürup- oder Betriebsrenten, die man abwählen kann, schwächt damit die gesetzliche Rentenversicherung. Die Dummen sind die Niedrigstverdiener, die sich diese Beiträge vom Munde absparen und am Ende doch höchsten Sozialhilfe bekommen - dafür hätten sie weder arbeiten noch sparen müssen.