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Studie zu Kinderarmut
25. September 2012 - Daniel von Fromberg

Hoffnung für arme Kinder

Kinderarmutsstudie: Einmal arm, immer arm gilt nicht (Foto: dpa)

Jedes zweite Kind aus einkommensschwachen Verhältnissen schafft den Sprung aus der Armut. Voraussetzung ist allerdings ein gut finanziertes Netz aus sozialen Einrichtungen. Dies ergibt eine Langzeitstudie der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Mecklenburg-Vorpommerns Arbeitsministerin Manuela Schwesig (SPD) wirft der Bundesregierung Versagen vor.

Die Studie begleitete 900 Kinder vom Vorschulalter über einen Zeitraum von 15 Jahren. Rund die Hälfte der Kinder (43 Prozent) schaffte in dieser Zeit den Sprung aus der Armut. Allerdings rutschte im selben Zeitraum jedes fünfte Kind (18 Prozent) in ein armes Leben ab.

Kinderarmut gesamtgesellschaftlich bekämpfen

„Armut, das hat die in der Bundesrepublik bisher einzigartige Langzeitstudie leider bewiesen, ist der größte Risikofaktor für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“, sagte Studienleiterin Gerda Holz vom beauftragten Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) bei der Vorstellung der Ergebnisse am Dienstag in Berlin. Der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler fügte hinzu: „Die Folgen von Kinderarmut zu bekämpfen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Einkommen und Bildungshintergrund der Eltern sind der Studie zufolge noch immer die entscheidenden Faktoren für den Entwicklungsweg von Kindern. Aus diesem Grund sei das beste Mittel gegen Kinderarmut noch immer, dass „Eltern über sichere Arbeit mit armutsfesten Löhnen und über Betreuungs- und Bildungsangebote für ihre Kinder verfügen, damit diese ganztägig qualitativ gut versorgt werden“, betonte Stadler.

Schwesig: Armut der Kinder ist Armut der Eltern

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Arbeitsministerin Manuela Schwesig (SPD) sagte: „Um Kinderarmut wirksam bekämpfen zu können, fordert die SPD einen flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. Denn die Armut der Kinder ist die Armut ihrer Eltern. Die beste Maßnahme gegen Kinderarmut ist es, den Eltern eine gute Arbeit zu ermöglichen.“

Zusätzlich brauche es mehr Ganztagskita-Plätze und Ganztagsschulen. „Denn in der frühkindlichen Bildung liegt der Schlüssel für bessere Bildungschancen für alle Kinder. Auch sind ganztägige Betreuungsmöglichkeiten insbesondere für Alleinerziehende unverzichtbar, damit sie überhaupt berufstätig sein können“, so Schwesig.

Bildungsinstitutionen müssen gestärkt werden

Neben einer direkten Unterstützung der Eltern sieht Stadler aber auch in der Stärkung von sozialen Einrichtungen wie Kitas, Jugendzentren und Familienberatungen eine Lösung: „Starke Institutionen können Kindern das bieten, was sie zu Hause eventuell nicht bekommen können.“ Aus diesem Grund gelte denn auch der Spruch 'Einmal arm, immer arm' nicht immer, so Stadler. Wenn Eltern, Kitas und Schulen an einem Strang ziehen, könnte Kinderarmut besser begegnet werden.

„Einrichtungen für Kinder und Jugendliche müssen mehr Verantwortung für deren Entwicklung übernehmen. Nur so können soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit hergestellt werden“, ist sich Stadler sicher. Deshalb müssten diese Einrichtungen mehr Geld bekommen – das Betreuungsgeld sei dabei genau der falsche Weg, so der AWO-Chef. „Wir hoffen, dass diese Botschaft ankommt.“

Schwesig: „Genau hier versagt die Koalition“

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Schwesig warf der Regierungskoalition Versagen vor: „Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Armut bei Kindern kein Dauerzustand sein muss. Voraussetzung dafür sind aber starke Bildungsinstitutionen. Genau hier versagt die schwarz-gelbe Koalition.“

Nach dem rot-grünen Ganztagsschulprogramm und dem Kita-Ausbau der Großen Koalition fehle der Bundesregierung jegliche Anstrengung für ein Infrastrukturprogramm für bessere Bildung und Betreuung der Kinder. „Sie gibt viel Geld für reiche Erben, Pharmalobby und Hoteliers aus. Sie plant ein Betreuungsgeld, das 1,2 Milliarden Euro auffrisst und dafür gezahlt werden soll, dass Eltern ihre Kinder nicht in die Kita schicken. Diese Fernhalteprämie ist kontraproduktiv“, so Schwesig weiter.

Arme Kinder haben weniger Zeit für Schule

Doch auch eine verbesserte Ausstattung der sozialen Infrastruktur kann für die Autoren der Studie die Eltern aus ihrer besonderen Verantwortung nicht entlassen. „Kinder brauchen Orientierung. Sie sind keine kleinen Erwachsenen“, so Studienleiterin Holz. Selbst für die 16- bis 17-Jährigen spielten die Eltern eine sehr wichtige Rolle. Brüche in der Betreuung durch Eltern, Erzieher und Lehrer seien deshalb ein großes Problem.



Kinder aus einkommensschwachen Familien haben der Studie zufolge schlechtere Startchancen. „Arme Kinder werden oft verspätet eingeschult“, sagte Holz. An der Schule müssten sie häufiger Klassen wiederholen. Nur jedes dritte Kind (33 Prozent) aus einer armen Familie kam ohne Ehrenrunde durch die Schule, unter den befragten, nicht armen Kindern war es die Hälfte (49 Prozent). 

„Die Bewältigung von Armut ist eine Doppelbelastung“, mahnte Holz.

Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen müssten oft Aufgaben ihrer Eltern übernehmen und sich um kleine Geschwister kümmern. Zudem seien sie oft angehalten, sich mit Nebenjobs Geld zu verdienen. Dadurch bleibe automatisch weniger Zeit für die Schule. „Armut führt zu mehr Belastung und schlechteren Chancen.“

Kinderschutzbund: 2,5 Millionen Kinder in Armut

Für die AWO-Studie gilt als arm, wenn Kinder oder ihre Eltern höchstens 50 Prozent des Durchschnittseinkommens in Deutschland zur Verfügung haben. Der Deutsche Kinderschutzbund in Deutschland spricht auf seiner Webseite von über 2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut. Dies entspreche etwa 19,4 Prozent aller Personen unter 18 Jahren. Der Kinderschutzbund legt diesen Zahlen allerdings die EU-Armutsgefährdungsschwelle von 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zugrunde.

(mit dpa)

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