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Steinbrücks Vorschläge zur Bankenregulierung
26. September 2012 - Hans-Jörg Vehlewald

Dienstleister statt Zockerbuden

Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) bei der Vorstellung seines Konzepts zur "Bändigung der Finanzmärkte" in Berlin. (Foto: dpa)

Heute hat Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück sein Konzept zur „Bändigung der Finanzmärkte“ vorgelegt. In dem 30-Seiten-Papier greift er die Bundesregierung scharf an: Kanzlerin Merkel agiere „im Zeitlupentempo“ und tue nichts, um eine neue Weltfinanzkrise zu verhindern. 

SPD-Chef Gabriel begrüßte Steinbrücks Thesen: “Hier zeigt sich klar, wofür die SPD steht: Die Bundestagswahl 2013 wird zur Entscheidung über die Bändigung des Banken- und Finanzsektors.” SPD.de fasst Steinbrücks Forderungen zusammen.

„Die Finanzmärkte haben Maß und Mitte verloren“, kritisiert Steinbrück im Vorwort seines Papiers. Aus der letzten Finanzkrise hätten weder die Bundesregierung noch die Finanzmärkte gelernt: „Die Gewinne von Banken befinden sich nach einem Einbruch nahezu wieder auf Vorkrisenniveau. Die Dividendenausschüttungen verzeichneten ohnehin kaum einen Rückgang.“ Hinzu kämen „individuelle Verfehlungen und Exzesse bis hin zu schlicht kriminellem Verhalten Einzelner: Einige Banken manipulieren Zinsen für Geschäfte untereinander, um zusätzliche Gewinne generieren zu können, einige fördern sogar Steuerbetrug oder zählen kriminelle Organisationen oder politisch fragwürdige Regime zu ihren Geschäftspartnern.“ 

Die Finanzkrise habe „sehr viel mehr gekostet als Geld“, so der SPD-Politiker weiter: „In den Augen vieler Bürger verletzt sie Gerechtigkeitsgebote und den Sinn für Maß und Mitte. Sie wenden sich ab, weil sie den Eindruck haben, dass die Politik nur noch getrieben und erpressbar ist.“ Dabei dürfe sich auch die Politik nicht aus der Verantwortung für den Vertrauensverlust der Bürger in das Finanzsystem stehlen, so Steinbrück: „Die Politik wird sich eingestehen müssen, dass manch Missstände und Fehlentwicklungen nicht zuletzt auf ihr Zusammenwirken mit Banken oder Fehlanreize für Banken zurückzuführen sind.“ Das gelte u.a. „für die Ideologie der Deregulierung, die Politik des ‚billigen Geldes’, die wirtschaftspolitische Förderung eines hemmungslosen Baubooms wie in Spanien“.


Ihm gehe es „um die Herstellung eines neuen Gleichgewichtes zwischen Eigeninteressen und Gemeinwohl“ so der Ex-Finanzminister. „Politik hat die Aufgabe, einerseits die Funktionsfähigkeit von Finanzmärkten und ihre Dienstleistungsrolle gegenüber der Realwirtschaft und Privatkunden zu gewährleisten. Sie hat andererseits die Aufgabe, die Verpflichtung aller Marktteilnehmer auf das Gemeinwohl durchzusetzen.“ 

Konkret fordert Steinbrück:

  • Geschäfts- und Investmentabteilungen von Großbanken wie der Deutschen Bank sollen strikt getrennt werden.
  • Die beschlossene Finanztransaktionssteuer (Spekulationssteuer) müsse „frühzeitig europaweit eingeführt werden mit einer breiten Bemessungsgrundlage und Steuersätzen von 0,1 % für den Handel mit Anteilen und Anleihen bzw. 0,01 % für den Handel mit Derivaten“.
  • Banken sollen wieder Pleite gehen können, statt mit Milliarden vom Staat gerettet zu werden. Ein Bankenfonds soll die „Abwicklung“ von Pleitebanken regeln.
  • Dieser europaweite Restrukturierungsfonds, eine Art Banken-ESM, soll nicht aus Steuergeld sondern von den Banken selbst errichtet wird, um systemrelevante Banken im Notfall zu retten. Sparkassen und Genossenschaftsbanken sollen dagegen auf ihre bewährten Haftungssysteme zurückgreifen dürfen.
  • Schattenbanken (Zweckgesellschaften, Geldmarktfonds, Investmentfonds wie Hedge-Fonds und Private-Equity-Fonds oder Finanzierungsgesellschaften) sollen ebenso strikt kontrolliert werden wie normale Banken. 
  • Spekulationen mit Derivaten (Marktvolumen weltweit: 500 Billionen Euro) sollen schärfer überwacht und weitestgehend auf kontrollierte Marktpartner (z.B. Börsen) beschränkt werden.
  •  Banken und Schattenbanken sollen Spekulationsgeschäfte auf Rohstoffe (Agrarrohstoffe, Nahrungsmittel und Energierohstoffe) verboten werden. Der Handel mit Kreditderivaten und Leerverkäufe sollen ebenfalls verboten werden.
  • Der Hochfrequenzhandel mit Wertpapieren (Kauf und Verkauf binnen Millisekunden) soll so weit wie möglich unterbunden werden.
  • Die Einrichtung einer europäischen Ratingagentur soll die Marktmacht privat wirtschaftender US-Ratingsfirmen beschränken, deren Herabstufungen ganze Länder an den Rand des Ruins treiben können.
  • Die Beleihung von Immobilien soll auf 80 Prozent des Immobilienpreises begrenzt werden, um Immobilienblasen wie in den USA zu verhindern.
  • Bonus-Zahlungen an Bankmanager sollen gesetzlich begrenzt und an den langfristigen Erfolg der Geldinstitute gekoppelt werden .
  • Eine Europäische Bankenaufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) soll sämtliche Großbanken kontrollieren. Die EZB soll dazu Personal aus nationalen Bankenaufsichten (Bundesbank, BaFin) unterstellt bekommen und gegenüber nationalen Behörden weisungsbefugt sein. Lediglich kleine und mittlere Banken sollen weiter einer nationalen Aufsicht unterstehen.

Steinbrücks Resümee: „Banken sind Dienstleister und keine Zockerbuden, die mit fremder Leute Geld hohe Einsätze wagen, um unter Vernachlässigung der Interessen ihrer Kunden und ihrer Eigenkapitalbasis extreme Renditen zu erzielen, die in Form von Boni an das Management und in Form von Dividenden an die Aktionäre fließen.“ Schon im Juli dieses Jahres hatte SPD-Chef Sigmar Gabriel die Forderungen der SPD für eine schärfere Kontrolle der Banken- und Finanzindustrie zusammengefasst. Lesen Sie Steinbrücks und Gabriels Thesen als Anhang im Original.

Lesen Sie hier: Schäfer-Gümbel zu Steinbrück

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Materialien

Finanzmärkte

Peer Steinbrück "Vertrauen zurückgewinnen: Ein neuer Anlauf zur Bändigung der Finanzmärkte"
PDF · 340,8 kB

Links

Thesenpapier von Sigmar Gabriel zu Banken und Finanzsektor

"Eine Minderheit schadet der Mehrheit – und dem ganzen Land"

Schäfer-Gümbel zu Steinbrücks "Bändigung der Finanzmärkte"

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22. February 2013 • 09:18 Antworten

Stefan Wojcik

Wenn allein an den Hochfrequenzhandel gedacht wird und sich vorstellt, dass allein von einem einzigen Händler in einer Sekunde am Tag Quatrilliarden und Quintrilliarden von Geld per Knopfdruck bewegt werden, kann ein normaler Sterblicher die hochzurechnende Summe bis zum Ende von Merkels Amtsperiode, die in den Sand gesetzt worden ist gar nicht mehr darstellen. Die Drahtzieher der spekulativen Finanzmärkte haben daher längst mit der Option von Kapitalismus abgeschlossen. Bin gespannt, was als nächstes kommt!

14. January 2013 • 09:35 Antworten

Lisa Price

Lieber Hans Joerg, das hast du gut geschrieben und Inhaltlich die Probleme excelent mit den Aussagen unseres KK begruendet. Ich moechte allgemein ueber Kommunikation und Werbung etwas sagen. Sachliche Argumentation ist ein wunderbares Werkzeug, wenn sie auf emotionaler Sicherheit beruht. "Wenn ich mich zum Beispiel emotional fuer Steinbrueck entschieden habe, dann dient mit die sachliche Argumentation meine Entscheidung zu festigen." Sachliche Argumentation fruchtet aber nicht, wenn die emotionale Basis fehlt. Der Waehler springt nicht an. Ich frage mich seit einer Weile wie wir eine emotionale Grundlage legen koennen fuer die Gunst des Waehlers. Das massgebliche Problem ist wohl ein Gesellschaftliches. Geschlechterrollen sind unterschiedlich. Wenn sich zwei Frauen streiten, sich gegenseitig die Augen auskratzen, da schaut jeder gerne mal zu, wenn ein Mann einer Frau, mit z.B. guten Argumenten, in die Fresse haut, dann erklimmt die Dabeistehenden ein unterbewusst unwohles Gefuehl. Dieses Gefuehl kann der Waehler nur abbauen, wenn er die Seite mit den Gesellschaftlich "richtigen" Rollenatribute waehlt. Ich nenne das das Prinzessin Diana Prinzip. Frau Merkel nutzt dieses Prinzip. Sie "erleidet" die Angriffe und zieht somit mehr und mehr stimmen auf sich.

08. October 2012 • 10:18 Antworten

optimist

Der Verfechtungsgrad von Banken sowie die Komplexität "neuartiger, innovativer Wertpapiere", die laufend neu erfunden werden und die selbst Banker nicht mehr verstehen, sind systemische Risiken. Wie kann eine Finanzmarktregulierung diese Risiken abfedern?

28. September 2012 • 16:24 Antworten

walter regensburger

Herzlichen Glückwunsch Peer Steinbrück, zum Kanzlerkanditaten der SPD. Auf diese Meldung habe ich wie viele Spd - Mitglieder gewartet. Mit dem Banken - Thema , und ich hoffe auch mit einer durchgreifenden Steuerreform, der Rückgängigmachung der 39% +3 % Reichensteuer, zu einer ordentlichen Steuer kann es eine gute Wahl zum Kanzler werden. Weitere Ideen folgen noch.

28. September 2012 • 09:45 Antworten
Profilbild von Manipu

Manipu

Man muss leider feststellen, dass in diesem Forum fast immer die gleichen Diskutanten sich zu Wort melden. Fast alle mit sehr kritischen um nicht zu sagen vernichtenden Urteilen gegen die Parteiführung. Selten, dass ein Kommentarschreiber Lobenswertes an der Troika entdeckt. Mir ist nicht bekannt, ob und wenn ja wer Parteigenosse ist, doch ich nehme an die Meisten. Umso erstaunlicher ist für mich die Leidensfähigkeit dieser Genossen, denn eine Besserung ihrer Führungsriege ist bis auf weiteres nicht zu erkennen. Man zweifelt nicht ohne Grund an der Glaubwürdigkeit von Gabriel und Co. Man zählt die Sündenfälle der SPD-Granden auf, man bezichtigt diese zu Recht der Heuchelei, doch es werden keine Konsequenten gefordert, geschweige denn selbst gezogen. Die Zukunft ist vorprogrammiert: Man wird - egal wen man zum Kandidaten ausdeutet – mit ihm in den Wahlkampf ziehen, man wird brav Plakate kleben und an den Ständen sich die Beschimpfungen der Betrogenen anhören und die Delegierten werden nach der Wahl dem neuen Fizekanzler zujubeln, wie einst dem selbsternannten Fraktionsvorsitzenden Steinmeier. Die SPD wird als Juniorpartner ihre Wahlversprechungen vom Mindestlohn bis Reichensteuer vergessen dürfen und auf den Koalitionspartner verweisen, der diese nicht zulässt. Die Medien werden gemeinsam mit den Kapitalbesitzern sich die Hände reiben, denn sie haben es, dank SPD, wieder geschafft. Für die nächsten vie Jahre dürft ihr alle wieder sehr kritische Kommentare schreiben – toll.