Interview mit der Vorsitzenden des Bundestags-Sportausschusses
27. September 2012"Sportförderung transparenter machen"
Braucht Spitzensport weitere Millionen Gelder, um seine Ziele zu erreichen? Darüber sprach SPD.de mit der Vorsitzenden des Bundestags-Sportausschusses Dagmar Freitag (SPD). Am kommenden Freitag diskutiert das Forum Sport des SPD-Parteivorstands mit hochkarätigen Gästen über die Zukunft der Sportförderung.
SPD.de: Was sind die zentralen Forderungen der SPD an die Sportförderung?
Dagmar Freitag: Die erste und ganz wichtige Forderung ist, dass die Sportförderung des Bundes ab sofort transparent und für die Öffentlichkeit und das Parlament nachvollziehbar sein muss. Eigentlich müsste man davon ausgehen dürfen, dass die Geheimniskrämerei des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und des Bundesinnenministeriums (BMI) nach dem eindeutigen Urteil des Oberverwaltungsgerichts Berlin vorbei sein sollte. Eine transparente und nachvollziehbare Sportförderung, das ist eine entscheidende Forderung der SPD.
SPD.de: Wie stehen die Sportverbände zu dieser Forderung?
Dagmar Freitag: Es scheint sich eine breite Diskussion innerhalb des deutschen Sports anzubahnen. In dieser Woche sind Stellungnahmen zur Sportförderung zum Beispiel vom Deutschen Tischtennis-Bund und vom Deutschen Kanu-Verband öffentlich geworden. Auch die Vertretung der Athletinnen und Athleten hat deutliche und gleichzeitig kritische Anmerkungen gemacht. Das zeigt, dass nicht alles so einvernehmlich ist, wie der Deutsche Olympische Sportbund es darzustellen versucht. Von daher erwarte ich eine breite öffentliche Diskussion, und wir werden mit unserer Veranstaltung am Freitag gerne dazu beitragen.
SPD.de: Im Sinne einer besseren Sportförderung: Was ist konkret zu tun?
Dagmar Freitag: Ich glaube, dass viel mehr Akteure zusammengebracht werden sollten, als das bisher der Fall ist. Der Deutsche Olympische Sportbund berät sich überwiegend mit Experten des Instituts für angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig sowie mit dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten. Ich denke, wir sollten weiteren externen Sachverstand in die Diskussion mit einbeziehen. Es haben sich renommierte Sportwissenschaftler während und nach London geäußert, und ich würde es sehr begrüßen, wenn auch deren Hinweise in die Diskussion um die bestmögliche Förderung unserer Athleten und Athletinnen einfließen würden.
SPD.de: Liegt die Zukunft des Spitzensports eher in der Dualen Karriere oder der Erhöhung der Prämien?
Dagmar Freitag: Es ist keine Aufgabe von Sport und Gesellschaft, den Lebensunterhalt für Hochleistungssportlerinnen und -sportler sicherzustellen - auch nicht, sich um Sponsorenverträge zu kümmern. In der Frage bin ich mit dem Präsidenten des DOSB einig. Ich denke, es ist staatliche Aufgabe, möglichst gute Rahmenbedingungen für Sportler zu schaffen, die auf der einen Seite unendlich viel Zeit in ihren Spitzensport stecken, aber verständlicherweise auch den Wunsch und das Ziel haben, ihre berufliche Ausbildung nicht völlig zu vernachlässigen. Der Dualen Karriere kommt hier eine ganz entscheidende Bedeutung zu. Hier müssen auch der öffentliche Dienst und die Wirtschaftsunternehmen mit entsprechenden Ausbildungs- und Arbeitsplätzen mit in die Pflicht genommen werden. Das ist nämlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
SPD.de: Wie viel Spitzensport braucht Breitensport und wie viel Breitensport Spitzensport?
Dagmar Freitag: Es ist aus meiner Sicht völlig unbestritten, dass es diese Wechselbeziehung gibt, auch wenn es keine belegbaren Zahlen dafür gibt. Ohne eine gute Breite im Sport werden wir nicht die Talente finden, die wir in ausreichender Anzahl für einen erfolgreichen Spitzensport brauchen. Das heißt: Gute Bedingungen für den Breitensport sind die beste Basis. Und im Umkehrschluss natürlich: Erfolgreiche Athletinnen und Athleten, die glaubhaft für einen sauberen Spitzensport stehen, sind eine tolle Motivation für Kinder und Jugendliche, sich sportlich zu betätigen.
SPD.de: Zum Stichwort sauberer Spitzensport: Wie kann eine erfolgreiche Dopingbekämpfung aus Sicht der SPD aussehen?
Dagmar Freitag: Indem wir darüber eine Diskussion führen, wie viel Geld die Nationale Anti Dopingagentur (NADA) für einen wirklich erfolgreichen Kampf gegen Doping braucht. Im Moment wird leider von der Bundesregierung die gegenteilige Diskussion geführt, in dem sie der NADA Gelder im Haushalt 2013 streicht. Ein erfolgreicher Antidopingkampf kostet aber Geld. Leider muss die Frage beantwortet werden, ob das so genannte Stakeholder-Modell als gescheitert zu betrachten ist. Gescheitert deshalb, weil die Stakeholder insbesondere aus den Bereichen Wirtschaft, Sport und Bundesländern ihrer Verpflichtung zur finanziellen Unterstützung der NADA nicht in ausreichendem Maße nachkommen. Daher möchte ich eine breite Diskussion darüber anregen, wie der Antidopingkampf in Deutschland auf finanziell gesunde Füße gestellt werden kann. Das sind wir unseren sauberen Athletinnen und Athleten schuldig.
Nach Olympia: Sportförderung auf dem Prüfstand - Veranstaltung mit Dr. Thomas Bach
Das Forum Sport des SPD-Parteivorstands lädt ein zu seinem Jahrestreffen 2012 zum Thema „Mehr Bewegung für Millionen? Sportförderung auf dem Prüfstand“. Ein Impulsvortrag von Dr. Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, folgt nach der Eröffnung der Veranstaltung durch den sportpolitischen Sprecher der SPD, Manfred Schaub.
Anschließend folgt eine Diskussion zum Thema „Sportförderung auf dem Prüfstand“, an der sich der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes Friedhelm-Julius Beucher, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Sporthilfe Dr. Michael Ilgner sowie Dr. Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, beteiligen.
Das Jahrestreffen des Forums Sport 2012 findet statt am Freitag, dem 28. September 2012, um 12:00 Uhr, Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstraße 141, 10963 Berlin.