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Sigmar Gabriel zur Vermögenssteuer
27. September 2012 - Daniel von Fromberg

Lasten fair verteilen

Sigmar Gabriel: Deutschland braucht ein neues soziales Gleichgewicht (Foto: dpa)

In der Debatte um eine Vermögensabgabe hat sich SPD-Chef Sigmar Gabriel für eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer ausgesprochen. Der Bundesregierung warf er vor, die Ergebnisse des jüngsten Armutsberichts zu ignorieren. Dies sei nicht hinnehmbar, denn die zunehmenden Ungleichheiten in der Gesellschaft bedrohten die Demokratie.

„Die Vermögenskonzentration in den westlichen Industriegesellschaften führt selbst bei wachsendem Lebensstandard und steigender sozialer Absicherung der Arbeitnehmer zu einer Disparität, die der persönlichen Freiheit jede Grundlage entzieht“, sagte Gabriel am Donnerstag im Bundestag (hier die Rede im Wortlaut [PDF 54kB]).

Der SPD-Parteichef kritisierte, dass die Hälfte aller neuen Arbeitsverhältnisse befristet seien und 1,5 Millionen Menschen sich ihr täglich Brot bei der "Tafel" holen müssten. Obendrein vereinigten die oberen zehn Prozent mehr als die Hälfte des Nettovermögens auf sich, während die unteren 50 Prozent gerade mal ein Prozent hielten. So sehe die tatsächliche Lage in Deutschland aus, wie sie der Armuts- und Reichtsumsbericht von Sozialministerin Ursula von der Leyen darstellt, so Gabriel.

Die Regierung verleugnet die Wirklichkeit 

Die Bundesregierung verschließe vor dieser Entwicklung allerdings lieber die Augen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) wolle den Bericht noch „ressortabstimmen und dann verändern“, so Gabriel – und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe gesagt, sie setze auf einen „gemeinsamen Standpunkt“. 

Diesen Umgang mit dem Armutsbericht kritisierte Gabriel scharf: „Die Wirklichkeit lässt sich nicht ressortabstimmen und die lässt sich auch nicht fälschen. Es geht auch nicht darum, dass CDU/CSU und FDP zu einem gemeinsamen Standpunkt kommen – sondern es geht darum, dass Sie mal merken, was in Deutschland los ist!“ 

Deutschland braucht ein neues soziales Gleichgewicht

Die Politik müsse für eine faire Verteilung der Lasten sorgen – und dazu sei das Steuerrecht der „entscheidende Hebel“. Deutschland braucht ein neues soziales Gleichgewicht. Dabei gehe es nicht um Ideologie, Sozialneid oder „Reichenverfolgung“, im Gegenteil: Wohlstand sei nicht denkbar ohne herausragende persönliche Leistung und viel Anstrengung. „Aber niemand wird alleine reich. Immer gehören Arbeitnehmer dazu.“ Deshalb wolle die SPD, „dass die, die diesen Wohlstand erarbeiten, fair und gerecht daran teilhaben und die Lasten wieder fairer verteilt werden.“ Dies sei „Patriotismus für unser Land“.

Wohlhabende höher besteuern

Gabriel fordert deshalb eine Debatte über gerechtere Besteuerung – und damit „auch über den Beitrag höherer Vermögen, Erbschaft und Kapital“. Der Staat stehe vor der Herausforderung, zugleich Schuldenabbau, Bildungsinvestitionen und Ausbau der Infrastruktur betreiben zu müssen.

Im Unterschied zu Schwarz-Gelb sagt die SPD klar, wie sie diese Ausgaben finanzieren will: Mit dem Abbau überflüssiger Steuersubventionen, einer Anhebung des Spitzensteuersatzes auf 49 Prozent ab einem Einkommen von 100.000 Euro pro Person und einer Wiedereinführung der Vermögenssteuer, „die Ländern bis zu 10 Milliarden Euro mehr verschafft“. 

Union und FDP verkennen ihre eigene Tradition

Über all diese Punkte sei die SPD gesprächsbereit, sagte Gabriel an die Adresse der Koalitionsparteien. Schließlich könnten sowohl die FDP als auch die Union eigentlich auf eigene Traditionsbestände in punkto Vermögenssteuer zurückblicken: „Im Jahre 1952 haben der damalige Bundespräsident Heuss, FDP, Herr Bundeskanzler Adenauer, CDU ‑ auf ihn berufen Sie sich doch gerne ‑, und der Bundesfinanzminister Schäffer, CSU, das Gesetz über die Vermögensteuer-Veranlagung unterschrieben, und sofort danach ist es in Deutschland erstmalig in Kraft getreten.“

Es habe also einmal Zeiten gegeben, wo die Koalitionsparteien noch „wussten, was Verantwortung für dieses Land ist.“ Doch die derzeitige Blockadehaltung der Regierungsparteien zeige, dass sie mit diesem Erbe nichts mehr gemeinsam hätten, so Gabriel weiter. 

SPD bleibt gesprächsbereit

Gleichwohl verschließe sich die SPD einer konstruktiven Debatte nicht. Den CDU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder direkt ansprechend, fügte er hinzu: „Wir sind sofort im Gespräch, wenn Sie in der Lage sind, mit uns darüber zu sprechen, die Abschaffung der kalten Progression mit einer deutlichen Anhebung des Spitzensteuersatzes ab einem Einkommen von 100.000 Euro pro Person zu verbinden.“

Alles andere sei eine „Milchmädchenrechnung“, mit der die Union der Öffentlichkeit vormachen wolle, „dass man Steuersenkungen, Mehrausgaben und Schuldenreduzierung gleichzeitig erreichen könne. Das kann man nur, wenn man die Hoffnung hat, das nie realisieren zu müssen.“

Video der Rede von Sigmar Gabriel


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Materialien

Steuern und Finanzen

Rede von Sigmar Gabriel zur Erhebung einer Vermögensabgabe
PDF · 53,7 kB

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28. September 2012 • 09:40 Antworten
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Gelöschter Nutzer

"....zunehmenden Ungleichheiten in der Gesellschaft bedrohten die Demokratie." Nur, Ihr (Politiker) nehmt euch sehr viel Zeit, für die Korrekturen eurer bedrohlichen Fehler !!! Sollte hier irgendwann mal eine Dynamik entstehen, davon bin ich überzeugt, wird keine Politik diese Entwicklung bremsen oder verhindern können ! Auch diese mögliche Bedrohung durch Deregulierung/Lobbyismus, war seit Rot/Grün voraussehbar !!! Zum Glück und nur durch Glück, haben/hatten wir bisher keine herausragenden Persönlichkeiten in gewissen Parteien, wie in Österreich, Frankreich, Niederlande! Das potenzial an Nichtwähler und Protestwähler in Deutschland ist nicht zu unterschätzen, ja, ein Warnsignal !

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Thorsten Irle

Die gleiche Angst treibt mich schon seit Jahren um. Ich möchte mir die Situation gar nicht vorstellen, wenn es dazu kommen sollte, daß einer gewissen Partei mal irgendwann kein intellektueller Vollpfosten mehr vorstehen sollte. An einer Situation wie Ende der 1920er Jahre sind wir gerade mit einem dicken blauen Auge vorbeigeschlittert und wer glauben sollte, unsere Demokratie sei gefestigt, der irrt ganz gewaltig.

volkerultes

@ Dino und Thorsten: Also ich glaube, daß in D unsere Demokratie so gefestigt ist, daß Volksverführer hier keinerlei Chancen mehr haben, im Bund jemals die 5-Prozent-Hürde zu erreichen. Allerdings muß die etablierte Politik der immer größer werdenen Anzahl der Wahlverweigerer dahingehend Einbußen hinnehmen, daß analog der Wahlbeteteiligung auch die Anzahl der Abgeordneten bemessen werden sollte. Mit anderen Worten: !00 Prozent Wahlbeteiligung bedeuten 620 Bundestagsabgeordnete; bei 50 Prozent lediglich 310 einziehende Abgeordnete. Nur so wird seitens der Politik um die Interessen a l l e r Wähler gekämpft.

28. September 2012 • 05:02 Antworten

Thorsten Irle

Adenauers Vermögenssteuerveranlagung war seinerzeit eine Folge des sog. Lastenausgleichs, der wiederum einzig und allein dafür bestimmt war, die Folgen des Krieges so erträglich wie möglich zu machen Zumindest in finanzieller Hinsicht. Was Verantwortung für das Land angeht, empfehle ich den heutigen SPD-Spitzen sich mal dringend mit Kurt Schumacher zu beschaäftigen. Da kann insbesondere Genosse Gabriel viel lernen. Völlig falsch ist, daß die Vermögenssteuer erst 1952 in Deutschland eingeführt wurde. Steuern auf besondere Vermögen gibt es schon seit dem Mittelalter. Die Steuer wurde dann in den 90er Jahren abgeschafft, da verfassungsrechtliche Bedenken vorlagen. Die neue Wiederaufbau-Steuer heißt: Solidaritätszuschlag. Weiter ist eine besondere Vermögenssteuer etwas völlig anderes als die Anhebung des Spitzensteuersatzes. Worüber möchte Genosse Gabriel nun also mit dem Herrn Kauder reden ? Den beiden vorstehenden Kommentaren ist zuzustimmen. Jetzt zu fordern, was man in eigener Regierungsverantwortung selbst verbockt hat, nimmt einem niemand ab. Und das "Omas Häuschen" zwar nicht unmittelbar in Gefahr ist, das Fundament aber "weicher" wird, sieht man am etwas willkürlichen Umgang mit Vermögen, wie es derzeit in Frankreich passiert.

27. September 2012 • 22:31 Antworten

Volker Rockel

Die Herausforderung ist, dass der Wähler sich nicht ganz unberechtigt die Frage stellt: "Warum ist es eigentlich dazu gekommen!?" Und leider stößt die Strategie "diesen unveränderten Zustand schwarz/gelb in die Schuhe zu schieben" leider nicht auf Resonanz (wie die aktuellen Umfragen zur Bundestagswahl 2013 belegen). Mehr noch,- diese Strategie führt eher noch dazu, dass wir damit auch noch den politischen Gegner stärken! Der Ziel unseres Wahlkampfes müßte eigentlich "Glaubwürdigkeit" sein.- Und die Strategie, dass wird den Bürgern auch erklären was in Zeiten sozialdemokratischer Regierungsbeteiligung (leider) versäumt wurde oder auch (aus einer anderen, nicht immer richtigen Sicht der Dinge!) politisch falsch entschieden wurde! Die Bürger in diesem Land wollen wieder an Politiker glauben können, an deren politische Befähigung, an deren Vorbildcharakter und damit auch an deren Ehrlichkeit im Umgang mit der übernommenen politischen Verantwortung! Nur genau letzteres bleibt völlig auf der Strecke;- man entzieht sich geflissentlich jeder konkreten Kritik an den Politik Entscheidungen der Vergangenheit (Selbstkritik beschränkt sich auf eine abstrakten Ebene!) und man kommt garnicht auf den Gedanken auch persönliche politische Verantwortung für Fehler zu übernehmen! *Und so können noch so gute Ansätze sich in irgendwelchen "Papieren" widerspiegeln.- Sie werden einfach nicht mehr von den Bürgern wahrgenommen, weil den Personen hinter den Papieren die Glaubwürdigkeit fehlt! *

27. September 2012 • 17:30 Antworten

volkerultes

Genosse Gabriel spricht: "Deutschland braucht ein neues soziales Gleichgewicht". Laut Spiegel vom 24.9.2012 in dem Beitrag "Jagd auf Reiche" darf ich wie folgt zitieren: "Die Spaltung der Gesellschaft hat sich verschärft: Zwischen 1999 und 2009 steigerten die obersten zehn Prozent der Bvölkerung ihre Nettoeinkommen um über 16 Prozent, während die Bezüge der Mittelschicht stagnierten und die Ärmsten inflationsbereinigt zehn Prozent weniger Geld zur Verfügung hatten." Während dieses Zeitraumes hat stets die S P D regiert bzw. mitregiert und war somit federführend für diese Fehlentwicklungen verantwortlich, zumal das Arbeits-u.Sozial- und das Finananzministerium stets rotgeführt waren. Wer jetzt erst in der Opposition nach sozialer Gerechtigkeit ruft, hat den richtigen Zeitpunkt dazu bereits vor Jahren verschlafen. So unglaubwürdig darf man heute nicht argumentieren. Im übrigen ist gegen eine vernünftig konzipierte Vermögenssteuer, bei entsprechenden Freibeträgen, Bewertungsvereinfachungen und Freistellung von arbeitsplatzerhaltendem Produktivvermögen nichts einzuwenden. Ich fürchte aber, erst einmal wiedereingeführt sind die Verlockungen für die Politik so groß, daß Oma`s Einfamilienhaus auch vermögenssteuerpflichtig wird.