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Israel-Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus
28. September 2012 - Maurizio Andreas Cavaliere

Ex-Soldaten brechen ihr Schweigen

Ex-Soldat Nadav Bigelman führt durch die Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus
Nadav Bigelman war als Soldat in Hebron. Heute führt er durch die Ausstellung. (Foto: Bea Marquardt / SPD)

Im Willy-Brandt-Haus findet derzeit eine außergewöhnliche Fotoausstellung statt: „Breaking The Silence“ ist das Projekt einer gleichnamigen Gruppe ehemaliger Soldaten, die seit Beginn der zweiten Intifada als Wehrpflichtige oder Offiziere in der israelischen Armee gedient haben. Nun berichten sie vom Alltag der Besatzung.

„Wenn Du das erste Mal jemanden checkst und seinen Körper abtastest, ist es Dir unangenehm. Du hast Skrupel. Du hast Angst. Aber nach dem zehnten Mal hast Du dich daran gewöhnt", sagt Nadav Bigelman. „Dann checkst Du einfach jeden, ohne es zu hinterfragen. Du stumpfst ab und überschreitest eine Grenze, ohne dass Du es noch merkst."

Nadav Bigelmann ist 24 Jahre alt. Mit 19 kam er zur israelischen Armee. Mit 20 diente er für ein halbes Jahr in Hebron. Dort gilt zweierlei Recht: Für die israelischen Siedler und die Soldaten gilt das israelische Zivilrecht, für Palästinenser gilt das Militärrecht.

Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt

Heute führt Nadav durch die Ausstellung „Breaking The Silence", die noch bis zum 29. September 2012 im Willy-Brandt-Haus in Berlin zu sehen ist. Es ist die erfolgreichste Ausstellung, die jemals in der SPD-Parteizentrale zu sehen war: 600 Besucher, an Wochenenden sogar bis zu 800, strömen jeden Tag durch die Ausstellungsräume, in denen etwa 60 Bilder hängen und zwei Videos gezeigt werden. Sie berichten vom Alltag der Besatzung. Die Fotos sind von den Soldaten selbst aufgenommen, die Ausstellung soll das Leben in den besetzten Gebieten aus der Sicht der Soldaten zeigen. Sie will das Bewusstsein öffnen für die moralischen Folgen der Besetzung in Israel.

Nadav berichtet, dass er klare Wertvorstellungen hatte, als er nach Hebron kam. Er wusste, was Gut ist und was Böse. „Nach ungefähr zwei Wochen verschwimmt jedoch die Grenze.“ Das gehe allen so, sagt er. Die Soldaten haben die Aufgabe, Präsenz zu zeigen. Die Menschen sollen jeden Tag daran erinnert werden, dass sie kontrolliert werden. Willkür sei dabei an der Tagesordnung. Es gibt Bilder, die festgenommene Menschen zeigen. Ihre Augen sind verbunden, ihre Hände gefesselt. Sie dürfen nicht miteinander sprechen, sie dürfen nicht telefonieren und wissen nicht, wie lange sie festgehalten werden. Ihr Verbrechen: Sie haben gegen die Ausgangssperre verstoßen.

Tote als Trophäe

Am verstörendsten ist eine Reihe von Fotos, die alle denselben Toten zeigen: Ein bewaffneter Mann wurde an der Grenze zu Gaza getötet. Vom Militärfunk informiert, sind alsbald Soldaten herbeigeströmt, um sich mit dem Leichnam fotografieren zu lassen. Der Tote wird zu einer Trophäe degradiert und entmenschlicht. Ein Soldat hat sich sogar mit Hilfe von Photoshop als alleiniger Sieger in das Bild hineinretuschieren lassen. Für Nadav ist so etwas „krank“, die Grenze der Menschlichkeit für ihn längst überschritten. 

„Wir sind keine Opfer – Opfer sind die Palästinenser“

Als im Jahr 2010 solche Souvenir-Fotos über das Netzwerk Facebook bekannt wurden, auf denen israelische Soldaten lächelnd neben gefangenen Palästinensern posieren, bezeichnete die israelische Armee sie als bedauerliche Ausnahmen und sprach von Einzelfällen. Nadav widerspricht. Er sagt, es sei die Regel. Die meisten Soldaten bleiben nur wenige Monate in den besetzten Gebieten. Sie kehren traumatisiert zurück zu ihren Familien. Eine therapeutische Behandlung gibt es nicht. Nadav betont jedoch: „Wir, die Soldaten, sind keine Opfer, Opfer sind die Palästinenser.“

Die Ausstellung startete 2004 in Israel. Sie war unter anderem auch in der Knesset, dem israelischen Parlament, zu sehen. Nadav glaubt, dass das heute nicht mehr möglich wäre. Regierungschef Netanjahu hat sich unlängst empört, dass es kein Schweigen zu brechen gebe, andere Regierungsmitglieder haben „Breaking The Silence“ als „Terrorvereinigung“ bezeichnet.

Nadav wünscht sich, dass möglicht viele Menschen die Ausstellung besuchen und erfahren, was in den Besatzungsgebieten geschieht. Noch mehr wünscht er sich allerdings, dass die Besatzung bald beendet wird.

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28. September 2012 • 22:18 Antworten

janik

Es wird, neben mehreren sachlichen Fehlern in diesem Text, eine wichtige Tatsache nicht erwähnt, nämlich dass *"Breaking the Silence" keine unumstrittene Organisation ist und man weit davon steht, den präsentierten Fotos auch trauen zu können.* In diesem Artikel scheint der Antisemitismus nur durch. Damit ist es einfach peinlich für die SPD, ihn auf der Startseite zu haben. Ob mit Diffarmierungen gegen die IDF versehen oder nur liederlich recherchiert (z. B. "Militärrecht" statt Jordanisches Recht für Palästinenser in den PA-Gebieten), dieser Artikel ist leider einfach ein Armutszeugnis für diese Homepage und den Autor. Wenn so ein Text auf jihad.com präsentiert werden würde, hätte ich nicht auszusetzen. Was passt, dass passt. Zu SPD.de hingegen passt dieser Artikel nicht.