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Wahlkampf in den USA
04. October 2012

The winner takes all

TV-Duell: Herausforderer Romney punktete gegen US-Präsident Obama (Foto: dpa)

Der Wahlkampf in Amerika ist wieder spannend geworden. Herausforderer Mitt Romney konnte beim ersten TV-Duell gegen US-Präsident Barack Obama wieder Boden gut machen. Aus Ohio berichtet Thomas Bosch, Referent beim SPD Parteivorstand, wie die Parteien fünf Wochen vor den US-Wahlen um jede Stimme kämpfen.

„Richten Sie Ihrem „Supervisor“ aus, dass ich es satt habe, permanent mit diesen hetzenden Spots im Fernsehen konfrontiert zu werden. Die sollen das Geld sinnvoller ausgeben, statt uns negative Botschaften über ihre Mitbewerber in unsere Köpfe zu hämmern. Die sollen mir sagen, was sie eigentlich für das Land machen wollen. Ich möchte das nicht mehr sehen. Sagen Sie das Ihrem Supervisor.“

Die Türe fällt ins Schloss. Die ältere Dame ist nicht mehr zu sehen.


Wer US-Präsident werden will, braucht Ohio

Sonntag Nachmittag in einem Vorort von Columbus, Ohio. Es ist Wahlkampf in den USA. Ohio ist einer der Schlüsselstaaten bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl am 6. November. Es gilt die Regel: Wer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden will, braucht die Mehrheit der Stimmen in Ohio. Aus diesem Grund legen die Wahlkampfverantwortlichen einen besonderen Schwerpunkt auf diesen Staat mit seinen 11,5 Millionen Einwohnern.

Hier wird wesentlich mehr Geld investiert als in den meisten anderen 49 Staaten. Das bringt das amerikanische Wahlsystem mit sich, denn für die Präsidentschaftswahlen gilt für jeden Staat das Prinzip: the winner takes all. Es wird also Staat für Staat abgerechnet. Je nachdem, welche Partei und welcher Bewerber in einem Staat die Nase vorn hat, also die relative Mehrheit gewinnt, kann am Ende alle Stimmen der Wahlfrauen und –männer des jeweiligen Staats für sich verbuchen, die dann den Präsidenten wählen. Die Anzahl der Wahlfrauen und –männer ist dabei von der Einwohnerstärke des Staates abhängig.

270 ist die magische Zahl

270 ist die magische Zahl. Wer Präsident werden will, muss am Ende mehr als 270 Stimmen auf sich vereinigen können. Und so ist es auch kaum verwunderlich, dass sich die Wahlkampfstrategen der beiden großen Parteien auf die besonders umkämpften Staaten konzentrieren. Texas (38 Stimmen), Georgia (16) und Tennessee (11) sind für die Wahlkämpfer weitgehend uninteressant, denn hier führt der republikanische Herausforderer Mitt Romney. Das gilt ebenso für Kalifornien (55) und New York (29), wo Amtsinhaber Barack Obama deutlich vorne liegt. Also konzentriert sich alles auf das knappe Dutzend der so genannten Swing Staates. Dazu gehört neben Ohio (18) und Virginia (13) insbesondere Florida (29). Vor allem in diesen Staaten findet der Präsidentschaftswahlkampf statt.

In diesen Staaten wird das meiste Geld ausgegeben. Hier legen Präsident Obama und sein republikanischer Herausforderer Romney vermehrt Stopps ein, um die Menschen persönlich von ihren Vorzügen zu überzeugen. Hier sind deutlich mehr Freiwillige beider Parteien im Einsatz, um mit den Bürgerinnen und Bürgern direkt in Kontakt zu kommen. Und es sind nicht Wenige, die von diesen „intensiven“ Bemühungen in den besonders umkämpften Staaten genervt sind.

Bis zu sechs Telefonanrufe täglich pro Haushalt von Unterstützerinnen und Unterstützern der beiden Parteien und von Umfrageinstituten sind keine Seltenheit. Mehrfach in der Woche wird an ihre Haustüren geklingelt. Es werden Fernsehspots produziert, deren Botschaften speziell auf die vermeintlichen Bedürfnisse und Sorgen der Einwohner des jeweiligen Staates zugeschnitten sind.

Targeting heißt das Schlüsselwort

Beide Parteien analysieren die Wählerschaft in den Swing Staates auf das Genaueste. Targeting heißt das Schlüsselwort. Viele Informationen wurden über die einzelnen Wählerinnen und Wähler in den vergangenen Jahren gesammelt und in Datenbanken gespeichert. Diese werden nun professionell ausgewertet: So lässt sich ziemlich genau eingrenzen, wo vermeintliche Obama- oder Romney-Unterstützer wohnen. Man kennt die „notorischen“ Nichtwähler und sieht keine Notwendigkeit, zu viel Zeit und Energie auf sie zu verwenden. Man weiß auch, wo die Unentschlossenen zu finden sind. Und dabei gilt es vor allem jene für sich zu gewinnen, von denen man weiß, dass sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen werden -  weil sie das auch in der Vergangenheit immer getan haben. Aber auch Wechselwähler, die in der Vergangenheit zwar nicht immer gewählt haben, aber tendenziell zur eigenen Partei oder zum eigenen Kandidaten neigen, stehen im Fokus der Wahlhelfer.

Das alles klingt sehr effizient und ist es sicher auch. Auf die vielleicht etwas naive und deshalb auch schüchtern vorgetragene Nachfrage, ob es in einer Demokratie nicht auch wichtig sei, zumindest zu versuchen, sich auch um diejenigen zu kümmern, die von der Politik enttäuscht sind und sich jüngst oder bereits vor vielen Jahren in die Wahlenthaltung begeben haben, bekommt man in der Regel von jedem Wahlkampfstrategen eine klassische Standardantwort, die da lautet: „It’s a waste of time“ – am Ende geht es nur um die Anzahl der Stimmen und da müssen alle Ressourcen effizient eingesetzt werden.

Ohio mit seinen 88 Kreisen beziehungsweise Bezirken wurde dabei zum Beispiel von den Demokraten in 37 Einheiten unterteilt. In diesen wurden je nach Stimmenpotenzial 96 Büros eröffnet. Die Republikaner unterhalten in Ohio nur 36. In diesen Büros sind bis zu vier so genannte „field organizer“ im Einsatz, die viel Zeit damit verbringen, die große Schar freiwilliger Unterstützerinnen und Unterstützer zu koordinieren und neue Freiwillige zu gewinnen.

150.000 Hausbesuche an einem Wochenende

Deren wenig überraschendes Ziel ist es, am Ende die Menschen zur Stimmabgabe für die eigene Partei, die eigenen Kandidatinnen und Kandidaten zu bewegen – aber bis dahin ist es ein langer Weg, denn zunächst müssen die Bürgerinnen und Bürger als Wählerinnen und Wähler registriert sein. Um sicherzustellen, dass die eigenen Anhänger registriert sind, sind die Wahlkampfhelfer in den Straßen unterwegs, um Menschen für die Wahl zu interessieren und zu registrieren. Anschließend geht es immer wieder darum, sie für die Wahl zu mobilisieren. Sieben, acht, bis zu neun im Idealfall persönliche Kontakte garantieren den Erfolg, so Wahlkampfstrategen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Zielsetzung pro „field“ bei über 1000 Telefonanrufen und derselben Anzahl an Hausbesuchen pro Woche liegt. Für Ohio bedeutet dies, dass allein eine Partei an einem Wochenende in der heißen Wahlkampfphase auf gut 150.000 Hausbesuche kommen kann, wenngleich im Schnitt nur in maximal 20 Prozent der Fälle die Wählerschaft auch tatsächlich angetroffen wird. Dabei ist die Kontaktrate bei Hausbesuchen weitaus höher als bei Telefonaten, die bei etwa 10 Prozent liegt. Insofern werden „Touren durch die Nachbarschaft“ als wesentlich effektiver eingestuft.

Die Zielsetzung dieses „Canvassings“ ist mehrstufig: Man spricht mit den Unterstützern, um aus ihnen Wahlkampfhelfer zu machen. Man sucht die Unentschlossenen auf, um für die eigenen Positionen zu werben. Man will die eigenen Anhänger über die Möglichkeit informieren und sie dazu bewegen, bereits vor dem Wahltag ihre Stimme abzugeben. Dies hat für die Kampagnenverantwortlichen den Vorteil, dass man die entsprechenden Familien und Haushalte vor der Wahl nicht ein weiteres Mal kontaktieren muss. Die Liste der „zu Mobilisierenden“ wird dadurch verringert, denn in den letzten Tagen geht es vor allem noch mal darum, sicherzustellen, dass die eigenen Anhänger auch wirklich wählen gehen. Das so genannte „early voting“ begann in Ohio am Dienstag. Bei der Präsidentschaftswahl 2008 wählten in Ohio etwa 30 Prozent vor dem eigentlichen Wahltag. In diesem Jahr wird erwartet, dass sich der Anteil auf 40 Prozent erhöht.

Gleich nach dem TV-Duell wird wieder in vielen Haushalten das Telefon klingeln und Besucher werden vor der Tür stehen und fragen: Für wen werden Sie bei der Präsidentschaftswahl stimmen?

Das Flehen der älteren Dame im Vorort von Columbus am vergangenen Sonntag, weniger TV-Spots zu produzieren und auszustrahlen, wird allerdings unerhört bleiben. Im Gegenteil: Die Intensität und Frequenz wird nach der ersten Debatte weiter zunehmen. Denn hunderte von Millionen US-Dollar wollen ja gut und effektiv investiert werden – und an negative Botschaften, so lässt sich einhellig von den Kommunikationsstrategen vernehmen, können sich die Menschen einfach besser erinnern. Es gilt die Devise: Die Leute mögen sie nicht, aber sie wirken.

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