Themenwochen „Jugend und Bildung“
05. October 2012 - Jochen Wiemken„Unser Bildungssystem produziert Verlierer“
Deutschland kann es sich nicht erlauben, dass auch nur ein Kind auf der Strecke bleibt, sagt der Gründer des Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“, Pastor Bernd Siggelkow im Gespräch mit SPD.de. Doch statt das einzelne Kind zu fördern, lasse unser Bildungssystem allzu viele Kinder und Jugendliche durch das Raster fallen.
SPD.de: Ihr neues Buch heißt „Deutschlands verlorene Kinder. Warum unser Bildungssystem Verlierer produziert.“ Weshalb gibt es in Deutschland so viele Bildungsverlierer?
Siggelkow: Unser Bildungssystem passt sich nicht den Kindern an, sondern die Kinder müssen sich dem Bildungssystem anpassen. Unser Land und auch die Entwicklung der Kinder haben sich in den letzten Jahren sehr verändert: Wir haben in den Ballungsgebieten sehr viele problematische Schüler. Außerdem haben wir viel zu wenig Lehrer und können der Situation eigentlich gar nicht mehr Herr werden.
Unser föderales System verschärft zudem die Probleme. Es gibt unterschiedliche Lehrpläne, die Kindern große Schwierigkeiten bereiten, wenn sie in andere Bundesländer umziehen müssen. Wir schicken noch immer viel zu viele Kinder auf die Förderschulen und lassen sie nachsitzen. Das kostet uns richtig viel Geld – Geld, das man auch direkt in die Infrastruktur von Schulen stecken könnte.
SPD.de: Produziert unsere Gesellschaft also eine verlorene Generation?
Siggelkow: Ja, das zeigen die PISA-Studien und andere Bildungserhebungen. Wir wissen heute, dass zwanzig Prozent aller 15-jährigen funktionale Analphabeten sind. Und das heißt: wir haben zwanzig Prozent Verlierer.
SPD.de: Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind Kinder aus bildungsfernen Familien und mit Migrationshintergrund. Wo sollte man da am besten ansetzen?
Letztendlich fehlt den Menschen nicht Geld, sondern Perspektive und Würde. Die erhalten sie nicht, in dem man ihnen die Hartz-IV-Sätze erhöht. Die erhalten sie, wenn sie Existenz sichernde Arbeitsplätze besitzen. Denn so können sie herauskommen aus ihrem bildungsfernen Umfeld.
SPD.de: Was muss sich sonst noch ändern?
Siggelkow: Zahlreiche Unternehmen in Deutschland verdienen richtig viel Geld. Problematisch ist, wenn viele von ihnen Mitarbeiter entlassen, um noch mehr Gewinne zu erwirtschaften.
Diese Unternehmen müssten noch stärker besteuert werden als diejenigen, die Menschen einstellen. Ich finde, die müssten weniger Steuern bezahlen. Das wäre ein Anreiz, Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen. Außerdem kurbelt das die Wirtschaft an. Letztendlich würden damit die Unternehmen bestraft, die nur darauf aus sind, ihre Gewinne zu optimieren.
SPD.de: NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft will vorsorgend in Bildungschancen von Kindern investieren anstatt später für Reparaturkosten zahlen zu müssen. Was halten sie von der Idee des „vorsorgenden Sozialstaats“?
Siggelkow: Wir müssen ein vorsorgender Sozialstaat sein. Wir können es uns nicht erlauben, in zehn Jahren Facharbeiter aus dem Ausland importieren zu müssen, aber nicht genügend in die Bildung unserer Kinder zu investieren, um sie zu Fachkräften zu machen.
SPD.de: Nach wie vor hängen Bildungsmöglichkeiten von dem Geldbeutel der Eltern ab. Die SPD will mehr Geld in Bildung investieren. Der richtige Weg?
Siggelkow: Wenn wir Kinder in Deutschland wenigstens als einen wirtschaftlichen Faktor sehen - ich sage: wenigstens als wirtschaftlichen Faktor - dann sind wir auch bereit mehr Geld für die Bildung in die Hand zu nehmen.
Wenn jemand 20.000 Euro im Monat verdient, dann braucht er kein Kindergeld. Natürlich ist das schwierig, so ein Gesetz zu verändern. Aber ich kenne sehr viele Leute, die so viel Geld verdienen und mir sagen: „Jawohl, ich bin bereit, das Kindergeld zu opfern. Dieses Geld soll in das Bildungssystem investiert werden!“.
SPD.de: Was wünschen Sie sich vom Regierungsprogramm der SPD 2013?
Siggelkow: Ein Familienvater oder eine Familienmutter muss mit ihrem Gehalt die eigene Familie ernähren können. Wir brauchen Existenz sichernde Arbeitsplätze.
"Die Arche" unterwegs für Deutschlands Kinder
Das christliche Kinder- und Jugendwerk "Die Arche" wurde 1995 in Berlin gegründet. Mittlerweile ist die "Arche" an zehn Standorten in Deutschland aktiv und erreicht über 2.000 Kinder und Jugendliche. In ihren Einrichtungen bietet sie den Kindern täglich kostenlos eine vollwertige, warme Mahlzeit, Hausaufgabenhilfe, sinnvolle Freizeitbeschäftigungen mit Sport und Musik - und vor allem viel Aufmerksamkeit. Die Arbeit der "Arche" wird zu 100 Prozent durch Spendengelder finanziert.