§ 175: Bundesrat unterstützt Rehabilitierung schwuler Männer
12. October 2012 - Jochen Wiemken„Dunkles Kapitel abschließen“
Über 50.000 schwule Männer wurden nach 1945 aufgrund des Paragrafen 175 wegen „einvernehmlicher sexueller Handlungen“ diskriminiert, verfolgt und verurteilt. Nun hat der Bundesrat einer SPD-Initiative zugestimmt, nach der die Verurteilten rehabilitiert und unterstützt werden sollen. Die SPD fordert die Bundesregierung auf, jetzt schnell zu handeln.
Es ist ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, über das lange geschwiegen wurde. In der frühen Bundesrepublik wurden über 50.000 schwule Männer wegen homosexueller Handlungen und Verstoß gegen das Sittengesetz zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt. Der von den Nationalsozialisten verschärfte § 175 Strafgesetzbuch wurde weiter gnadenlos angewendet. Alle schwulen Männer lebten auch nach 1945 in ständiger Angst vor Strafverfolgung und Denunziation. Schon eine erotisch angefärbte Annäherung konnte zu einem Strafverfahren führen. Razzien an Homosexuellen-Treffpunkten waren an der Tagesordnung.
Ein Zeitzeuge erinnert sich
Volker Bruns erinnert sich an die sechziger Jahre in Düsseldorf:
„Die Nazi-Version des § 175 bestimmte unser Leben. Für uns, die erste Generation Homosexueller nach dem Krieg, herrschte immer noch Faschismus, obwohl wir nun in einem Deutschland lebten, das wegen seines liberalen anglo-amerikanischen Grundgesetzes von Demokraten in aller Welt gefeiert wurde. Strafgesetze prägten das Leben seiner homosexuellen Bürger. Das Wort „schwul“ war ein ungeheuerliches Schimpfwort. Doppelmoral, Abscheu und Hass bestimmten die Atmosphäre. Das war die Energie, in der wir lernten, schwul zu sein. Wir wollten tanzen, lachen, flirten. Wir wollten uns verlieben und miteinander Sex haben.“
So urteilte das Bundesverfassungsgericht noch 1957
Umso schockierender ist die Position des Bundesverfassungsgerichts, welches noch 1957 urteilte:
„Dabei ist davon auszugehen, dass der deutschen Auffassung die gleichgeschlechtliche Beziehung von Mann zu Mann als Verirrung erscheint, die geeignet ist, den Charakter zu zerrütten und das sittliche Gefühl zu zerstören. Greift diese Verirrung weiter um sich, so führt sie zur Entartung des Volkes und zum Verfall seiner Kraft.“
Erst 1994 wurde der Paragraf endgültig gestrichen. Auch in der DDR stand Homosexualität zwischen Erwachsenen bis 1968 unter Strafe. Urteile aus der Nazizeit wurden inzwischen aufgehoben, Überlebende haben Anspruch auf Entschädigung. Bis heute wurden die nach 1945 verurteilten Homosexuellen jedoch nicht rehabilitiert.
Bundesrat unterstützt SPD-Initiative für Rechte verurteilter Homosexueller
Am Freitag hat der Bundesrat einem Entschließungsantrag des SPD-geführten Berliner Senats mit breiter Mehrheit zugestimmt. Im Antrag wird die Bundesregierung aufgefordert, diese schwulen Männer zu rehabilitieren und zu unterstützen. „Berlin hat die Initiative ergriffen und ich bin sehr froh darüber, dass sich so viele Bundesländer angeschlossen haben“, zeigte sich Berlins Arbeitssenatorin, Dilek Kolat (SPD), hocherfreut. Es müsse endlich Licht in ein dunkles Kapitel unserer Geschichte gebracht werden.
SPD: Bundesregierung muss zügig handeln
Die nach 1945 verurteilten noch Lebenden sind heute 70 bis 90 Jahre alt. Deshalb fordert die SPD-Senatorin die Bundesregierung zu einer zügigen Umsetzung auf. „Die Zeit drängt, um wenigstens einigen Überlebenden noch die Rehabilitierung und mögliche Entschädigung zu Teil werden zu lassen, die ihnen zusteht“, so Kolat.
Auch die Arbeitsgemeinschaft der Lesben und Schwulen in der SPD (Schwuso) begrüßen die Entschließung des Bundesrats. Sie sei „wichtig und richtig“, eine Rehabilitierung zwingend notwendig, sagte der Schwuso-Vorsitzende Ansgar Dittmar. Die Bundesregierung müsse jetzt schnell handeln, um dieses „dunkle Kapitel der Strafrechtsgeschichte endlich abzuschließen“.
Anmerkung der Redaktion:
Die Erinnerung von Volker Bruns stammt aus dem Buch „Hundert Jahre schwul“ von Elmar Kraushaar.
Das Artikelbild zeigt einen Ausschnitt der Grafik "Trainer" (1962) von Jürgen Wittdorf. Es ist Teil der Ausstellung "Chronist des DDR-Alltags - Dem Grafiker Jürgen Wittdorf zum 80. Geburtstag", die vom 4. Oktober 2012 bis Frühjahr 2013 im Schwulen Museum, Mehringsdamm 61, 10961 Berlin zu sehen ist.