Themenwochen Arbeit, Wirtschaft, Energie
24. October 2012 - Daniel von FrombergRevolution im Kleinen
Finanzkrise, Klimawandel, Armut – unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem produziert zunehmend Probleme. Gleichzeitig wird der Ruf nach gangbaren Alternativen lauter. Auch im SPD Bürger-Dialog wird häufig die Frage diskutiert: Wie wollen wir leben? SPD.de stellt einige Ansätze alternativer Wirtschafts- und Lebensformen vor.
Es knirscht im Gebälk. Die Finanzkrise hat nicht nur einst als sichere Bollwerke gewähnte Großbanken und Industrien ins Schlingern gebracht – deren milliarden- und steuergelderschwere Rettung bringt inzwischen auch ganze Staaten an den Rand des Ruins.
Staatsbankrott, Gletscherschmelze, Burnout
Zugleich überschlagen sich die Forschungsinstitute mit immer neuen Hiobsbotschaften von der Klimaerwärmung. Bilder von der eisfreien Arktis, Flutkatastrophen und brennenden Wäldern scheinen inzwischen medialer Alltag zu sein. Die Debatte über die ‚Grenzen des Wachstums’, wie sie der Club of Rome schon 1972 propagierte, ist angesichts solcher Entwicklungen wieder im vollen Gange.
Derweil bringt die zunehmende soziale Spaltung in Arm und Reich in den ‚westlichen’ Demokratien den dort geltenden Gesellschaftsvertrag verstärkt unter Druck. Das gilt auch für die Arbeitswelt: Ob arbeitslos, prekär beschäftigt oder Gutverdiener im Vollzeitjob – Angst und Stress prägen an allen Enden der sozialen Leiter das Bild. Burnout-Syndrom und Depressionen mutieren auch in Deutschland zu Volkskrankheiten.
Welt kaputt, Wirtschaft kaputt, Mensch kaputt? Schlägt man die Zeitungen auf, kann man sich oft dieses Eindrucks nicht erwehren. Schlimmer noch: Die Probleme scheinen oft überwältigend komplex und unlösbar. Und doch gibt es viele Menschen, die sich von der Komplexität und der Wucht immer neuer Krisen nicht entmutigen lassen, sondern nach Alternativen suchen – und sie ausprobieren.
Gemeinsam statt vereinzelt
So wie die Bewohnerinnen und Bewohner der seit 1986 bestehenden Kommune Niederkaufungen bei Kassel. Von Hippieromantik ist das Projekt allerdings weit entfernt. Vielmehr hat sich die Kommune in den letzten 26 Jahren als wichtiger Lebens- und Arbeitsraum etabliert, mit eigener Bäckerei und Tagungszentrum.
Die heute hier lebenden 80 Menschen haben sich nach Innen als sogenannte „Gemeinsame Ökonomie“ organisiert. Das bedeutet, dass alle Mitglieder ihr gesamtes Vermögen sowie ihr Einkommen in einen gemeinsamen Topf einzahlen – und sich ebenso alle daraus bedienen können, egal, wie viel jemand einbringt.
Die meisten dürften dieses Modell aus der Ehe oder der Beziehung kennen: Man wirft zusammen, was man hat. Wenn größere Gruppen untereinander nicht Verwandter oder Verheirateter so etwas machen, herrscht hingegen oft Skepsis. Dabei bietet dieses Modell den Vorteil, sich untereinander solidarisch abzusichern und dem individuellen, häufig sogar vereinzelten Alltagskampf um Einkommen und soziale Absicherung gemeinsam etwas entgegenzusetzen.
Weil die Idee immer mehr Anhänger findet, gibt es inzwischen sogar ein bundesweites Netzwerk. Nicht nur Kommunen – zu deren gemeinsamer Ökonomie dann ja auch Wohneigentum gehört –, sondern auch Wohngemeinschaften oder einfach Gruppen von Freunden probieren das Modell aus. Und bleiben häufig dabei.
Alle gemeinsam genutzten Gegenstände wie zum Beispiel Autos oder Waschmaschinen werden gemeinsam erworben. Der private Konsum bleibt dennoch weiterhin privat. Das heißt, alle können sich aus dem gemeinsamen Fundus nach ihren eigenen Bedürfnissen bedienen. Über diesen Privatkonsum wird dann aber in der Gruppe diskutiert. Das verlangt allen natürlich ein hohes Maß an Gesprächs- und Reflexionsbereitschaft ab.
Die von SPD.de befragten Mitglieder gemeinsamer Ökonomien schätzen diese Reflektion ihres Konsumverhaltens allerdings sehr. Zudem fühlen sie sich besser abgesichert, auch gegen Jobverlust. Denn in so einem Fall ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass andere Mitglieder der Gemeinschaft noch ein Einkommen haben – und so den finanziellen Ausfall für eine Zeit kompensieren können.
Leihen und Schenken
Das Modell der Gemeinsamen Ökonomie verweist auf die lange Tradition von Genossenschaften in Deutschland, die zugleich eng mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung verwachsen ist. Ursprünglich eine Idee aus England, gründeten sich im 19. Jahrhundert auch in Deutschland die ersten Konsum- und Handels- und vor allem Bankgenossenschaften.
Die SPD hat auf ihrem letzten Parteitag 2011 darauf hingewiesen: Gerade in Zeiten der Krise können auf Gemeinnützigkeit orientierte Unternehmen und Genossenschaftsbanken einen wichtigen Ansatzpunkt alternativen Wirtschaftens bieten. Dazu gehören auch Alternativbanken wie die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) in Bochum: Ursprünglich aus der anthroposophischen Bewegung kommend, richtet die 1974 gegründete genossenschaftliche Universalbank ihre Geschäftspraxis an Werten wie Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit aus.
Das bedeutet ganz konkret, dass die GLS auf bestimmte Geschäftspraktiken verzichtet: Investitionen in Rüstung, Gentechnik oder Atomenergie etwa schließt die Bank aus. Das gilt auch für riskante Handelsgeschäfte, die zur Finanzkrise von 2008 geführt haben. Das Geld der Anleger wird wiederum in regenerative Energien, die Förderung der ökologischen Landwirtschaft oder in nachhaltiges Bauen investiert – und die Kunden können genau festlegen, was mit ihren Sparguthaben passieren soll.
Gleichzeitig fördert die GLS seit 2010 mit Mikrokrediten kleine und kleinste Unternehmen, die von ‚normalen’ Banken keine Finanzierung erhalten. Aufgrund dieser Aktivitäten wählten die Leser von „Börse Online“ die GLS sogar zur „Bank des Jahres 2012“. Dort kriegen sie zwar keine Rekordrenditen, dafür aber vielleicht ein Stück bessere Welt.
Glück statt Wachstum
Dieses Ziel hat sich auch die britische New Economics Foundation (NEF) auf die Fahnen geschrieben. Sie setzt jedoch noch eine Ebene höher an: beim Staat, genauer bei dessen Finanzen und deren Bewertung. Denn spätestens seit Ausbruch der Eurokrise ist das Thema ‚Ratings’ in aller Munde. Jede Woche geben die großen US-Rating-Agenturen wie Moody’s oder Fitch ihre Berichte über die wirtschaftliche Lage nicht nur der Euro-Staaten bekannt. Und je nach vergebener Note und Bonität eines Landes reagieren wiederum die internationalen Finanzmärkte – und machen die Kreditaufnahme für die Länder entsprechend leichter oder schwerer.
Die NEF schlägt deshalb ein alternatives Bewertungssystem vor: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei der falsche Grundstein für Aussagen über den Zustand von Volkswirtschaften. Schließlich sei er an das Wirtschaftswachstum gekoppelt – und das ist laut NEF das eigentliche Problem. Denn genau dieses unkontrollierte Wachstum zerstört sowohl das Klima als auch die natürlichen Ressourcen. Um also aus diese die Menschheit bedrohenden Krise herauszukommen, müsse eine Umkehr von diesem Mantra erfolgen, so der Think-Tank.
Hier bringen die Briten den von ihnen entwickelten „Happy Planet Index“ (HPI) als Bewertungsgrundlage ins Spiel. Dieser kombiniert Werte für Lebenszufriedenheit, Lebenserwartung und ökologischen „Fußabdruck“ und bewertet dann Staaten – mit überraschendem Ergebnis: So führen nach dem HPI 2012 nicht Wirtschaftsriesen wie die USA oder China die Weltranglisten an, sondern Costa Rica, Vietnam und Kolumbien.
Deutschland liegt dagegen nur im oberen Mittelfeld, kurz hinter Japan und knapp vor Frankreich. Zwar weist Deutschland eine um ein Jahr höhere Lebenserwartung als Spitzenreiter Costa Rica auf, doch ist im Vergleich die Zufriedenheit der Bevölkerung nicht so hoch und vor allem der „CO2-Fußabdruck“ größer.
Glück als Menschenrecht
Selbst die britische konservative Partei und die Europäische Union haben sich schon eingehend mit dem HPI beschäftigt und ihn als Bewertungskriterium in Betracht gezogen, vor allem aus klimapolitischen und Nachhaltigkeitserwägungen. Schließlich bildet der Index ab, inwiefern die Politik eines Staates seiner Bevölkerung nachhaltig, also klima- und ressourcenschonend ein gutes Leben ermöglicht.
Das asiatische Königreich Bhutan ist da schon einen Schritt weiter: Der König hat 2008 das Recht auf Glück in der Verfassung verankert. Zur Messung der Lebensqualität erhebt das kleine Entwicklungsland das „Bruttonationalglück“. Das hat sogar die Vereinten Nationen Anfang 2012 zu einem internationalen Spitzentreffen bewegt, auf dem Alternativen zur Wachstumslogik diskutiert wurden. Die entscheidende Frage: Glück als Menschenrecht oder Wachstumsfetisch?
Wie wollen wir also leben? Schicken Sie uns Ihre Ideen und Anregungen!