Denkmal für ermordete Sinti und Roma
24. October 2012 - Jochen WiemkenMahnung für die Zukunft
Mehr als zwei Jahrzehnte mussten Sinti und Roma auf einen Gedenkort für ihre Opfer des NS-Völkermords warten. Jetzt wurde das Mahnmal zwischen Deutschem Bundestag und Brandenburger Tor in Berlin eingeweiht. „Unsere Gesellschaft muss Minderheiten integrieren und ihre Rechte schützen“, mahnt die stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz.
Nach 20 Jahren Streit ist das Denkmal für die in der Nazi-Zeit ermordeten Sinti und Roma in Berlin eingeweiht worden. „Was lange währt, wird endlich gut“, sagte der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse am Mittwoch. Er hofft, dass das Denkmal viel Aufmerksamkeit erhält – und vor allem in gewünschter Form. Thierse: „Es geht um die würdige Erinnerung an die Opfer und um Respekt und Toleranz heute – auch und gerade gegenüber den Sinti und Roma.“
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma warnt vor neuem Rassismus
Der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani Rose, warnte vor einem neuen Rassismus gegen Sinti und Roma. Dieser richte sich vordergründig gegen seine Minderheit, „tatsächlich aber richtet er sich gegen unsere Demokratie und unsere demokratischen Werte“, so Rose. Hier genügten keine Verbote – die Ächtung jedweder Gewalt müsse in der ganzen Gesellschaft Platz greifen.
Wowereit: Erinnerung ist wichtig für unsere Zukunft
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, mahnte im Vorfeld der Denkmal-Einweihung: "Um Demokratie und Freiheit zu verteidigen, ist es von zentraler Bedeutung, dass nachwachsende Generationen niemals vergessen, wozu rechtsextremistische Vorurteile, Hass und Verblendung führen können. Deshalb ist Erinnerung so wichtig für unsere gemeinsame freiheitliche Zukunft."
Kritik an populistischer Asyldebatte
Schon vor Tagen hatte der Zentralratschef der Sinti und Roma, Romani Rose, die von Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) angestoßene Debatte über Asylmissbrauch von Bürgern aus Balkanländern scharf kritisiert. An der populistischen Asyldebatte übte auch die stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz harte Kritik. Herabsetzungen und Stigmatisierungen wie in der gegenwärtigen Debatte um gestiegene Asylanträge von Sinti und Roma aus Serbien und Montenegro seien „inakzeptabel“, betonte Özoguz. „Diesbezüglich wünsche ich mir eine sensible und differenzierte Debatte über Armut und Wanderung in Europa.“
Sinti und Roma: geächtet, verfolgt und entrechtet
Sinti und Roma leben seit 600 Jahren in Deutschland. Sinti sind dabei die aus West- und Mitteleuropa stammenden Angehörigen der Minderheit, Roma die aus Ost- und Südosteuropa.
Nach Schätzungen ihres Zentralrats gibt es heute etwa 70.000 deutsche Sinti und Roma. Neben Deutsch sprechen sie als zweite Muttersprache Romanes.
In der NS-Zeit wurden Sinti und Roma als „Zigeuner“ geächtet, verfolgt und entrechtet. 1938 ordnete SS-Reichsführer Heinrich Himmler die „endgültige Lösung der Zigeunerfrage“ an. Dem Völkermord fielen etwa 500.000 Männer, Frauen und Kinder zum Opfer.
Nach dem Krieg stand in Deutschland zunächst die Aufarbeitung des Holocaust an sechs Millionen Juden im Mittelpunkt. 1982 erkannte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) auch die NS-Verbrechen an Sinti und Roma offiziell als Völkermord an. Die Entschädigung für überlebende KZ-Opfer wurde in Tausenden Einzelfällen nochmals überprüft.
(mit dpa)