Themenwochen „Gesundheit und Verbraucherschutz“
31. October 2012 - Daniel von FrombergWeniger Arbeit wagen
Überarbeitet, gestresst, krank – immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter zu hoher Arbeitsbelastung. Besonders jüngere Arbeitnehmer wünschen sich mehr Freizeit und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Andere leiden unter der Unsicherheit prekärer Beschäftigung. Abhilfe könnten flexible Arbeitszeitmodelle und ein Mindestlohn schaffen.
„Was die Arbeitswelt aus uns macht“ titelt die „Zeit“ in ihrer neuesten Ausgabe – und illustriert den Artikel mit einem Anzug tragenden Hamster nebst Hamsterrad. Auch andere Medien sind voll mit Berichten über zuviel Stress am Arbeitsplatz und steigende Krankenstände. Immer häufiger wird der Ruf nach Entschleunigung des Arbeitslebens und nach einer besseren sogenannten 'Work-Life-Balance' laut – und das schon seit Jahren.
Die Hamsterrad-Gesellschaft
Schon 2007 schrieb ebenfalls in der „Zeit“ die Journalistin und derzeitige SPD-Kandidatin für das Amt des Kieler Oberbürgermeisters, Susanne Gaschke, einen bemerkenswerten Artikel über die Deutschen als ein „Volk im Dauerstress“. Tenor: Die moderne, glitzernde Arbeitswelt mit ihrem dreifachen Mantra aus unbegrenzter Flexibilität, ständiger Verfügbarkeit und klirrendem Leistungsethos mache die Menschen auf Dauer kaputt.
Der Motor für den zerstörerischen Leistungswahn sei die Angst der Beschäftigten vor Jobverlust – Gaschke nennt dies die „Ökonomie der latenten Erpressung“, nach dem Motto: Wenn du nicht dich nicht reinhängst, tut es jemand anders. Bei Karl Marx hieß dies noch „industrielle Reservearmee“.
Arbeitsland ist ausgebrannt
Die derart angstbefeuerte Höchstleistungswirtschaft produziert derweil ihre eigenen Totengräber: Erschöpfte Beschäftigte, von denen jeder Zweite sich dem Index „Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) zufolge mindestens zwei Mal im Jahr „richtig krank“ zur Arbeit schleppt – und die sich zunehmend notgedrungen aus diesem Hamsterrad verabschieden.
Einer Studie des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) von 2012 zufolge machen mittlerweile Burnout, Depressionen und andere psychische Leiden 13,2 Prozent aller Krankheitstage aus. Damit stehen sie an dritter Stelle nach Krankheiten wie chronische Rückenschmerzen und anderen Muskel- und Skelettleiden (26,3 Prozent) sowie Atemwegserkrankungen (14,4 Prozent).
Leidet erst die Psyche, geht es dem Körper auch bald schlecht. Eine internationalen Studie des University College London hat im Oktober 2012 ergeben, dass Beschäftigte, deren Arbeit psychisch belastend ist und die wenig Gestaltungsspielräume haben, gegenüber anderen Arbeitnehmern ein um 23 Prozent erhöhtes Herzinfarkt-Risiko aufweisen. Befragt wurden 200.000 Teilnehmer aus sieben europäischen Ländern.
Die Wochenarbeitszeit steigt
Schaut man sich die Arbeitsbedingungen an, verwundert die Diagnose kaum. Denn die Wochenarbeitszeit steigt seit Jahren an: Dem Statistischen Bundesamt zufolge arbeiteten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einer Vollzeittätigkeit im Jahr 2011 im Durchschnitt 40,7 Stunden pro Woche.
Das bedeutet einen Anstieg um etwa 49 Minuten pro Woche seit Mitte der 1990er Jahre. Damit liegt Deutschland leicht über dem EU-Durchschnitt (40,4 Stunden). Im gleichen Zeitraum ist die Arbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten um gut eine Stunde auf durchschnittlich 18,2 Stunden pro Woche zurückgegangen.
Ständig präsent, stets erreichbar
Und auch samstags hat Vati nicht mehr frei: Dem DGB-Index „Gute Arbeit 2012“ zufolge, der jedes Jahr die Belastung am Arbeitsplatz misst, hat nur noch jeder Dritte am Wochenende frei. Dem Bericht „Qualität der Arbeit 2012“ des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden zufolge arbeitete 2011 sogar ein Viertel (24,5 Prozent) aller Beschäftigten auch samstags – 1996 waren es noch 18,8 Prozent.
Dazu kommen weitere Faktoren wie Erreichbarkeit oder Mehrarbeit: Ein Drittel muss dem Index zufolge stets telefonisch erreichbar sein, ein Fünftel macht regelmäßig mehr als zehn Überstunden pro Woche. Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat zudem ergeben, dass 10 Prozent der tarifär Beschäftigten im Jahr 2009 trotz durchschnittlich vertraglich vereinbarter Arbeitszeit von knapp unter 39 Stunden am Ende doch über 48 Stunden pro Woche gearbeitet haben.
Weniger Arbeit, mehr Arbeitsplätze
Entsprechend paradox mutet da zunächst der Wunsch vieler Menschen nach mehr Arbeit an. Einer aktuellen Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zufolge wollen nämlich 7,2 Millionen Menschen in Deutschland nicht weniger, sondern mehr arbeiten. Dies betrifft vor allem Arbeitslose (2,5 Millionen), Teilzeitbeschäftigte (2 Millionen) und nur zu 1,7 Millionen Vollzeitbeschäftigte.
Hinter dem Wunsch der Teilzeitbeschäftigten nach mehr Arbeit stehen vor allem Millionen von Frauen, die den Großteil der in Teilzeit oder in Minijobs arbeitenden Beschäftigten ausmachen. Sie wünschen sich angesichts sinkender Stundenzahlen mehr Beschäftigung und damit auch mehr Gehalt.
Das IMK betont indes, dass es viele Beschäftigte gibt, die gerne weniger arbeiten wollen und entsprechende Lohneinbußen in Kauf nehmen würden. „Könnten alle Arbeitnehmer so arbeiten wie sie wollen - die einen länger, die anderen kürzer – dann würden unter dem Strich zwei Millionen zusätzliche Arbeitskräfte benötigt", sagt IMK-Arbeitsmarktexperte Hartmut Seifert.
Deutschland, einig Marterland
Der Wunsch nach weniger Arbeit, mehr gesundheitsfördernder Ruhe und Zeit für sich selbst ist also durchaus da. Einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2007 zufolge finden 87 Prozent der Befragten Zeit für Freunde und Familie wichtiger als „wachsendes Einkommen“ (42 Prozent). Dasselbe Institut hat 2012 herausgefunden, dass drei Viertel aller Eltern sich mehr Zeit für ihre Familien wünschen.
Doch obwohl Zeitgeist und Krankenstände aufgrund psychischer Belastungen eine eindeutige Sprache sprechen, entscheiden sich nur wenige Menschen in Deutschland zum Schritt ins Weniger, englisch „Downshifting“ genannt. Dabei ist Möglichkeit zur Arbeitszeitreduktion durchaus gegeben, führte doch 2001 die rot-grüne Bundesregierung das Teilzeit- und Befristungsgesetz ein, um Teilzeitregelungen zu fördern.
Einer Einschätzung des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ zufolge hält die Deutschen aber vor allem der mit Vollzeit verbundene gesellschaftliche Status, das Gehalt und der Angst vor Jobverlust vor dem Gang in die Teilzeit ab. Die „Süddeutsche Zeitung“ diagnostiziert zudem im Vergleich mit anderen EU-Ländern eine ausgeprägte „Präsenzkultur“ in deutschen Unternehmen. Mit anderen Worten: Wer sich herauszieht, wird abfällig beäugt.
Zeitsouveränität statt Zitterattacken
Doch auch in Deutschland dreht sich seit einigen Jahren spürbar der Wind in Richtung Arbeitszeitverkürzung und neue Arbeitszeitmodelle. Besonders im Fokus der Aufmerksamkeit stehen dabei flexible Arbeitszeiten und Teilzeitarbeitsmodelle. Einer Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln zum Teilzeitmodell des sogenannten 'Job-Sharings' – bei dem sich mindestens zwei Personen eine Stelle teilen – hat ergeben, dass 2009 schon ein Fünftel aller befragten Unternehmen dieses Modell anbietet. 2003 waren es noch 9,1 Prozent gewesen.
Ein gutes Beispiel für flexible Arbeitszeitgestaltung ist der Maschinenbauer Trumpf GmbH im schwäbischen Ditzingen bei Stuttgart. Das Magazin „Mitbestimmung“ der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung berichtete im Sommer 2011 über das ehrgeizige Projekt – und würdigte es als wegweisend.
Danach können die Angestellten künftig alle zwei Jahre ihre Wochenarbeitszeit in einem Rahmen von 15 bis 40 Stunden neu festlegen, bei entsprechend angepasstem Lohn. Außerdem können sie bis zu 1000 Stunden auf einem individuellen Arbeitszeitkonto ansparen und in eine zeitweise Arbeitszeitreduzierung umwandeln. Auch eine sogenannte ‚Sabattical’-Regelung ist möglich: Ähnlich wie auch öffentlich Beschäftigte in Berlin können die Angestellten bis zu zwei Jahre für die Hälfte des Lohns Vollzeit arbeiten – und dann bis zu zwei Jahre bei halben Bezügen eine Auszeit nehmen.
Gärtnern für die Vier-Tages-Woche
Der britische Think-Tank New Economics Foundation (NEF) geht mit einem interessanten Vorschlag noch über die aktuell praktizierten Flexibilisierungsmodelle hinaus: Mit Blick auf den stetigen Trend zu immer längeren Wochenarbeitszeiten in den Industrieländern und gleichzeitig steigender Arbeitsbelastung und Begleitsymptomen wie Stress oder Burnout-Syndrom schlägt die NEF für Großbritannien den ‚National Gardening Leave’, den ‚Nationalen Gartentag’ vor. Die reguläre Arbeitswoche soll auf vier Tage verkürzt und der fünfte zum Beispiel zum Gärtnern benutzt werden, so die NEF.
Man muss keinen grünen Daumen besitzen, um dieser Idee etwas abverlangen zu können. Auch innerhalb der Gewerkschaften wird schon jetzt über bloße Teilzeitmodelle hinausgegangen: Diskussionen um die 4-Tage-Woche weisen schon jetzt in eine neue, weniger von Arbeit bestimmte Zukunft.
Bessere Arbeitsbedingungen für alle
Auch die SPD will einem Beschluss vom Parteitag 2011 „ein neues Gleichgewicht von Arbeit und Leben ermöglichen, indem die Beschäftigten mehr Zeitautonomie erhalten“. Darüber hinaus fordern die Sozialdemokraten verbesserte, faire Arbeitsbedingungen – für alle.
Denn was für gut bezahlte, nach Tarif beschäftigte Vollzeitkräfte ein Segen sein kann, wie flexible Arbeitsmodelle, ist für die meisten prekär Beschäftigten schon jetzt ein Fluch. Viele können aufgrund ohnehin schon magerer Gehälter ihre Stunden nicht reduzieren oder leiden – wie zum Beispiel Leiharbeiter – unter zu hoher Flexibilisierung.
Die SPD fordert deshalb einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. Jeder, der Vollzeit arbeitet, muss davon ohne weitere Unterstützung leben können. Frauen und Männer sollen das gleiche verdienen und gleiche Aufstiegschancen haben. Auch dem Missbrauch von Minijobs und Leiharbeit will die SPD einen Riegel vorschieben, zum Beispiel mit einer Begrenzung der Wochenarbeitszeit bei Minijobs auf 12 Stunden.