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Themenwochen „Gesundheit und Verbraucherschutz“
31. October 2012 - Daniel von Fromberg

Weniger Arbeit wagen

Arbeitsland ist ausgebrannt: Frau an ihrem Arbeitsplatz in Köln (Foto: dpa)

Überarbeitet, gestresst, krank – immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter zu hoher Arbeitsbelastung. Besonders jüngere Arbeitnehmer wünschen sich mehr Freizeit und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Andere leiden unter der Unsicherheit prekärer Beschäftigung. Abhilfe könnten flexible Arbeitszeitmodelle und ein Mindestlohn schaffen.

„Was die Arbeitswelt aus uns macht“ titelt die „Zeit“ in ihrer neuesten Ausgabe – und illustriert den Artikel mit einem Anzug tragenden Hamster nebst Hamsterrad. Auch andere Medien sind voll mit Berichten über zuviel Stress am Arbeitsplatz und steigende Krankenstände. Immer häufiger wird der Ruf nach Entschleunigung des Arbeitslebens und nach einer besseren sogenannten 'Work-Life-Balance' laut – und das schon seit Jahren. 

Die Hamsterrad-Gesellschaft

Schon 2007 schrieb ebenfalls in der „Zeit“ die Journalistin und derzeitige SPD-Kandidatin für das Amt des Kieler Oberbürgermeisters, Susanne Gaschke, einen bemerkenswerten Artikel über die Deutschen als ein „Volk im Dauerstress“. Tenor: Die moderne, glitzernde Arbeitswelt mit ihrem dreifachen Mantra aus unbegrenzter Flexibilität, ständiger Verfügbarkeit und klirrendem Leistungsethos mache die Menschen auf Dauer kaputt.

Der Motor für den zerstörerischen Leistungswahn sei die Angst der Beschäftigten vor Jobverlust – Gaschke nennt dies die „Ökonomie der latenten Erpressung“, nach dem Motto: Wenn du nicht dich nicht reinhängst, tut es jemand anders. Bei Karl Marx hieß dies noch „industrielle Reservearmee“. 

Arbeitsland ist ausgebrannt

Die derart angstbefeuerte Höchstleistungswirtschaft produziert derweil ihre eigenen Totengräber: Erschöpfte Beschäftigte, von denen jeder Zweite sich dem Index „Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) zufolge mindestens zwei Mal im Jahr „richtig krank“ zur Arbeit schleppt – und die sich zunehmend notgedrungen aus diesem Hamsterrad verabschieden.

Eine Frau steht in einem Treppenhaus in Hannover
Burnout: Viele wissen nicht mehr weiter (Foto: dpa)
Denn die Menschen gehen nicht nur manchmal krank zur Arbeit – sie kommen auch immer öfter krank von dort wieder zurück. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat in einer Studie zur Arbeitsunfähigkeit entsprechende Zahlen der Krankenkassen ausgewertet. Ihr Fazit: Die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund eines sogenannten „Burnout“ ist seit 2004 um 700 Prozent gestiegen – und die Anzahl der betrieblichen Fehltage sogar um fast 1400 Prozent!

Einer Studie des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) von 2012 zufolge machen mittlerweile Burnout, Depressionen und andere psychische Leiden 13,2 Prozent aller Krankheitstage aus. Damit stehen sie an dritter Stelle nach Krankheiten wie chronische Rückenschmerzen und anderen Muskel- und Skelettleiden (26,3 Prozent) sowie Atemwegserkrankungen (14,4 Prozent).

Leidet erst die Psyche, geht es dem Körper auch bald schlecht. Eine internationalen Studie des University College London hat im Oktober 2012 ergeben, dass Beschäftigte, deren Arbeit psychisch belastend ist und die wenig Gestaltungsspielräume haben, gegenüber anderen Arbeitnehmern ein um 23 Prozent erhöhtes Herzinfarkt-Risiko aufweisen. Befragt wurden 200.000 Teilnehmer aus sieben europäischen Ländern.

Die Wochenarbeitszeit steigt

Schaut man sich die Arbeitsbedingungen an, verwundert die Diagnose kaum. Denn die Wochenarbeitszeit steigt seit Jahren an: Dem Statistischen Bundesamt zufolge arbeiteten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einer Vollzeittätigkeit im Jahr 2011 im Durchschnitt 40,7 Stunden pro Woche.

Das bedeutet einen Anstieg um etwa 49 Minuten pro Woche seit Mitte der 1990er Jahre. Damit liegt Deutschland leicht über dem EU-Durchschnitt (40,4 Stunden). Im gleichen Zeitraum ist die Arbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten um gut eine Stunde auf durchschnittlich 18,2 Stunden pro Woche zurückgegangen.

Ständig präsent, stets erreichbar

 Ein iPhone 4S, Smartphone von Apple, mit der Spracherkennung und Sprachbedienung in der Hand einer Frau
Der Mensch diktiert dem Smartphone, das Smartphone diktiert den Tag (Foto: dpa)
Und auch samstags hat Vati nicht mehr frei: Dem DGB-Index „Gute Arbeit 2012“ zufolge, der jedes Jahr die Belastung am Arbeitsplatz misst, hat nur noch jeder Dritte am Wochenende frei. Dem Bericht „Qualität der Arbeit 2012“ des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden zufolge arbeitete 2011 sogar ein Viertel (24,5 Prozent) aller Beschäftigten auch samstags – 1996 waren es noch 18,8 Prozent.

Dazu kommen weitere Faktoren wie Erreichbarkeit oder Mehrarbeit: Ein Drittel muss dem Index zufolge stets telefonisch erreichbar sein, ein Fünftel macht regelmäßig mehr als zehn Überstunden pro Woche. Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat zudem ergeben, dass 10 Prozent der tarifär Beschäftigten im Jahr 2009 trotz durchschnittlich vertraglich vereinbarter Arbeitszeit von knapp unter 39 Stunden am Ende doch über 48 Stunden pro Woche gearbeitet haben.

Weniger Arbeit, mehr Arbeitsplätze

Entsprechend paradox mutet da zunächst der Wunsch vieler Menschen nach mehr Arbeit an. Einer aktuellen Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zufolge wollen nämlich 7,2 Millionen Menschen in Deutschland nicht weniger, sondern mehr arbeiten. Dies betrifft vor allem Arbeitslose (2,5 Millionen), Teilzeitbeschäftigte (2 Millionen) und nur zu 1,7 Millionen Vollzeitbeschäftigte.

Hinter dem Wunsch der Teilzeitbeschäftigten nach mehr Arbeit stehen vor allem Millionen von Frauen, die den Großteil der in Teilzeit oder in Minijobs arbeitenden Beschäftigten ausmachen. Sie wünschen sich angesichts sinkender Stundenzahlen mehr Beschäftigung und damit auch mehr Gehalt.

Das IMK betont indes, dass es viele Beschäftigte gibt, die gerne weniger arbeiten wollen und entsprechende Lohneinbußen in Kauf nehmen würden. „Könnten alle Arbeitnehmer so arbeiten wie sie wollen - die einen länger, die anderen kürzer – dann würden unter dem Strich zwei Millionen zusätzliche Arbeitskräfte benötigt", sagt IMK-Arbeitsmarktexperte Hartmut Seifert.

Deutschland, einig Marterland

Der Wunsch nach weniger Arbeit, mehr gesundheitsfördernder Ruhe und Zeit für sich selbst ist also durchaus da. Einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2007 zufolge finden 87 Prozent der Befragten Zeit für Freunde und Familie wichtiger als „wachsendes Einkommen“ (42 Prozent). Dasselbe Institut hat 2012 herausgefunden, dass drei Viertel aller Eltern sich mehr Zeit für ihre Familien wünschen.

Doch obwohl Zeitgeist und Krankenstände aufgrund psychischer Belastungen eine eindeutige Sprache sprechen, entscheiden sich nur wenige Menschen in Deutschland zum Schritt ins Weniger, englisch „Downshifting“ genannt. Dabei ist Möglichkeit zur Arbeitszeitreduktion durchaus gegeben, führte doch 2001 die rot-grüne Bundesregierung das Teilzeit- und Befristungsgesetz ein, um Teilzeitregelungen zu fördern.

Einer Einschätzung des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ zufolge hält die Deutschen aber vor allem der mit Vollzeit verbundene gesellschaftliche Status, das Gehalt und der Angst vor Jobverlust vor dem Gang in die Teilzeit ab. Die „Süddeutsche Zeitung“ diagnostiziert zudem im Vergleich mit anderen EU-Ländern eine ausgeprägte „Präsenzkultur“ in deutschen Unternehmen. Mit anderen Worten: Wer sich herauszieht, wird abfällig beäugt.

Zeitsouveränität statt Zitterattacken

Doch auch in Deutschland dreht sich seit einigen Jahren spürbar der Wind in Richtung Arbeitszeitverkürzung und neue Arbeitszeitmodelle. Besonders im Fokus der Aufmerksamkeit stehen dabei flexible Arbeitszeiten und Teilzeitarbeitsmodelle. Einer Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln zum Teilzeitmodell des sogenannten 'Job-Sharings' – bei dem sich mindestens zwei Personen eine Stelle teilen – hat ergeben, dass 2009 schon ein Fünftel aller befragten Unternehmen dieses Modell anbietet. 2003 waren es noch 9,1 Prozent gewesen.

Ein gutes Beispiel für flexible Arbeitszeitgestaltung ist der Maschinenbauer Trumpf GmbH im schwäbischen Ditzingen bei Stuttgart. Das Magazin „Mitbestimmung“ der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung berichtete im Sommer 2011 über das ehrgeizige Projekt – und würdigte es als wegweisend.

Danach können die Angestellten künftig alle zwei Jahre ihre Wochenarbeitszeit in einem Rahmen von 15 bis 40 Stunden neu festlegen, bei entsprechend angepasstem Lohn. Außerdem können sie bis zu 1000 Stunden auf einem individuellen Arbeitszeitkonto ansparen und in eine zeitweise Arbeitszeitreduzierung umwandeln. Auch eine sogenannte ‚Sabattical’-Regelung ist möglich: Ähnlich wie auch öffentlich Beschäftigte in Berlin können die Angestellten bis zu zwei Jahre für die Hälfte des Lohns Vollzeit arbeiten –  und dann bis zu zwei Jahre bei halben Bezügen eine Auszeit nehmen.

Gärtnern für die Vier-Tages-Woche

Der Student Fabian Wagenbach erntet auf einem Feld am Rande von Großenbuseck bei Gießen in Hessen einen kleinen Kürbis
Zeit für Entschleunigung: Gärtnern ist auch in Deutschland ein Trendthema (Foto: dpa)
Der britische Think-Tank New Economics Foundation (NEF) geht mit einem interessanten Vorschlag noch über die aktuell praktizierten Flexibilisierungsmodelle hinaus: Mit Blick auf den stetigen Trend zu immer längeren Wochenarbeitszeiten in den Industrieländern und gleichzeitig steigender Arbeitsbelastung und Begleitsymptomen wie Stress oder Burnout-Syndrom schlägt die NEF für Großbritannien den ‚National Gardening Leave’, den ‚Nationalen Gartentag’ vor. Die reguläre Arbeitswoche soll auf vier Tage verkürzt und der fünfte zum Beispiel zum Gärtnern benutzt werden, so die NEF.

Man muss keinen grünen Daumen besitzen, um dieser Idee etwas abverlangen zu können. Auch innerhalb der Gewerkschaften wird schon jetzt über bloße Teilzeitmodelle hinausgegangen: Diskussionen um die 4-Tage-Woche weisen schon jetzt in eine neue, weniger von Arbeit bestimmte Zukunft. 

Bessere Arbeitsbedingungen für alle

Auch die SPD will einem Beschluss vom Parteitag 2011 „ein neues Gleichgewicht von Arbeit und Leben ermöglichen, indem die Beschäftigten mehr Zeitautonomie erhalten“. Darüber hinaus fordern die Sozialdemokraten verbesserte, faire Arbeitsbedingungen – für alle.

Denn was für gut bezahlte, nach Tarif beschäftigte Vollzeitkräfte ein Segen sein kann, wie flexible Arbeitsmodelle, ist für die meisten prekär Beschäftigten schon jetzt ein Fluch. Viele können aufgrund ohnehin schon magerer Gehälter ihre Stunden nicht reduzieren oder leiden – wie zum Beispiel Leiharbeiter – unter zu hoher Flexibilisierung. 

Die SPD fordert deshalb einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. Jeder, der Vollzeit arbeitet, muss davon ohne weitere Unterstützung leben können. Frauen und Männer sollen das gleiche verdienen und gleiche Aufstiegschancen haben. Auch dem Missbrauch von Minijobs und Leiharbeit will die SPD einen Riegel vorschieben, zum Beispiel mit einer Begrenzung der Wochenarbeitszeit bei Minijobs auf 12 Stunden.

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Materialien

Arbeit und Soziales

Parteitag 2011 Beschluss Arbeit und Alterssicherung (Kurzfassung)
PDF · 70,2 kB

Arbeit und Soziales

Parteitag 2011 Beschluss Arbeit / Alterssicherung (Langfassung)
PDF · 236,5 kB

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04. November 2012 • 23:33 Antworten
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wischiwaschi

>>>_Hier noch ein Link zu einer Grafik, die sehr anschaulich darstellt, was ein Mindestlohn von 8,50 Euro bringen würde:http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/themen_showpicture.htm?id=34702&chunk=1_<<< Für 5 Mio Beschäftigte steigt das Erwerbseinkommen um 14,47 Mrd Euro ? Wie passt das denn in die Wirklichkeit ? Hat man Minijobber ausgenommen ? Davon gibt es rund 7,5 Mio, von denen doch locker schon zwei Drittel unter der Achtfuffzichgrenze arbeiten dürften = 5 Mio. Sollte man sie nicht ausgenommen haben, dann hilfz denen auch nüscht, weil die nach einer Achtfuffzichaufstockung ja nicht mehr Geld in der Tasche haben. Da bleibt's bei 400 (450) Euro. Also nix mit steigenden Erwerbseinkommen. Welche 5 Millionen sind gemeint, die da nun rund und im Durchschnitt 240 Euro im Monat mehr verdienen sollen ?

04. November 2012 • 21:53 Antworten
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Gelöschter Nutzer

*Mehr Wohlstand wagen!* Das ist das A & O! Wer eine gesunde Erziehung erhält (durch Familie, Gesellschaft & Staat) - und nicht nur Wissensbildung (moderne Sklaven!) der strebt bereits ab dem 18. / 19. Lebensjahr eine kluge Wohlstandstrategie an. Und weiss, wie er im Berufsleben immer "oben auf" ist! Der arbeitet dann um zu leben - und lebt nicht nur, um zu arbeiten! Schwache Persönlichkeiten haben ständig einen "Burn-Out" Syndrom. Schwache Persönlichkeiten = keine gesunde Erziehung, wenn auch top "Sklaven-Ausbildung"/ Wissensbildung.

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02. November 2012 • 13:54 Antworten
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Guenter

Ich weiß jetzt nicht, was Mindestlöhne mit dem Beitrag "weniger Arbeit wagen" zu tun haben, aber ich bezweifle, dass 5 Mio von ca. 40 Mio Beschäftigte weniger als 8,50 Euro brutto verdienen. Sollte es jedoch so sein, wird nicht berücksichtigt, dass viele Beschäftigte im Friseurhandwerk und in der Gastronomie mit ihrem Trinkgeld höhere Einkommen erzielen als mit einem Mindestlohn, daher fordern gerade diese Beschäftigten selbst keinen Mindestlohn, im Wissen, dass dieser Nachteile für sie haben könnte. Die Stellen fallen weg und/oder die Preise müssen erhöht werden wegen der höheren Personalkosten. Die Konsumenten wiederum würden wissen, dass die Beschäftigten nun mehr verdienen, was sich u. U. beim Trinkgeld auswirken würde. Es wird auch nicht berücksichtigt welchen Automatisierungsschub höhere Löhne bringen (die ich durchaus begrüße, wie auch eine Automatisierung) Gerade erfahren wir, dass Leiharbeitsfirmen davon sprechen, dass sie Menschen entlassen müssen, weil die Leiharbeit besser bezahlt wird. Ich bin absolut dafür, dass der Niedriglohnbereich in Deutschland beseitigt wird, wie ich auch gegen Lohnzurückhaltung bin, für den die SPD sorgte, wie Jochem Wiemken zugibt und schreibt, jedoch wäre das die Abkehr einer wettbewerbsorientierten Politik und das könnte in Deutschland zu höherer Erwerbslosigkeit führen. Es ist ein Karussel, das bedient wird, mal so oder so, mal hü, mal hott, eine Vision sehe ich nicht.

01. November 2012 • 20:21 Antworten

Jochen Wiemken

Hier noch ein Link zu einer Grafik, die sehr anschaulich darstellt, was ein Mindestlohn von 8,50 Euro bringen würde: http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/themen_showpicture.htm?id=34702&chunk=1

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Volker Rockel

Lieber Jochen, wenn 8,50 Euro Mindestlohn – wie dargestellt – zu einem Rentenanpruch nach 45 Jahren führen der erheblich unter dem "Grundsicherungsbedarf" liegt, dann ist diese Mindestlohnhöhe ( ob konkreter Mindestlohn oder als Einstieg!) ungeeignet! Denn, und ich greife Deinen Verweis auf die Rechnung der Hans-Böckler Stiftung auf, die notwendigen Transfers ab dem Renteneintritt führen zweifelsfrei zu einer Umkehrung des Effekts;- mithin werden eben nicht soziale Transfers "eingespart", sondern die ergeben sich neu aus der Notwendigkeit der Leistung der „Grundsicherung im Alter“ (oder dem Anspruch auf eine zukünftige "Solidarrente"). Mithin stellt sich die durch die SPD zu beantwortenden grundsätzliche Frage: Wie hoch muss ein konkret ein gesetzlicher Mindestlohn sein, der das Kriterium der Angemessenheit und des Auschlusses der Notwendigkeit sozialer Transfers im Alter erfüllt? *Die 8,50 Euro sind es nicht;- +was ist dann ab 8,50 Euro +die relevante Mindestlohnhöhe?- Ich habe im Moment das Gefühl, dass sich unsere Partei-Vorderleute wieder – aus Rücksicht auf die hierzu konträren Interessenlagen der Gewerkschaften – vor einer konkreten Antwort drücken!?* Oder aus einer anderen Sicht betrachtet: Jeder Cent der zuwenig beim Mindestlohn gezahlt wird entlastet die Arbeitgeberseite und führt in letzter Konsequenz dazu, dass über die Notwendigkeit sozialer Transfers im Alter, die Konsequenzen der Niedriglöhne durch die Allgemeinheit zu tragen sind!- Ist das gerecht....

01. November 2012 • 18:44 Antworten

Volker Rockel

Geht man davon aus, dass sich bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro das Brutto einer Vollzeitbeschäftigung bei rund 1.369 Euro mtl. bewegt und stellt man dieses in Relation zu dem für die Berechnung der Rentenpunkte p.a. relevanten Durschnittsentgelt (in 2011 30.268 Euro p.a. oder rund 2.522 Euro monatlich!) das der Rentenberechnung zugrunde liegt, erhälte der/die ArbeitnehmerIn gerade mal etwas mehr als 0,54 (Renten-)Punkte für das Jahr 2011 gutgeschrieben! Unterstelle ich diesen Mindestlohn in Relation zu einem vergleichbaren gleichbleibenden Einkommensniveau gegenüber dem der Berechnung der Rentenpunkte p.a. relevanten Durchschnittsentgelt über die gesamte Lebensarbeitszeit hinweg, würde der/die in die Altersrente eintretende ArbeitnehmerIn bei einer Standardrente von 1236,25 Euro (Zahlenlage ab dem 01.07.2011) nach 45 Versicherungsjahren gerade mal einen Anspruch auf rund 667 Euro an Rente monatlich haben!- *Berücksichtigt man weiterhin, dass durch die vom Rentner zu tragenden Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge von diesem Rentenanspruch noch rund 62 Euro abgehen, läge der Rentenzahlbetrag (sprich die verfügbare Nettorente) +von dann 604 Euro erheblich unterhalb des „Grundsicherungsbedarfes“! +(Der betrug im bundesweiten Durchschnitt in 2011 rund 674 Euro!)* So gesehen ist aus meiner Sicht es mit 8,50 Euro Mindestlohn nicht getan! *Wer hat die 8,50 Euro Mindestlohn, mit welcher schlüssigen Begründung, eigentlich als Forderung der SPD in die Welt gesetzt....*

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Jochen Wiemken

Fast jeder vierte Beschäftigte in Deutschland ist Niedrigverdiener. Ein Zustand, zu dem leider auch die SPD beigetragen hat. *Ein gesetzlicher Mindestlohn - nicht von, sondern ab mindestens 8,50 Euro, wie SPD und Gewerkschaften fordern - könnte den Trend zur schlechten Bezahlung stoppen.* Eine Studie des IAQ-Instituts zeigt: 2010 erhielten 23,1 Prozent aller Beschäftigten ein Niedrigentgelt. Die Wissenschaftler folgern: Ein gesetzlicher Mindestlohn für alle Branchen wäre dringend nötig. Sie stützen sich auf Daten des Sozio-ökonomischen Panels. Sie setzen die Niedriglohnschwelle bei zwei Dritteln des mittleren Brutto-Stundenlohns an - 2010 waren das 9,15 Euro. Bezieht man Schüler, Studenten und Rentner ein, gab es fast 8 Millionen Niedriglohnbeschäftigte. Seit 1995 hat die Zahl der Betroffenen um 2,3 Millionen zugenommen. Durchschnittlich betrugen die Stundenlöhne im Niedriglohnsektor 6,68 Euro in West- und 6,52 Euro in Ostdeutschland, lagen also deutlich unter der Schwelle von 9,15 Euro. Gut 2,5 Millionen Beschäftigte verdienten 2010 weniger als 6 Euro pro Stunde. Darunter waren fast 800.000 Vollzeitbeschäftigte. Sie mussten also mit einem Monatslohn von weniger als 1.000 Euro auskommen. Insgesamt 1,4 Mil­lionen Menschen verdienten sogar weniger als ­5 Euro die Stunde. Fast ein Drittel der Niedriglöhner erhielt damit eine besonders geringe Bezahlung. *Durch einen gesetzlichen Mindestlohn ab 8,50 Euro hätte jeder fünfte Beschäftigte Anspruch auf eine Lohnerhöhung. *

Volker Rockel

Lieber Jochen, ich darf Deinen Hinweis mit dem Verweis auf den durch die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag eingebrachten Gesetzentwurf Drucksache 17/4665 "Entwurf eines Gesetzes über die Festlegung eines Mindestlohnes" aus 2011 ergänzen: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/046/1704665.pdf Dennoch bleibt die Frage im Raum stehen: Wie ist man seitens der SPD-Fraktion (oder SPD-Parteispitze?) auf die (Untergrenze von!) 8,50 Euro Mindestlohn gekommen....

volkerultes

@ Volker Rockel: Deine Frage zur Festlegung und Begründung des Mindestlohnes von 8,50 Euro ist absolut berechtigt, zumal ich einem Beitrag der "Die Zeit" vom 31.10.2012 "Wir Lohndrücker" entnehmen kann, daß das Statistische Bundesamt den Niedriglohnsektor bei kleiner 10,36 Euro für das Jahr 2010 sieht. Insofern sind 8,50 Euro mehr als bescheiden. Deshalb wäre eine Antwort auf Deine Fragestellung seitens der SPD dazu dringend geboten.

Volker Rockel

re: volkerultes Dazu wird es aber keine Antwort geben!- Ich habe nicht den Eindruck das vieles was "da oben," sei es in der Fraktion oder aus dem Parteivorstand, das "Licht der Welt" erblickt, tatsächlich dem Umstand geschuldet ist schlüssig und nachvollziehbar erklärt zu werden!? Ich halte es für einen systemischen Mangel in der Partei, erst recht in der Arbeitsweise von Fraktion und Vorstand, dass es an eindeutigen und grundsätzlich Prozessen mangelt, die festlegen wie und in welcher Verantwortlichkeit „Meinungen“ an die Öffentlichkeit gelangen oder gar „Konzepte“ den Weg in die Partei, Bundestag oder Öffentlichkeit finden!- Die Arbeitsweise in Fraktion oder Parteivorstand ist im Grunde genommen nicht anders als vor 20 oder 30 Jahren! Alles das was man inzwischen als üblich in Organisationen bezeichnen kann und sich am besten mit „best practise“ umschreiben läßt, ist an den Organisationen von Fraktion und Parteivorstand völlig vorbeigegangen!- Was auch nicht ganz überraschend ist, denn eine echte Befruchtung „von außen“ hat auch nicht stattgefunden!- Und daher wird so „rumgewurschtelt“ wie eh und je! Und das Ergebnis dürfen wir dann an vielen Beispielen bestaunen.- So wie die 8,50 Mindestlohn die im Grunde genommen keiner erklären kann, erst recht nicht wenn man denn „Rentenaspekt“ mit einbezieht....