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Ein Marshall-Plan für Nordafrika

Sven Hätscher • 04. March 2011

Demonstranten zeigen die alte Fahne Libyens
Einwohner präsentieren in Bengasi (Libyen) die alte Fahne. Die libysche Opposition protestiert mit rot-schwarz-grünen Fahnen und Stirnbändern gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi. Die waagerecht gestreifte Trikolore mit weißem (silbernen) Halbmond und Stern im schwarzen Feld war einst die Flagge des Königreichs Libyen. Mit ihren rot-schwarz-grünen Bannern berufen sich die Aufständischen demnach auf das freie Libyen in der Zeit vor Gaddafi. (Bild: DPA)

Die Staaten Nordafrikas befinden sich in Aufruhr. Am 11. März kommen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union zu einem Libyen-Sondergipfel zusammen. Wie es aus Diplomatenkreisen heißt, will man über eine gemeinsame politische Antwort sprechen. Frank-Walter Steinmeier und Günter Gloser fordern einen Marshall-Plan für Nordafrika.

Europa sucht nach einer Antwort auf die dramatischen Umwälzungen in den Staaten Nordafrikas und des Nahen Osten. Die EU als unmittelbarer Nachbar ist besonders gefordert, da die politischen wie ökonomischen Bande eng geknüpft sind. Der Barcelona-Prozess hat seit 1995 eine umfassende Heranführung der Mittelmeerstaaten an die Europäische Union unterstützt. Diese Zusammenarbeit ist in den letzten Jahren zum Erliegen gekommen.

In ihrem gemeinsamen Papier „Ein Marshall-Plan für den Mittelmeerraum“ gehen der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier und der außenpolitische Sprecher Günter Gloser hart ins Gericht mit der gegenwärtigen Politik von Europäischer Union und Bundesregierung. Sie stellen fest, dass die bestehenden Kooperationsabkommen mit den Mittelmeerstaaten in zu langwierige und bürokratische Prozesse eingebettet seien. Sie fordern stattdessen ein strategisches Umdenken und einen „Marshall-Plan für die Demokratisierung und Modernisierung im Mittelmeerraum“ und einen Sondergipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs.

EU-Sondergipfel zu Libyen muss weiter denken

Einen EU-Sondergipfel wird es geben. Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union am 11. März in Brüssel treffen, um über gemeinsame Maßnahmen gegen Libyen zu sprechen, steht auch die Frage auf der Agenda, welche Zukunftsperspektive Europa den Menschen der Mittelmeerregion geben kann.

Für die SPD, so Steinmeier und Gloser, ist die einzig befriedigende Antwort eine umfassende Förderung der Demokratisierung und Modernisierung. Beide Politiker setzen in ihrer Vorlage drei Schwerpunkte: der Umbau der staatlichen Strukturen, die Bildungsförderung und zentral der Wirtschaftsaufbau. Dazu bedarf es auch der gemeinsamen Anstrengung, die bislang vorgesehenen Mittel für die Europäische Nachbarschaftspolitik erheblich aufzustocken.

Die betroffenen Volkswirtschaften sind durch die gesellschaftlichen Umbrüche erheblich geschwächt. Daher soll finanzielle Unterstützung schnell und zielgerichtet eingesetzt werden. Wichtiges Kriterium für die beiden SPD-Politiker: eine gute Regierungsführung. Dort wo mehr für die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft getan werde, soll künftig auch mehr finanzielle Hilfe geleistet werden.

Eine weitere Forderung im Thesenpapier ist, dass die Mitgliedstaaten der Europäischen Union sich auch auf die Mittelmeerstaaten zu bewegen müssen. So muss der Abbau von Handelshemmnissen und perspektivisch eine euro-mediterrane Freihandelszone voran gebracht werden.

Für Steinmeier und Gloser ist es wichtig, dass die Europäische Union das Heft des Handelns ergreift und sich auf die eigenen Erfahrungen aus dem Transformationsprozess Mittel- und Osteuropas nach 1989 verlässt. Dieser wurde, so ihr Vorwurf, auch nicht durch ausgewählte Mitgliedsstaaten gestemmt, sondern von einer solidarischen Gemeinschaft. Die Mittelmeerunion braucht einen Neustart, um sich und den politischen Aufbruch der nordafrikanischen Staaten nicht in eine Sackgasse laufen zu lassen.

(mit dpa)

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