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„Soziale Diskriminierung habe ich am eigenen Leib erfahren“

01. April 2011

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, in Kreuzberg.
(Bild: DPA)

Integration hat viele Dimensionen, nicht nur die der Zuwanderung, sagt Klaus Wowereit. Für das Buch "Ich wär gern eine(r) von uns" sprach der Autor und Journalist Nicol Ljubić mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin und stellvertretende SPD-Vorsitzende über Ein- und Aufstiege - und über den persönlichen Bezug Wowereits zum Thema.

Nicol Ljubić: Herr Wowereit, Sie sind Mitherausgeber dieses Buches, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft porträtiert werden. Ist das soziale Umfeld eines Menschen determinierend für seinen weiteren Lebensweg?
Klaus Wowereit: Viele Studien zeigen, dass es zumindest wieder verstärkt so zu sein scheint, dass die Schulabschlüsse vom sozialen Status abhängen. Die ersten Weichen werden dabei schon im Elternhaus gestellt: Wenn sich dort keiner kümmert, wenn weder die Zeit noch die kulturelle Offenheit da sind, wenn zu Hause nicht gelesen und wenn wenig gesprochen wird, dann hat das Auswirkungen auf den späteren Bildungsweg. Dabei kommt es bei Migrantenfamilien gar nicht darauf an, ob Eltern über gute Deutschkenntnisse verfügen. Viel wichtiger ist das Bewusstsein, dass es wichtig ist für ihr Kind, die Sprache zu beherrschen. Dann werden sie auch eine Möglichkeit finden, dem Kind zu helfen. Dieser Aufstiegswille ist ganz entscheidend, egal ob in Familien deutscher oder ausländischer Herkunft. Eltern müssen ihrem Kind mitgeben, dass es eine Chance hat, wenn es sich anstrengt.

Würden Sie sagen, dass die deutsche Gesellschaft durchlässig ist?
Für viele ja, für viele aber eben auch nicht. Für mich ist der Integrationsbegriff deshalb auch eng mit Teilhabe an der Gesellschaft verknüpft. Man kann es auch Partizipation nennen. Dieser Ansatz bezieht sich dabei nicht nur auf eine nicht-deutsche-Herkunft, sondern in erster Linie auf die soziale Herkunft. Der deutsche Arbeitslose, der nur Arbeitslosigkeit kennt, erlebt die Gesellschaft als ähnlich undurchlässig wie ein arbeitsloser Migrant oder eine arbeitslose Migrantin. Wer keine Arbeit hat, erlebt auch die Durchlässigkeit nicht. Aber der Aufstieg ist möglich, das zeigen viele Beispiele. Auf der einen Seite muss der Wille da sein und auf der anderen Seite muss die Gesellschaft diesen Aufstieg wollen, Anreize schaffen und die Vielfalt der verschiedenen Herkünfte auch als Reichtum begreifen. Hier gibt es noch viel zu tun, um unsere Gesellschaft noch offener und toleranter zu gestalten.

Das heißt: Arbeit ist der Schlüssel zur Integration?
Arbeit und Bildung sind die elementaren Grundlagen. Es gibt nur wenige Menschen, die glücklich damit sind, nicht zu arbeiten und trotzdem ihr Selbstbewusstsein entwickeln. Arbeit ist nicht nur da, um Geld zu verdienen, sondern auch um Anerkennung zu bekommen und um ganz persönlich etwas zu bewegen. Ein großer gesellschaftlicher Trend, der ansonsten eine Menge neue Probleme mit sich bringt, wird uns da helfen: Die Demografie wird es in Zukunft im statistischen Durchschnitt leichter machen, eine Arbeit zu finden - weil der Markt mehr Nachfrage erzeugt, wenn es weniger jüngere Menschen und sehr viele Alte gibt. Es wird bessere Arbeitschancen geben und dann kann es mit der Integration auch etwas einfacher werden.

Nicol Ljubic Nicol Ljubić ist Autor und Journalist. Der studierte Politikwissenschaftler und Absolvent der Henri-Nannen-Schule arbeitete für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und fürs Radio und hat mehrere Bücher verfasst. (Bild: Gerrit Hahn) Ihre Generation hatte noch die Sicherheit, dass der Lebensweg, sofern man einmal den Berufseinstieg geschafft hatte, linear verlief.

Stimmt. Ein Studium garantierte noch einen Arbeitsplatz. Heute gibt es nur eine Garantie: dass es ohne Bildung eigentlich nicht mehr geht.

Ist Integration letztlich ein ständiger Kampf um Anerkennung?
Irgendwie schon, weil selbst dort, wo Integration gelungen ist, Wunden und Narben geblieben sind. Es ist nicht so, dass der Prozess spurlos an den Menschen vorbeigeht. Nicht wenige haben irgendwann Diskriminierung erfahren und sich trotzdem durchgesetzt. Der Wunsch nach Anerkennung ist ganz wesentlich. Das merkt man übrigens auch immer wieder an symbolischen Gesten - sei das ein Empfang bei der Bundeskanzlerin oder im Rathaus. Solche Einladungen bekommen eine große Bedeutung. Und nicht nur für Migrantinnen und Migranten.

Was verbinden Sie mit sozialem Aufstieg?

Umfassende gesellschaftliche Teilhabe – wirtschaftlich, kulturell und politisch. Dazu gehört vorrangig, dass man die Chancen auf einen besseren Job mit besseren Verdienstmöglichkeiten hat und sich dank der Teilhabe an Bildung eine breite kulturelle Öffnung ergibt. Wenn man aber keine Arbeit hat, ist das unheimlich schwer.

Das Buch heißt: „Ich wäre gern einer von uns“ – was verbinden Sie damit?
Die Portraits schildern eindrucksvoll, dass es nicht immer für alle einfach ist,  dazuzugehören. Viele Menschen müssen tagtäglich um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen. Da gibt es ganz unterschiedliche Schicksale und Ursachen. Die Aufgabe von Politik ist es, Rahmenbedingungen und Angebote zu schaffen, um dies zu erleichtern. Das gelingt oft, aber leider nicht immer. Deshalb ist es ja auch so wichtig, dass wir ein funktionierendes Sozialsystem haben und erhalten, durch das individuelle Lebensrisiken so gut wie möglich abgesichert werden. Daran gibt es auch immer Kritik. Den einen geht es zu weit, den anderen nicht weit genug. Das wird auch in einigen Portraits deutlich. Unstrittig ist, dass vorhandene Angebote auch angenommen werden müssen. Klar ist aber auch, dass unser Grundprinzip, dass sich diejenigen, die ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben, solidarisch zeigen und damit auch diejenigen, für die es aus welchen Gründen auch immer schwerer ist, unterstützen – dieses Grundprinzip ist eine ganz große Errungenschaft. Das hält unsere Gesellschaft zusammen. Uns allen muss immer klar sein, dass jede und jeder ganz schnell zu einer Minderheit gehören kann. Es ist gut zu wissen, wenn man sich dann auf eine solidarische Mehrheit verlassen kann.

Kennen Sie das Gefühl, dazugehören zu wollen?
Ich habe mich nie als Außenseiter empfunden.

Und Ihr Coming-out? War das nicht der Versuch, „einer von uns zu werden“?
Nein. Dass ich homosexuell bin, habe ich nie an die große Glocke gehängt, aber jeder, der es wissen wollte, hat es erfahren. Als ich dann für das Amt des Regierenden Bürgermeisters kandidierte, wollte ich vermeiden, dass es ein Thema im Wahlkampf werden könnte. Ich habe es zuerst in der Fraktion und im Landesvorstand hinter verschlossenen Türen gesagt, damit jeder, der mich unterstützte, wusste, worauf er sich einließ. Es ging auch um eine Kampfeslust. Ich sagte mir: Damit kriegen die dich nicht! Ich habe gelernt, gegen Widerstände zu kämpfen und nicht aufzugeben.

Ist das eine Erfahrung aus Ihrer Kindheit?
Ich hatte meine Mutter als Vorbild. Sie hat immer gekämpft, sie hatte ihren Beruf, sie hat uns Kinder versorgt und den Garten gemacht, um einen Zuverdienst zu haben, indem sie Obst, Blumen und Gemüse verkaufte. Ich habe gelernt, dass man sich nicht hängen lassen darf.

Sie wuchsen als Kind einer alleinerziehenden Mutter auf...
...Ja, was soziale Diskriminierung bedeutet, habe ich am eigenen Leib erfahren. Ich war dazu noch ein nicht-eheliches Kind, damals hieß das noch „uneheliches“ Kind. Ich trug nicht mal denselben Nachnamen wie meine Mutter. Ich hasste die Momente in der Schule, wenn nach den Familienverhältnissen gefragt wurde. Das war alles andere als angenehm.

Würden Sie Ihre Herkunft als arm bezeichnen?
Armut ist ein relativer Begriff, ich habe als Kind nichts wirklich vermisst. Meine finanziell besser- gestellten Schulkameraden sind damals auch nicht auf die Malediven gefahren, sondern zum Wandern nach Bayern. Und sie sind auch in selbst gestrickten Pullovern von Muttern herumgelaufen. Der Unterschied der Schichten war damals nicht so krass. Wir waren in der privilegierten Situation, ein eigenes Haus zu besitzen. Aber wenn du zum Kohlenhändler gehst und das Heizöl nicht gleich bezahlen kannst, sondern es anschreiben lassen musst und du jeden Monat hingehst, um hundert Mark abzustottern und die Verkäuferin dich jedes Mal fragt, ob du das denn auch kannst - dann sind das schon Erfahrungen, die dich treffen.

Ihre Mutter hat gekämpft, um die Familie durchzubringen und dafür, dass ihre Kinder es mal besser haben. Haben Sie Druck gespürt, einen sozialen Aufstieg zu schaffen?
Nein, das war kein Druck. Es war ein Impuls aus mir selbst heraus, mein eigener Wille, es zu schaffen. Es wäre auch akzeptiert worden, wenn ich mich gegen Abitur und Studium entschieden hätte. Meine Mutter wollte einfach, dass ich beruflichen Erfolg habe und meinen Weg gehe und das hat dann auch ganz gut geklappt. Einstiege und Aufstiege sind in Deutschland möglich, wenn Politik und Gesellschaft mithelfen. Das war und ist für mich der entscheidende Grund, mich politisch zu engagieren.

Das Buch

„Ich wär gern ein (r) von uns"
Geschichten übers Ein und Aufsteigen
Herausgegeben von Klaus Wowereit und Franziska Richter
für die Friedrich-Ebert-Stiftung
Verlag J.H.W Dietz Nachf. GmbH., Bonn
ISBN 978-3-8012-0409-9

Wir vergeben zehn Exemplare des Buches, handsigniert von Klaus Wowereit, an die ersten KommentatorInnen.

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