Urlaub runter, Rentenalter rauf. So lautet der Rat von Angela Merkel an die Südeuropäer. spd.de hat mit Panos Drossinakis über Merkels Griechen-Bashing gesprochen. Der Unternehmer und Vorsitzende der PASOK-Organisation in Hamburg unterzieht Merkels Äußerungen einem Fakten-Check und berichtet über die Sparanstrengungen in seinem Heimatland.
spd.de: Angela Merkel hat auf einer Parteiveranstaltung in Nordrhein-Westfalen im Zusammenhang mit Hilfszahlungen, unter anderem an Griechenland, „Klartext“ geredet: "Es geht auch darum, dass man in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland, sondern dass alle sich auch ein wenig gleich anstrengen - das ist wichtig." Strengen sich die Griechen nicht ausreichend an?
Panos Drossinakis lebt seit 1995 in Deutschland. Der Unternehmer ist seit 2006 Vorsitzender der PASOK-Organisation in Hamburg und seit Februar 2011 als SPD-Abgeordneter in der Bezirksversammlung Eimsbüttel.
(Bild: Privat)
Panos Drossinakis: Vergleicht man die Anstrengungen griechischer Arbeitnehmer, Angestellter und Beamte in den letzten 20 Monaten mit denen ihrer Kollegen in Deutschland und den anderen europäischen Ländern, muss ein unvoreingenommener Beobachter feststellen: In kaum einem anderen europäischen Land mutet eine Regierung ihren Bürgern schmerzhafte Anstrengungen eines solchen Ausmaßes zu, wie in Griechenland! Sämtliche Steuersätze wurden mehrmals erhöht, Löhne und Gehälter wurden bis zu 30 Prozent reduziert, Luxussteuer und Sonderabgaben wurden bei Unternehmen erhoben, die Arbeitslosigkeit nimmt dramatisch zu. Wenn sich jemand „ein wenig anstrengen“ soll, ist dies die deutsche Bundeskanzlerin, die mit solchen sachlich falschen und populistischen Äußerungen Ressentiments schürt und mit Vorurteilen die Deutschen gegen das griechische Volk, gewollt oder ungewollt, hetzt. Für Frau Merkel ist es ein Armutszeugnis, dass drei Bundeskanzler a.D. (Schmidt, Kohl und Schröder) ihr attestiert haben, in der Krise falsche Entscheidungen getroffen zu haben.
Sie hat auch gesagt: "Wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen." Sollte eine deutsche Bundeskanzlerin anderen Ländern hier Empfehlungen geben?
Die deutsche Bundeskanzlerin darf genau so wenig Griechenland und weiteren Ländern Empfehlungen dieser Art geben, wie Jorgos Papandreou Deutschland. Aufgabe Frau Merkels ist unter anderem, die politische, wirtschaftliche und ökonomische Union in Europa im Sinne der europäischen Völker voranzutreiben und nicht diese zu bremsen. Warum erwähnt Frau Merkel nicht die Gehälter? In Griechenland sind diese im Vergleich zu Deutschland in den meisten Fällen höchstens halb so hoch, wie in Deutschland! Man spricht von der 700-Euro-Generation, weil junge Angestellte zufrieden sein müssen, wenn sie 700 EUR im Monat erhalten. Die griechischen Arbeitnehmer, Angestellten und Rentner sind gewiss nicht verantwortlich für diese Krise! Frau Merkel sollte lieber die Verantwortlichen in anderen Kreisen suchen… Im Übrigen wäre sie gut beraten sich darauf zu konzentrieren, den teilweise eingeleiteten Zerfall der europäischen Idee - beispielsweise die Entscheidung der dänischen Regierung, die Grenzen zu kontrollieren, die mancher in Europa sogar begrüßt hat - zu stoppen und sich von der Bankerlobby zu distanzieren.
Wie viel Urlaub haben Griechen eigentlich durchschnittlich, und wann gehen sie in Rente?
Griechische Arbeitnehmer haben Anspruch auf 23 Tage Urlaub im Jahr. Kaum einer hat, wie in Deutschland, Anspruch auf 30 Tage Urlaub im Jahr! Das durchschnittliche Renteneintrittsalter ist in Griechenland für männliche Arbeitnehmer 61,9 Jahre, in Deutschland ist es 61,8 Jahre. Vollrente mit 65 ist in Griechenland seit 2010 gesetzlich vorgeschrieben.
Wie ist derzeit die Situation der Menschen in Griechenland angesichts des Sparprogramms?
Die Menschen wissen, dass sie sich anstrengen müssen, obwohl ich das Gefühl habe, dass das ganze Ausmaß der Krise nicht allen in vollem Umfang bewusst ist. Es gibt immer noch einige, die glauben, die Situation sei teils vorgeschoben und die Maßnahmen unbegründet. Solange die Sparmaßnahmen andere betreffen, sind sie in Ordnung. Werden sie selbst betroffen, streiken sie oder gehen auf die Straße und protestieren. Fakt ist jedoch, dass die Arbeitslosigkeit steigt; viele Betriebe und Geschäfte mussten schließen. Der Sommer und der damit verbundene Tourismus werden hoffentlich viele Griechen ein wenig aufatmen lassen, allerdings ist eines klar: Schafft es die Regierung nicht, Investitionen zu initiieren und den Aufschwung herbeizuführen, wird man am Ende das Land kaputt sparen und tausende Griechen in die Armut verbannen. Das Land benötigt dringend, neben den aufgestauten strukturellen Änderungen, auch eine Produktivitätssteigerung. Alle Änderungen müssen im Einvernehmen aller Parteien durchgeführt werden. Zudem erwarten die Menschen eine gerechtere Lastverteilung, einen schlanken und besser organisierten Staatsapparat sowie eine effektive Bekämpfung der Vetternwirtschaft und der Korruption. Da ist in den letzten 18 Monaten viel getan worden, allerdings noch sehr viel zu tun.
Was sagen die Menschen in Deiner Heimat, wenn sie von der deutschen Bundeskanzlerin solche Einlassungen hören?
Deutschland trägt eine schwere historische Last. Die Menschen in Griechenland schütteln den Kopf und haben für solche Aussagen keinerlei Verständnis. Gerade die Deutschen, und an erster Stelle die Bundeskanzlerin, sollten sehr vorsichtig sein, wenn es darum geht, andere Völker zu kritisieren, geschweige denn ihnen vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben. Äußerungen, wie die Frau Merkels, wirken wie Wind in den Segeln derjenigen, die von griechischer Seite Ressentiments gegen die Deutschen schüren und antieuropäisch agieren.
...und wie sind die Reaktionen in der PASOK?
Die PASOK, die seit Oktober 2009 mit absoluter Mehrheit die Regierungsverantwortung innehat, hat eine Situation im Land übernommen, die vergleichbar mit der im Jahre 1974 nach der Militärdiktatur ist, wenn auch auf einer anderen Ebene. Damals herrschte das politische, heute beinahe das ökonomische und soziale Chaos. Selbstverständlich trägt auch die PASOK einen Teil der Verantwortung für diese Situation. Allerdings machen die PASOK und die Griechen nun ihre Hausaufgaben, können jedoch allein in einer globalisierten Welt und innerhalb der Eurozone nichts erreichen. Zu stark werden die Märkte von wenigen privaten „Institutionen“ und zu wenig von den demokratischen Regierungen kontrolliert werden. Ohne die Unterstützung und Solidarität aller europäischen Länder und insbesondere Deutschlands werden die gesetzten Ziele verfehlt. Dabei ist es erforderlich, dass die anderen Länder die Würde der Menschen in Griechenland und die Souveränität des Landes respektieren und die Anstrengungen anerkennen. Das wird allen und an erster Stelle Deutschland, das von der Euro-Einführung am meisten profitiert hat, zugutekommen.
Zur Person:
Panos Drossinakis wurde 1962 in Thessaloniki geboren. Er wuchs in Chalkidike auf. Er schloss sein Studium mit einem Diplom der Physik an der Aristoteles Universität in Thessaloniki ab. Seit 1995 lebt er in Deutschland und arbeitet als selbständiger IT-Berater. Seit 2006 ist er Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei in Griechenland (PASOK)-Organisation in Hamburg und seit Februar 2011 als SPD-Abgeordneter in der Bezirksversammlung Eimsbüttel tätig. Drossinakis ist verheiratet und hat drei Kinder. In der Bezirksversammlung Eimsbüttel setzt er sich inhaltlich vor allem für folgende Themen ein: Bildung, Integration, Wirtschaft und Kultur.












Altsozi • 30. June 2011 • 05:14
Gerade Deutsche Politiker meinen, sich in Sachen Euro-Krise als Lehrmeister für andere Europäer aufspielen zu müssen. Das ist völlig unangebracht. Sie belügen auch das Deutsche Volk, wenn sie so tun, als ob sie, mit aller Härte, finanzielle Hilfen nur gewähren wollen, wenn die anderen soziale Leistungen kürzen und Löhne und Gehälter herunter fahren. Tatsächlich haben sie aber gar keine andere Wahl, als Griechenland zu stützen, wenn sie die Stabilität des Euro, unserer Währung, nicht gefährden wollen. Das Hickhack, dass sie als Wahlkampftheater betreiben, hat den Euro schon unter Druck gebracht und hohe Ölpreise begünstigt. Dieser Druck wäre schon viel stärker ausgefallen, wenn der Dollar wirtschaftlich nicht gleichzeitig unter Druck stehen würde. Ein Staatsbankrott in der Euro-Zone, egal welchen Landes, würde den Euro bis zu zwei Drittel seines Wertes kosten. Das gilt es zu verhindern. Wenn wir uns aber darauf beschränken, finanziell zu helfen, ohne die Ursachen der Krise zu beseitigen, gerät das ganze zu einer gigantischen Umverteilungsmaschinerie europäischen und vor allem auch deutschen Kapitals von unten nach oben, von den kleinen Leuten an die Reichen. Bei diesen Reichen leihen wir Bürger der Bundesrepublik jetzt Geld, um es den Griechen zu geben, damit die diesen Reichen fällige Zinsen zahlen können. So wird gleich doppelt abkassiert und die Zeche zahlen wir kleinen Leute. Auf den Trick ist selbst Kohl nicht gekommen. Wer Ursachen beseitigen will, muss die erst einmal erkennen. Und die liegen hauptsächlich in Deutschland. Während in allen anderen Ländern in der Eurozone im letzten Jahrzehnt Löhne und Gehälter deutlich stiegen, und damit auch die Lohnstückkosten, sind die in Deutschland annähernd gleich geblieben. Es ist nicht als Witz gemeint, wenn ich hier behaupte, dass die Lohnstückkosten bei uns nicht höher als in Indonesien sind. So machen wir gerade den südlichen Ländern Europas mit unserem Außenhandel unangebrachte Konkurrenz, die nur die Gier befriedigt, politisch aber nicht gewollt sein kann. In zunehmendem Maße gilt das auch für Amerika. So kam es nicht von ungefähr, dass Obama Merkel beim letzten Wirtschaftsgipfel aufforderte, in Deutschland durch höhere Löhne für mehr Binnenkonjunktur zu sorgen. Obama hatte damit völlig recht. Wenn wir in unseren Wirtschaftsbeziehungen gleichwertige und verlässliche Partner bleiben wollen, müssen bei uns Löhne und Gehälter deutlich angehoben werden. Das habe ich schon an anderer Stelle hier im Forum verlangt. "30 Prozent mehr Lohn für alle" ist und bleibt meine Forderung, auch damit Außenhandel nicht zum Angriffskrieg gerät.
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