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High Frequency Trade - und niemand zieht den Stecker…?

18. January 2012

Diese Entwicklung beschleunigt sich: Die Reaktionsgeschwindigkeit der Superrechner nimmt immer weiter ab, die Systeme handeln automatisch nach den „Gesetzen“ ihrer eigenen Programme – Algorithmen statt Erfahrung, mathematische Formeln statt menschlicher Urteilskraft, maschinelle Spekulation statt persönlicher Verantwortung. Man schätzt, dass mittlerweile mehr als 70 Prozent des US-Aktienhandels über High Frequency Trader abgewickelt werden. Der „elektronische Händler“ nutzt seinen Informationsvorsprung über Kursentwicklungen, die der Händler „aus Fleisch und Blut“ nicht einmal ahnt und die die Finanzaufsicht mit herkömmlichen Mitteln weder steuern noch begrenzen kann.

Die Automatisierung des Handels (automatic trading) bedroht die Stabilität der Finanzmärkte, aber auch der Realwirtschaft. Denn die Systeme sind in der Regel darauf programmiert, immer dem allgemeinen Preisentwicklungstrend zu folgen, auch wenn die Gewinne minimal sind. Aber man muss ein Geschäft nur dutzend- oder hundertfach jeden Tag tätigen, schon entstehen enorme Handelsgewinne. Die High Frequency Trader folgen dabei einer „blinden“ Logik: möglichst schnell möglichst hohe Profite – wenn es sein muss, auch zulasten anderer. Wenn einer (ver)kauft, (ver)kaufen alle, ohne Rücksicht auf die Folgen für das Finanzsystem: Wertpapierhandel im „Herdentrieb“.

Folgen des automatischen Handels

Die Folgen des automatischen Handels destabilisieren die Märkte und setzen ihre Grundprinzipien außer Kraft:


  • Aus alltäglichen Preisschwankungen werden durch Über- und Untertreibungen wahre Kursrutsche an den Börsen. Preise für Kreditderivate, Aktien, Devisen, Rohstoffe, Währungen etc. stürzen ohne Vorwarnung und handfeste ökonomische Gründe in den Keller. Die sogenannten wirtschaftlichen Fundamentaldaten von Unternehmen oder ganzen Volkswirtschaften – Gewinne und Verluste, Investitionen und Produktivität, Schuldenstand oder Bruttosozialprodukt – werden an den Kapitalmärkten immer weniger beachtet. Die Märkte verlieren ihre Fähigkeit zur rationalen Preisbildung.


  • Die gleichgerichteten Käufe und Verkäufe der automatischen Trader, die sich nur nach minimalen Preisveränderungen richten, wirken stark prozyklisch.


  • Die extrem kurzfristige Renditeorientierung (Excessive Short -Termism) verändert die Finanzmärkte tiefgreifend: immer mehr Kapital fließt in schädliche, risikoreiche Geschäfte, die Gier von Investoren nach dem sprichwörtlich schnellen Gewinn spült immer mehr Geld in den Hochfrequenzhandel. Dieses Geld fehlt in anderen Bereichen: Staaten und Wirtschaftsunternehmen sehen sich bei ihrer Refinanzierung am Kapitalmarkt wachsenden Schwierigkeiten gegenüber und müssen Investoren höhere Renditen bieten; Kredite für Privatpersonen werden teurer.


  • Vertrauen in den Markt geht verloren. Keiner macht mit dem anderen noch Geschäfte. Wertberichtigungen auf Vermögenswerte vernichten viele Milliarden Euro.


  • Plötzliche Schwankungen bei Zinsen, Aktienkursen oder Rohstoffpreisen, die sog. Volatilität, scheinen schwer beherrschbar und machen Anlagestrategien für die Alterssicherung oder den Vermögensaufbau zur Lotterie.


  • Und was, wenn eine Maschine einen Fehler macht und alle anderen blind folgen? Die rasende Geschwindigkeit der elektronischen Transaktionen zeigt jedem Überwachungssystem seine Grenzen auf. Wollen wir uns darauf beschränken, eine sinnvolle Kontrolle nur noch dadurch auszuüben, in einem solchen Fall möglichst schnell den Stecker zu ziehen – eine Kapitulationserklärung der Finanzmarktaufsicht?

Die radikale „Maximierung des Eigennutzens“ sprengt das Finanzsystem, treibt ganze Volkswirtschaften tief in die Verschuldung und präsentiert dem Steuerzahler am Ende eine saftige Rechnung, wenn es schief geht. Nationalstaaten können bei dieser Geschwindigkeit der Datenverarbeitung, diesen Handelsvolumina, der Komplexität der Produkte und der Risikobereitschaft nicht mithalten, die Politik kann am Ende nur noch den Scherbenhaufen zusammenkehren, den die Spekulanten und Zocker hinterlassen...
Oder?

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