Langsam zieht die Kälte wieder von den Zehen die Beine hoch. Es ist null Grad, der Boden hart. Die Polizeischeinwerfer vertreiben die nächtliche Dunkelheit in dem schmalen Tal, durch das der Castor auf den Schienen fahren soll. Rechts und links erstreckt sich eine sechs Meter hohe steile Böschung. Wir sind mitten im Wald. Schlafsack und Strohkissen helfen ein wenig gegen die Kälte. Aber auf Dauer reicht das nicht!
Genau der richtige Zeitpunkt also, um mal wieder bei der Sambagruppe vorbeizuschauen und sich anschließend ein wenig die Beine beim DJ zu vertreten. Elektromusik macht alles zu einer großen Party. Alle fünf Minuten werden Brot und Äpfel rumgereicht. Auch Suppe und Tee werden verteilt. Viele junge Menschen sind hier. Alle gut gelaunt und vereint durch die Wut auf die schwarz-gelbe Atompolitik. Deshalb setzen wir hier gewaltfrei ein Zeichen.
„Wir haben es geschafft: Die längste Blockade in der Geschichte des Castors!“
Das Bundesverfassungsgericht hat bereits am 10. Januar 1995 festgestellt, dass Sitzblockaden keine Gewalt darstellen. Die Polizisten stehen oben und schauen dem bunten und fröhlichen Treiben im Tal zu. Aus den erhofften Zwei-Stunden-Blockaden sind mittlerweile über zehn Stunden geworden. Ein Ende und der Castor-Transport sind noch nicht in Sicht.
5000 Menschen haben sich hier bei Harlingen auf einer Strecke von rund 2 Kilometer versammelt. Der Castor wird deshalb bei Dahlenburg die Nacht eingezäunt mit Nato-Stacheldraht verbringen. Wir haben es geschafft: Die größte und längste Blockade in der Geschichte des Castors! Der Castor-Zug wird erst um 9.30 Uhr den Verladekran in Dannenberg erreichen - mit mehr als 25 Stunden Verspätung!
Fünf-Fingertaktik besprechen
Der Tag begann früh. Um 6 Uhr morgens treffen sich 800 Menschen zur Vorbebesprechung des „Camp Widersetzen“. Taktik besprechen. Fünf-Fingertaktik. Die Polizeiketten an verschiedenen Stellen durchbrechen. Vielleicht sogar die Gleise erreichen. Alle machen sich auf den Weg. Dann um 11 Uhr verbreitet sich die Nachricht via Twitter, Castorticker, Radio und von Mund zu Mund wie ein Lauffeuer: Die Gleise sind besetzt!
Alle haben jetzt nur noch ein Ziel. Im kleinen Tal versammeln sich immer mehr Menschen. Die Polizei schaut an dieser für schweres Gerät unzugänglichen Stelle wehrlos zu. Die Gruppe, die sich hier versammelt hat, will gewaltlosen Widerstand leisten – nicht schottern. Das weiß auch die Polizei und verzichtet in diesem Fall auf den massiven Einsatz von Gewalt. Diese Aktion ist für alle Seiten ein Erfolg! Die Polizei zeigt, dass sie hier nicht auf Eskalation setzt. Viele Polizisten sind schon seit 30 Stunden auf den Beinen. Später wird die Polizei hier 400 Mannschaftswagen zusammenziehen, in die die Demonstranten nach 2 Uhr gebracht werden.
Schwarz-Gelb hat beschlossen, noch viel mehr Müll zu produzieren
50 000 Menschen sind in Gorleben zusammengekommen. Eine große Volksbewegung findet sich nicht ab. Wer jetzt den einen Schotterer und Gewaltbereiten heraussucht, und diesen als Vertreter des Protests darstellt, war entweder nicht dabei oder betreibt gezielte Desinformation. Die überwiegende Mehrheit ist friedlich und will keine Gewalt.
Die Castoren sind angefüllt mit hochradioaktivem Müll. Sie werden jetzt für die nächsten Jahre überirdisch in einer einfachen Wellblechhalle stehen. Es gibt kein Endlager. Heute kommt der Müll aus der Vergangenheit – ohne endgültiges Ziel. Schwarz-Gelb hat beschlossen, noch viel mehr Müll zu produzieren. Wer hier in Gorleben ist, sieht wie verantwortungslos und falsch diese Politik ist.
Mittlerweile ist die Wärme in die Füße zurückgekehrt. Also wieder zurück zum Schlafsack und Strohkissen und weiter warten auf den Castor.












Stefan41 • 11. November 2010 • 23:55
Die Jusos gehen wirklich mal dahin wo es wichtig ist. Weiter so! Auch wenn die Zehen frieren.
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