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Gesundheitswesen wird entsolidarisiert

Jochen Wiemken • 12. November 2010

T-Shirt-Träger "Schwarz-Gelb gefährdet Ihre Gesundheit!" vor einem Transparent "Ja zu einer guten Gesundheitsversorgung für alle
(Bild: DPA)

Als Gesetz gegen die Interessen von Versicherten und Patienten hat die SPD vor der Abstimmung im Bundestag die Gesundheitsreform scharf kritisiert. „Wir erleben heute den ersten Schritt in die Privatisierung der gesetzlichen Krankenversicherung“, sagte Generalsekretärin Andrea Nahles. Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warf Schwarz-Gelb vor, das System „amerikanisieren und privatisieren“ zu wollen.

Karl Lauterbach sagte, die Regierung verkaufe die Menschen für dumm, wenn sie sage, die paritätische Krankenversicherung sei am Ende. „Seien Sie doch so ehrlich und räumen Sie ein, dass wir es mit der Parität geschafft haben, die Arbeitslosenzahl unter 3 Millionen zu drücken“, rief er der Koalition zu. Union und FDP wollten das System amerikanisieren und privatisieren, seien aber zu feige, dies zuzugeben. So kassiere Schwarz-Gelb die Rentnerinnen und Rentner sowie die Geringverdiener ab, um den Arbeitgeberbeitrag einfrieren zu können.

„Sozialausgleich“ ist nichts anderes als ein Almosen

Der SPD-Gesundheitsexperte verwies darauf, dass ein Rentner, der 800 Euro bezieht, künftig bei einer durchschnittlichen Kopfpauschale von 20 Euro nur 4 Euro Sozialausgleich erhält. „Wissen Sie, wie ich das nenne? Das ist kein Sozialausgleich; das ist ein Almosen.“  Bei einer Rente von 1.000 Euro erhalt ein Rentner gar keinen Sozialausgleich. Geringverdiener mit einem mittleren Einkommen von 1.500 Euro büßen bei einer Kopfpauschale in Höhe von 30 Euro zwei Prozent ihres Nettoeinkommens ein – ohne jeden Sozialausgleich. Dies sei „ein Abkassieren bei den kleinen Leuten. Das ist weniger netto vom Brutto für die Leute, die Guido Westerwelle als Leistungsträger bezeichnet“, stellte Lauterbach fest.

Klientelpolitik zulasten der Versicherten

Der SPD-Politiker weiter: „Gestern wurde uns von Ihnen der Entwurf eines Gesetzes vorgelegt, das gut für die Pharmaindustrie und gegen die Patienten gerichtet ist. Heute liegt uns ein Gesetzentwurf vor, der gut für die Arbeitgeber und die private Krankenversicherung ist und ebenfalls gegen die Patienten und Versicherten gerichtet ist.“ Den Unionsabgeordneten zugewandt sagte er, ein solches Vorgehen sei einer Partei, die sich damit brüste, eine christliche Partei zu sein, unwürdig. Schwarz-Gelb sei die „Koalition des Kapitals“.

Arbeitgeber werden entlastet, Arbeitnehmer und Steuerzahler zahlen doppelt

Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles kritisierte den von Union und FDP beschlossenen Systemwechsel im deutschen Gesundheitswesen als „schlecht für 70 Millionen gesetzlich Versicherte, für alle Patientinnen und Patienten“. Die Gesundheitsreform sei ein „großangelegter Feldversuch“, mit dem die Gesetzliche Krankenversicherung privatisiert werden solle. Es sei „mies“, die Arbeitgeber aus der Verantwortung für die Gesundheit ihrer Angestellten zu entlassen, obwohl die Jobanforderungen ständig wüchsen.

Abzocke und Drei-Klassen-Medizin durch Vorkasse

Scharfe Kritik übte Nahles auch daran, dass gesetzlich Versicherte künftig beim Arzt Vorkasse zahlen sollen. Dies sei „Scheckbuchmedizin“, die Einführung eines Dreiklassensystems. Denn bei der Vorkasse gibt es das Problem, dass die Patienten allein auf den Risiken sitzen bleiben, wenn der Arzt mehr abrechnet, als die Kasse ihnen erstattet.

Nahles: „Jeder von uns kennt doch die Situation – ich bin AOK-Versicherte -, dass man als gesetzlich Versicherter schon jetzt immer länger warten muss und dass man einen schlechteren Zugang zu Spezialisten hat. Dies ist so, weil es Privatpatienten gibt. Jetzt wird eine weitere Klasse von Versicherten eingeführt. Sie sagen, die Vorkasse ist freiwillig. Wissen Sie, wie es nachher in den Praxen läuft? Wer schnell behandelt werden will, bekommt einen kurzfristigen Termin nur dann, wenn er Geld auf die Anmeldetheke der Arztpraxis legt. Das wird die Realität in Deutschland werden. Das bringt nichts außer Verdruss.“

SPD setzt mit Bürgerversicherung auf Solidarität im Gesundheitswesen

Die SPD-Generalsekretärin betonte, ihre Partei setze sich weiter für die solidarische Bürgerversicherung ein. Sie sei eine Alternative zur schwarz-gelben Klientelpolitik, da sie eine hochwertige Gesundheitsversorgung mit gleichem Zugang zu medizinischen Leistungen für alle Bürgerinnen und Bürger sicherstelle. „Dieser Weg setzt auf mehr Solidarität und nicht auf die weitere Spaltung dieses Landes. Was mir besonders wichtig ist: Nur die Bürgerversicherung kann verhindern, dass die Patienten den Lobbyisten in diesem Land ausgeliefert werden. Deswegen setzen wir uns dafür ein.“

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