Die Kommunen haben in den ersten drei Quartalen 2010 ein Defizit von rund 9,2 Milliarden Euro einstecken müssen, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Die Steuerpolitik der schwarz-gelben Bundesregierung habe die Kassenlage der Kommunen „dramatisch verschlechtert“, kommentierte SPD-Parteivize Klaus Wowereit. „Die Merkel-Regierung ruiniert die Kommunen.“
Das berechnete Defizit ist damit gut 38 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum mit knapp 6,7 Milliarden Euro. Auch wenn die Einnahmen der Gemeinden - ohne die Stadtstaaten - um zarte 0,8 Prozent auf 120,7 Milliarden Euro anstiegen, wiegt die Ausgabenseite mit 2,8 Prozent auf 129,9 Milliarden Euro schwerer.
Wowereit fordert „uneingeschränktes Bekenntnis zur Gewerbesteuer“
Die ernüchternde Analyse des Statistischen Bundesamtes sieht den Grund für die Misere bei den Steuereinnahmen der Kommunen. Der wirtschaftliche Aufschwung in den ersten neun Monaten 2010 kam „bislang noch nicht deutlich zum Tragen“. Sie stiegen um 0,7 Prozent auf knapp 42,3 Milliarden Euro. Die wichtigste Einnahme der Gemeinden - die Gewerbesteuer - erhöhte sich um 2,0 Prozent auf 20,3 Milliarden Euro. Der Anteil an der Einkommensteuer ging dagegen um 3,3 Prozent auf rund 11,9 Milliarden Euro zurück.
Wowereit fordert deshalb Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble „zu konkreten Lösungsvorschlägen“ auf. Dazu gehöre auch „ein uneingeschränktes Bekenntnis zur Gewerbesteuer“, so der stellvertretende SPD-Vorsitzende und Regierende Bürgermeister von Berlin. „Denn die Abschaffung der Gewerbesteuer, der wichtigsten Steuerquelle der Kommunen, würde zu einer massiven Verlagerung der Steuerlast von der Wirtschaft auf die Bürgerinnen und Bürger führen“.
Bundesregierung sei sich nur in stärkerer Belastung der Kommunen einig
Die Zuweisungen der Länder für Investitionen fielen mit 5,2 Milliarden Euro deutlich höher aus als in den ersten drei Quartalen 2009 (plus 14,1 Prozent). Im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs erhielten die Kommunen von den Ländern nur noch 19,4 Milliarden Euro als Schlüsselzuweisungen (minus 8,0 Prozent).
Anstatt zu Handeln, würde sich die Gemeindefinanzkommission der Bundesregierung verzetteln, so Wowereit. „Einig ist sich die Regierung nur, wenn es darum geht, die Kommunen noch stärker zu belasten. Die Streichung des erfolgreichen Programms „soziale Stadt“ von 95 auf 28 Millionen Euro bedeutet das Aus für viele Projekte, die bisher der Integration und dem sozialen Zusammenhalt in problembelasteten Stadtteilen dienten. Die Kürzung wird riesige Lücken mit allen einhergehenden Folgen in der sozialen Arbeit der Städte und Gemeinden hinterlassen“.
(mit dpa)












Helmut Probst • 19. December 2010 • 17:04
>Darunter leidet das kleinste Glied am Ende der Kette, der Mensch…. Wenn den Kommunen die Handlungsfähigkeit weiterhin genommen wird, dann wird auf Sicht die soziale Marktwirtschaft in eine kapitalistische Wirtschaft mit dem Zentralverwaltungsorgan Regierung übergehen<.Ein interessanter Gedanke. Eine Entwicklung, die durchaus vor sich gehen könnte, wenn finanzielle Handlungsunfähigkeit begleitet wird durch einen rigorosen Abbau politischer Aktivitäten und breiter demokratischer Willensblidung. Ich kenne zwar derartige Erscheinungen in Kommunen, also unseren Städten, Stadtteilen oder Gemeinden nicht, wohl aber Gemeinden, in denen politische Arbeit demokratischer Parteien wie auch anderer demokratischer Einrichtungen schwach entwickelt ist und sich an deren Stelle rechte, neonazistische Gruppierungen ungehindert entfalten können. Unser Ortsverein zum Beispiel wird konfrontiert mit verstärktem Agieren von Neonazis und einem relativ hohen Anteil rechter Wähler. Deshalb werden wir uns verstärkt damit befassen müssen, wie wir die jungen Mitglieder besser in der Jugendarbeit unterstützen können. Denn gerade auch hier reißen die von Schwarz-Gelb vorgenommenen Kürzungen im Hauhaltetat große Lücken auf. Ich sehe aber in der verfehlten Finanzpolitik von Schwarz-Gelb gegenüber den Kommunen ein umfassenderes Problem. „Deutschland kann nicht nur nach den Wünschen einer gebildeten Oberschicht gestaltet werden. Es ist auch in Zukunft der gewerbliche und industrielle Erfolg, der Dienstleistungen, Kultur und Sozialpolitik ermöglicht. Industriepolitik, Integration von Zuwanderern, Haushalt und Finanzen, Kriminalitätsbekämpfung, äußere Sicherheit, die Arbeits- und Lebenswelt vieler Menschen“. Das alles umfasst den Staat, die Gesellschaft als Ganzes. Und für den Einzelnen ist das alles erlebbar dort, wo er zuhause ist. „Der Alltag von vielen Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Familien und Rentnern in Deutschland, Bildung und Aufstieg für alle, für Deutsche und Ausländer, für Männer und Frauen, für Jüngere und Ältere und egal aus welchen Elternhäusern sie kommen.“ Der konkrete Ort, wo sich das alles abspielt, wo Politik unmittelbare Auswirkung auf das Leben der Bürger hat, wo sie zusammenleben, mit einander kommunizieren, Wohlhabende und weniger Wohlhabende, Starke und Schwächere, Gesunde und Kranke. Sie alle gehören zur Gesellschaft und leben hier mehr oder weniger auf Tuchfühlung zusammen. Nicht zuletzt entscheidet das Leben in den Kommunen, wie Menschen unabhängig von Einkommen und Geschlecht in unserer Gesellschaft sicher aufgehoben sind, wenn sie in Not geraten oder Hilfe brauchen. Wie auch sie sich in dieser Gesellschaft wohlfühlen. Die Kommune als der Brennpunkt des Gemeinwohls. Ehrlich gesagt, wer denkt schon so umfassend über die Rolle der Kommunen in der Gesellschaft nach. Ich habe mir auch noch einmal die Rede von Sigmar Gabriel auf dem Parteitag zur Hand genommen, auch wo er darüber spricht, dass sinkendes Vertrauen der Menschen in die Demokratie, die Entfremdung zwischen Regierten und Regierung dort einsetzt, wo Demokraten der Demokratie nicht mehr trauen und sich dann abschotten oder Bürger Zuflucht bei Feinden der Demokratie suchen. Wer denkt schon daran, dass Kommunen mit 60 Prozent am Finanzvolumen öffentlicher Bautätigkeit beteiligt sind. Eigene Familienangehörige verdienen sich bei solchen Aufträgen Lohn und Brot. Und schließlich hat besonders der Mittelstand, haben Handwerker, Gewerbetreibende in den Kommunen ihre Existenzgrundlage. Kultur, Sport und vieles andere bereichern hier unser Leben. Es ist nicht zu viel behauptet, dass Schwarz-Gelb mit seiner Finanzpolitik nicht nur die Handlungsfähigkeit der Kommunen einschränkt, sondern in eklatanter Weise die Grundlagen lebendiger Demokratie und sozialen Fortschritts erschüttert. Dagegen wehren sich die Bürger immer stärker mit Protesten, Demonstrationen oder Petitionen. Dazu müssen auch wir uns positionieren.
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