Die Debatte um einen neuen Fortschrittsbegriff stellt die SPD in den Mittelpunkt ihrer programmatischen Weiterentwicklung – und diskutierte auf ihrer Jahresauftaktklausur in Potsdam mit Wissenschaftlern, Publizisten und Vertretern gesellschaftlicher Gruppen. Mit klarem Ergebnis: Die bisherige Wachstumsorientierung greife zu kurz.
Auf der Jahresauftaktklausur am Montag diskutierte der Parteivorstand ein von Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Andrea Nahles erarbeitetes Papier, das Fortschritt weiter fasst als die Orientierung auf wirtschaftliches Wachstum, die bislang als zentrale Kategorie gilt. „Für einen neuen Fortschritt und mehr Demokratie“ [PDF, 424 KB] haben die Autoren ihr Papier überschrieben, das im Laufe des Jahres in den SPD-Zukunftswerkstätten, auf einem Fortschrittskongress und in allen Teilen der Partei diskutiert werden soll.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist, dass wirtschaftlicher und wissenschaftlich-technischer Fortschritt als Grundlage für individuellen und sozialen Wohlstand sowie für gerechte Teilhabe nicht mehr ausreichend sind. Dieses „zuversichtlich-emanzipatorische Verständnis von Fortschritt ist brüchig geworden“, stellen Gabriel, Steinmeier und Nahles fest und verweisen auf eine zunehmende Entkopplung ökonomischer Erfolge von individueller Teilhabe sowie sozialer und ökologischer Entwicklung. Vor allem die „Erosion des Sozialen“ hob der SPD-Vorsitzende eingangs hervor und forderte eine „neue Politik für einen neuen Fortschritt“.
Fortschritt heißt Lebensqualität
In dem Papier [PDF, 424 KB] selbst ist zusammengefasst das Ziel formuliert: „Ein neuer Fortschritt misst sich für uns in erster Linie daran, ob es gelingt, die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürgern auf nachhaltiger Grundlage zu verbessern“, heißt es in dem Papier.
Den Ansatz diskutierte der SPD-Vorstand in Potsdam mit dem Feuilletonisten der Süddeutschen Zeitung, Gustav Seibt, dem österreichischen Publizisten Robert Misik, den Wissenschaftlern Prof. Claus Leggewie (Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen), Prof. Yasemin Karagasoglu (Bildungswissenschaftlerin, Universität Bremen und Mitglied im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration) und der jungen Doktorandin Maria Slowinska. Außerdem auf dem Podium: der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber und Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie.
Politik aus dem „Klammergriff der Populismen“ befreien
Mit unterschiedlichen Akzenten begrüßten die Gäste ausdrücklich den Ansatz, einen Fortschrittsbegriff zu entwickeln, der über die wirtschaftlich-wissenschaftliche Dimension hinausgeht. Pointiert warnte etwa der Publizist Robert Misik vor den Folgen von extremer Ungleichheit in Gesellschaften, und der Kulturwissenschaftler Leggewie forderte die Sozialdemokratie auf, sich an die Spitze der Empörung gegen solche Entwicklungen zu setzen. Einig zeigten sich auch die Referenten und Diskutanten in der Feststellung, dass Fortschritt nicht ausschließlich Veränderung bedeutet, sondern auch die Debatte darüber, was erhaltenswert ist. Maria Slowinska nannte beispielhaft den kulturellen Sektor und warnte vor Kürzungen in diesem Bereich. Yasemin Karagasoglu verwies auf das Potenzial von kultureller Vielfalt als „Motor für Fortschritt“. Mit Blick auf die Veröffentlichungen Thilo Sarrazins forderte der Journalist Gustav Seibt die Politik in diesem Zusammenhang auf, sich „aus dem Klammergriff der Populismen“ zu befreien.
Breite Diskussion bis 2012
Zentrale Themenfelder der Diskussion werden im angelaufenen Jahr „Demokratie und Freiheit“ sein – Fortschritt als Ausbau der demokratischen Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten –, „Frauen und Gleichstellung“ und „Arbeiten und Leben – Beruf und Familie“. Besonders aktuell ist auch das Thema „Gesundheit und Pflege“ – im April will die SPD ein umfassendes Bürgerversicherungskonzept vorlegen. Außerdem geht es um „Finanzen und Steuern“, um „Arbeit, Wirtschaft, Nachhaltigkeit“, um Bildung und Integration“, Städte und Gemeinden“ und um „Europa und weltweite Gerechtigkeit“.
Die SPD will eine „Debatte über die Ziele eines neuen und umfassenden Fortschrittsbegriffs führen“, heißt es in dem vorgelegten Diskussionspapier. „Mehr an Freiheit und Demokratie, an Gerechtigkeit und Solidarität und eine solidarische Gesellschaft bleibt dabei unser Ziel. Wir wollen die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes wieder für die Idee eines neuen gesellschaftlichen Fortschritts gewinnen und auf ihrer Grundlage unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen auch wieder zusammenführen“, schreiben Gabriel, Steinmeier und Nahles.
Verabschiedet werden soll das SPD-Fortschrittsprogramm [PDF, 424 KB] auf dem Bundesparteitag im Dezember. Eine zweite Diskussionsphase ist für das kommende Jahr geplant, unter anderem auch mit einem zweiten Fortschrittskongress zur europäischen und globalen Dimension. Münden soll der Prozess in einen außerordentlichen Bundesparteitag 2012, der unter dem Arbeitsmotto stehen soll: „Die Qualität des Lebens“.












Helmut Probst • 11. January 2011 • 17:29
Die SPD ist d i e Fortschrittspartei in Deutschland. Diese Formulierung ist nicht neu. Wir finden sie bereits im Hamburger Programm. SPD-Politik in den Jahren seit der Übernahme der Regierung bis zum heutigen Tag beweist das. Dass Deutschland heut selbst nach der Krise ein wirtschaftlicher Faktor ersten Ranges weltweit ist, ist überwiegend Ergebnis erfolgreicher SPD-Politik. Das mag niemand mehr bestreiten. Wissenschaftlich-technischer Fortschritt macht deutsches Know-how zu gefragten Importartikeln in vielen Ländern. Ein nie dagewesener Wirtschaftsboom lässt die Welt erstaunen, um mit der Bundeskanzlerin zu schwärmen. Doch wer profitiert davon? Kurz ausgedrückt- eine Minderheit, die bereits Reichen, die dadurch noch reicher werden. War das das Ziel 11-jähriger SPD-Politik? Manche werden nicht müde, die soziale Schieflage, die sich immer mehr zu Ungunsten der eigentlichen Leistungsträger, der Arbeiter und dem Mittelstand verschiebt, der SPD anzulasten. Sie übersehen allerdings, dass sich in anderen Ländern Europas und weltweit dieser Trend noch krasser offenbart. Die Wahrheit ist, die SPD vermochte ihn nicht zu verhindern. Die Quittung dafür im September 2009 schmerzte. Die SPD zog gründliche Schlussfolgerungen. Die Ergebnisse liegen nun auf dem Tisch in Form eines Entwurfes für ein neues Fortschrittsprogramm. Lehnt sich die SPD nicht etwas weit aus dem Fenster ?,mögen manche fragen. Wohlstand für alle durch Bildung für alle. gute Arbeit für alle, guten Lohn für alle, und das nachhaltig, auch für die Zukunft unserer Enkel und Urenkel? Welche Partei in Deutschland wagt sich, ähnliches den Menschen zu offerieren, ja, ihnen zur Abstimmung vorzulegen? Wo mag es weltweit eine politische Kraft geben, die ein solches Problem eines neuen Fortschrittsbegriffes mitten in eine sich verschärfende Demokratiekrise stellt und zur breiten Diskussion darüber auffordert. Allein die Zielstellung Wohlstand für alle durch Arbeit für alle lässt manchen an der Realisierbarkeit zweifeln. Aber der SPD geht es schon nicht mehr allein um Wohlstand, sondern um eine ständig verbesserte Lebensqualität. Nicht für die bereits Wohlhabenden. Sondern für die, deren Teilhabe am gesellschaftlichen Fortschritt bislang nicht mehr oder nur eingeschränkt möglich war.(Geringverdiener, Arbeitsuchende u.a.) Und die SPD weist konkret in ihrer Programmatik die Wege, verständlich und fassbar für jeden, für die Erreichung dieser Ziele auf. Entscheidend dabei sind gesellschaftliche Veränderungen , deren Kern darin besteht, dass „die Märkte dem Primat der Politik folgen müssen und ein erneuerter Sozialstaat mehr Gerechtigkeit, mehr Teilhabe, mehr Zusammenhalt und mehr Selbstbestimmung für alle und damit für die ganze Gesellschaft“,gewährleistet
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