Natürlich hatte die Sozialdemokratie in ihren Anfangsjahren keine "Parteizentrale". Die finanziellen Mittel waren viel zu bescheiden und die politischen Einschränkungen jener Zeit viel zu hart, um eine Organisation aufzubauen, die sich hinter dem Begriff "Zentrale" vermuten ließe.
Der "Sitz" der Gründerparteien war nicht mehr als eine Adresse und zudem auf dauernder Wanderschaft. Sozialisten wurden willkürlich vertrieben und verhaftet, ihre Arbeit verboten oder dort, wo die Vereinsgesetze etwas liberaler waren, bestenfalls geduldet.
1863: "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" (ADAV) in Berlin
Das galt auch für die Gründungsparteien der SPD, die in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts nur einige tausend Gesinnungsgenossen in ihren Reihen hatte. Als Ferdinand Lassalle 1863 den "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" (ADAV) gründete, bestimmte er zunächst Berlin zum Sitz der Partei. Bis zum zweiten Verbot des ADAV im Juni 1874 fand die Bewegung ihr Domizil in Berlin. Danach bis zur Vereinigung mit der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" (SDAP) 1875 in Bremen.
1869: "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" (SDAP) in Braunschweig
Die von August Bebel und Wilhelm Liebknecht 1869 in Eisenach ins Leben gerufen SDAP wählte Braunschweig zu ihrem Hauptort. Doch schon 1870 wurde der Hauptausschuss von dort vertrieben. Bebel und Liebknecht hatten den drohenden deutsch-französischen Krieg als "einen Hohn auf die moderne Kultur" bezeichnet und sich damit den Zorn der Regierenden zugezogen. Die Mitglieder des Braunschweiger Ausschusses wurden deshalb verhaftet. Die SDAP war gezwungen, den Sitz ihrer Partei ins etwas liberalere Hamburg zu verlegen.
1875: ADAV und SDAP in Hamburg
1875 kam es dann in Gotha zur Vereinigung des ADAV und der SDAP. Die neue Parteiführung behielt ihren Sitz in Hamburg. Doch sehr lange konnte sie sich in der Hansestadt nicht einrichten. 1876 wurde die Partei in Preußen und anderen Bundesstaaten verboten. Reichskanzler Otto von Bismarck wollte die "sozialistisch-demokratischen Umtriebe" stoppen. An die Stelle des Parteivorstandes trat ein "Zentralwahlkomitee", das weiterhin in Hamburg sein Domizil hatte.
Das "Zentralwahlkomitee" löste sich 1878 selbst auf. Der Reichstag in Berlin hatte das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" beschlossen, die Grundlage für jedwede Willkür der Behörden gegen die Partei. Erst 1880 wurde vom ersten illegalen Kongress der Sozialisten die Reichstagsfraktion mit der Führung der Partei beauftragt. Damals die einzige Möglichkeit, legal sozialistische Auffassungen zu vertreten.
Die Sozialistengesetze hatten nicht die Wirkung, die ihre Erfinder sich erhofft hatten. Das hatte August Bebel schon in einer Debatte im Reichstag prophezeit: Er rief seinen Gegnern zu, unter den Sozialistengesetzen würde seine Partei nur noch stärker, "denn Tausende und aber Tausende, die heute noch keine Sozialdemokraten sind, werden es dann sicher werden". Er behielt recht. Doch erst 1890 fanden die Sozialistengesetze im Reichstag keine Mehrheit mehr. Nun konnten die Sozialisten mit ihrem in Halle gewählten Vorstand über einen neuen Sitz der Partei beraten.
1890: Unterschiedliche Domizile in Berlin
Sie entschieden sich für die Wohnung ihres Sekretärs und Reichstagsabgeordneten Ignaz Auer in der Katzbachstraße 9 in Berlin. Die Partei gewann an Stärke und die Räume in der Katzbachstraße wurden bald zu eng. Im März 1900 zogen Parteivorstand und Kassierer in die Kreuzbergstraße 30 um.
1905: Umzug in die Lindenstraße 69 in Berlin
Doch auch die Kreuzbergstraße erwies sich bald als Provisorium. Spendenaufrufe ihrer Vorsitzenden Paul Singer und August Bebel brachten der Partei das nötige Geld, um 1905 mit dem "Vorwärts" und dem Parteivorstand in ein neues Gebäude in der Lindenstraße 69 ziehen zu können.
1914: Neue Zentrale in der Lindenstraße 3 in Berlin
In der Lindenstraße 3 fand 1906 die Parteischule der SPD ihr Domizil, das 1914 um eine Druckerei auf dem Nachbargrundstück erweitert wurde. Im September 1914 zog der Parteivorstand in das stattliche Gebäude, das in den Jahren darauf auf weiteren Nachbargrundstücken nun tatsächlich zu einer "Zentrale" heranwuchs. 1925 verfügten die Sozialdemokraten in dem Komplex über rund 27.000 Quadratmeter. Bis zum 9. März 1933 blieb die SPD in der Lindenstraße bis die Nationalsozialisten die Gebäude von der SA und der SS besetzen ließen.
Auswanderung nach Prag, Paris und London während der NS-Zeit
Für den SPD-Vorstand folgte die Zeit der Emigration. Fünf Jahre Prag in der Palackeho Trida, vom Frühjahr 1938 Paris in der Rue des Ecoles 30, zwei Jahre später, als der Krieg die politische Betätigung in Frankreich unmöglich machte, folgte London. Dort tat sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SOPADE) mit ebenfalls emigrierten Vertretern der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) zusammen.
Nachkriegszeit: Zentralen in Ost- und Westzone
Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau der SPD sowohl in der sowjetisch besetzten Zone als auch in den Westzonen. In der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) bestimmten die Sozialdemokraten den ehemaligen Reichstagsabgeordneten Otto Grotewohl zum Vorsitzenden ihres Zentralausschusses. In den Westzonen begann der ehemalige Reichstagsabgeordnete Kurt Schumacher mit der Neuorganisation der Partei. Grotewohl machte einen Führungsanspruch für ganz Deutschland geltend setzte diesen in der SBZ auch durch. Er hatte sein Domizil bis zur Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD in Berlin in der Behrenstraße.
In den Westzonen baute Kurt Schumacher die Partei von seinem "Büro Dr. Schumacher" in der Odeonstraße in Hannover aus auf. Zunächst unter kritischer Duldung, später auch mit Unterstützung der Alliierten. Die Zwangsvereinigung im April 1946 war der Bruch: Die SPD in den Westzonen wählte im Mai Schumacher zu ihrem Vorsitzenden und war fortan die Partei der Sozialdemokraten ganz Deutschlands.
1950: Umzug in die „Baracke“ nach Bonn
Die beiden letzten Etappen ihrer Wanderschaft hatte die SPD noch vor sich: 1950 zog die Parteispitze in die Bundeshauptstadt Bonn. Dort ließ sie an der Ecke Friedrich-Ebert-Allee/ Dottendorfer Straße die berühmte "Baracke" hochziehen, einen Flachbau in Holz- und Plattenbauweise.
Einzug in das Erich-Ollenhauer-Haus in Bonn
Im flapsigen Partei- und Journalistenjargon blieb dann auch das Parteigebäude, das die SPD 1975 bezog, weiterhin "die Baracke". Offiziell ist es das "Erich-Ollenhauer-Haus", benannt nach dem langjährigen Parteivorsitzenden.
Nach dem Fall der Mauer und der Vereinigung beschloss der Bundestag 1991, seinen Sitz und Teile der Regierung nach Berlin zu verlegen. Die Sozialdemokraten waren von den Bonner Parteien die ersten, die konsequent auf die neue und alte Hauptstadt setzten.
1999: Umzug in das Willy-Brandt-Haus in Berlin
1992 entschied der Parteivorstand, in Berlin-Kreuzberg unweit der historischen Parteisitze das Eckgrundstück Wilhelmstraße/ Stresemannstraße zu kaufen. Im November 1993 wurde der Grundstein gelegt. Am 10. Mai 1996 weihten der Parteivorsitzende Oskar Lafontaine und Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier mit vielen tausend Gästen das "Willy-Brandt-Haus" ein. Im Sommer 1999 ist der Parteivorstand endgültig von Bonn nach Berlin gezogen. Das Willy-Brandt-Haus ist damit die zehnte Parteizentrale der SPD in ihrer wechselvollen Geschichte.