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Grundwertekommission

Unsere Grundwerte

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit”, die Grundforderungen der Französischen
Revolution, sind die Grundlage der europäischen Demokratie.
Seit das Ziel der gleichen Freiheit in der Moderne zum Inbegriff der Gerechtigkeit
wurde, waren und sind Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität
die Grundwerte des freiheitlichen, demokratischen Sozialismus. Sie
bleiben unser Kriterium für die Beurteilung der politischen Wirklichkeit, Maßstab für eine bessere Ordnung der Gesellschaft, Orientierung für
das Handeln der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten.

Der Sozialdemokratie ging es in ihrer Geschichte immer darum, neben
den rechtlichen auch die materiellen Voraussetzungen der Freiheit, neben
der Gleichheit des Rechts auch die Gleichheit der Teilhabe und der
Lebenschancen, also soziale Gerechtigkeit, zu erkämpfen.

Konservative und Liberale spielen die Grundwerte nicht selten gegeneinander
aus: je mehr Freiheit, desto weniger Gerechtigkeit und umgekehrt.
Im sozialdemokratischen Verständnis bilden sie eine Einheit. Sie sind
gleichwertig und gleichrangig. Vor allem: Sie bedingen, ergänzen, stützen
und begrenzen einander. Unser Verständnis der Grundwerte bewahrt uns
davor, Freiheit auf die Freiheit des Marktes, Gerechtigkeit auf den Rechtsstaat,
Solidarität auf Armenfürsorge zu reduzieren.

Freiheit bedeutet die Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben. Jeder Mensch
ist zur Freiheit berufen und befähigt. Ob er dieser Berufung entsprechend
leben kann, entscheidet sich in der Gesellschaft. Er muss frei sein von
entwürdigenden Abhängigkeiten, von Not und von Furcht, und er muss
die Chance haben, seine Fähigkeiten zu entfalten und in Gesellschaft und
Politik verantwortlich mitzuwirken. Nur wer sich sozial ausreichend
gesichert weiß, kann seine Freiheit nutzen.

Die Freiheit des Einzelnen endet, wo sie die Freiheit des Anderen verletzt.
Wer anderen Unfreiheit zumutet, kann auf Dauer selbst nicht frei sein.

Gerechtigkeit gründet in der gleichen Würde jedes Menschen. Sie bedeutet
gleiche Freiheit und gleiche Lebenschancen, unabhängig von Herkunft
oder Geschlecht. Also meint Gerechtigkeit gleiche Teilhabe an Bildung,
Arbeit, sozialer Sicherheit, Kultur und Demokratie, gleichen Zugang zu
allen öffentlichen Gütern. Wo die ungleiche Verteilung von Einkommen
und Vermögen die Gesellschaft teilt in solche, die über andere verfügen,
und solche, über die verfügt wird, verstößt sie gegen die gleiche Freiheit
und ist darum ungerecht. Daher erfordert Gerechtigkeit mehr Gleichheit
in der Verteilung von Einkommen, Vermögen und Macht. Denn große
Ungleichheiten in deren Verteilung gefährden die Gleichheit der Lebenschancen.
Deswegen ist die soziale Demokratie notwendig.
Gleiche Lebenschancen bedeuten nicht Gleichmacherei. Im Gegenteil:
Sie bieten Raum für die Entfaltung individueller Neigungen und Fähigkeiten.
Menschen sind und bleiben verschieden. Aber natürliche Ungleichheiten
und soziale Herkünfte dürfen nicht zum sozialen Schicksal
werden. Lebenswege dürfen nicht von vornherein festgelegt sein. Wir
wenden uns gegen jede Form von Privilegien oder Benachteiligungen
aufgrund der Herkunft, des Standes, der Hautfarbe, des Geschlechts,
der sexuellen Orientierung, der Religion.

Leistung muss anerkannt und respektiert werden. Gerecht ist eine der
Leistung angemessene Verteilung von Einkommen und Vermögen. Eigentum
verpflichtet: Wer überdurchschnittlich verdient, mehr Vermögen
besitzt als andere, muss auch mehr zum Wohl der Gesellschaft beitragen.

Solidarität bedeutet wechselseitige Verbundenheit, Zusammengehörigkeit
und Hilfe. Sie ist die Bereitschaft der Menschen, füreinander einzustehen
und sich gegenseitig zu helfen. Sie gilt zwischen Starken und
Schwachen, zwischen Generationen, zwischen den Völkern. Solidarität
schafft Macht zur Veränderung, das ist die Erfahrung der Arbeiterbewegung.
Solidarität ist eine starke Kraft, die unsere Gesellschaft zusammenhält
– in spontaner und individueller Hilfsbereitschaft, mit gemeinsamen
Regeln und Organisationen, im Sozialstaat als politisch verbürgter und
organisierter Solidarität.

Demokratischer Sozialismus

Unsere Geschichte ist geprägt von der Idee des demokratischen Sozialismus,
einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, in der unsere Grundwerte
verwirklicht sind. Sie verlangt eine Ordnung von Wirtschaft, Staat
und Gesellschaft, in der die bürgerlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Grundrechte für alle Menschen garantiert sind, alle Menschen
ein Leben ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt, also in sozialer
und menschlicher Sicherheit führen können.

Das Ende des Staatssozialismus sowjetischer Prägung hat die Idee des
demokratischen Sozialismus nicht widerlegt, sondern die Orientierung
der Sozialdemokratie an Grundwerten eindrucksvoll bestätigt. Der
demokratische Sozialismus bleibt für uns die Vision einer freien, gerechten
und solidarischen Gesellschaft, deren Verwirklichung für uns eine
dauernde Aufgabe ist. Das Prinzip unseres Handelns ist die soziale
Demokratie.

Primat der Politik und Prinzip der Nachhaltigkeit

Weil wir an diesem Ziel festhalten, bestehen wir auf dem Primat demokratischer
Politik und widersprechen der Unterwerfung des Politischen unter das Ökonomische. Dabei haben wir einen weiten Begriff des Politischen,
der nicht auf den Staat reduziert werden darf, sondern zivilgesellschaftliche
Allianzen und Netzwerke wie auch das freie, selbstbestimmte Handeln der Menschen einschließt. Politik muss dafür sorgen, dass nicht zur bloßen Ware wird, was nicht zur Ware werden darf: Recht, Sicherheit, Bildung, Gesundheit, Kultur, natürliche Umwelt.

Die Demokratie wird sich in Zukunft darin bewähren müssen, dass sie
den Zugang zu diesen öffentlichen Gütern gewährleistet, die politische
Verantwortung für die Daseinsvorsorge behauptet, die eine gerechte Verteilung
von Lebenschancen erst ermöglicht. Das ist in einer Welt knapper
werdender Ressourcen mehr denn je erforderlich und darf nicht dem
Markt überlassen werden.

Für uns ist der Markt ein notwendiges und anderen wirtschaftlichen Koordinierungsformen überlegenes Mittel. Der sich selbst überlassene Markt
ist jedoch sozial und ökologisch blind. Er ist von sich aus nicht in der
Lage, die öffentlichen Güter in angemessenem Umfang bereitzustellen.
Damit der Markt seine positive Wirksamkeit entfalten kann, bedarf er
der Regeln, eines sanktionsfähigen Staates, wirkungsvoller Gesetze und
fairer Preisbildung.

Angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, angesichts von
Globalisierung und ökologischer Krise betrachten wir Nachhaltigkeit als
das einzig verantwortbare Grundprinzip politischen und wirtschaftlichen
Handelns. Das Prinzip Nachhaltigkeit bedeutet: von der Zukunft her
denken; dem Primat der Kurzfristigkeit widerstehen und ebenso der Dominanz
des Ökonomischen, der rein betriebswirtschaftlichen Logik; von der Idee der Gesellschaft her die Politik konzipieren und demokratische Vielfalt, ökologische Dauerhaftigkeit, soziale Integration und kulturelle Teilhabe als Leitideen sozialdemokratischer Politik verstehen.

Unser Verständnis von Fortschritt im 21. Jahrhundert verlangt die Verbindung
von sozialer, ökonomischer und ökologischer Verantwortung:
Sie zielt auf qualitatives Wachstum und Verbesserung der Lebensqualität,
Erweiterung von Lebensmöglichkeiten und individueller Freiheit durch
Gestaltung der Technik, wissenschaftlichen Fortschritt und verantwortlichen
Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen und den unbegrenzten
Möglichkeiten menschlicher Kreativität.

Politik der Sozialen Demokratie

Die soziale Demokratie setzt dem ökonomisch verkürzten Verständnis
der Gesellschaft ein an den humanen Werten der gleichen Würde und
des gleichen Respekts orientiertes Bild des Menschen entgegen. Menschen
stehen nicht nur in Konkurrenz zueinander, sie brauchen einander. Der
Sinn ihres Lebens ergibt sich nicht aus dem Verfügen über marktgängige
Wirtschaftsgüter. Menschen sind mehr als Konsumenten und Produzenten,
deswegen widersetzen wir uns der Ökonomisierung aller Lebensbereiche.

Lebensqualität ist mehr als die Jagd nach materiellem Wohlstand. Die
Menschen verlangen intakte Gemeinschaften, in denen es friedlich und
solidarisch zugeht, in denen gleiche Chancen und Rechte gelten, auch
zwischen den Geschlechtern. Die Menschen suchen Anerkennung, das
Gefühl, gebraucht zu werden, nicht nur im Beruf. Sie leben in und von
den Beziehungen in der Familie, zu Partnern, Kindern und Freunden.
Dazu brauchen sie Zeit. Wirklich reich sind Menschen nur in einer Gesellschaft,
die ihnen mehr selbstbestimmte und freie Zeit gibt. Ein Leben
ausschließlich nach der Stoppuhr, im Rhythmus pausenloser Verfügbarkeit,
steht dazu im Widerspruch.

Wir wollen eine Gesellschaft, in der Dynamik und Innovation Fortschritt
schaffen. Wir wollen dabei aber die Grundlagen des menschlichen Zusammenhalts bewahren und stärken. Individualität und die Chance zur
Vielfalt der Lebensentwürfe sind hohe Werte, aber sie können auch
Bindungsverluste und neue Konflikte bewirken. Unübersichtlichkeit ist die
Kehrseite von Vielfalt und gesellschaftlichem Wandel, sie verstärken den
Wunsch nach Halt und Orientierung. Wir wollen deshalb dazu beitragen,
dass Menschen sich angenommen, zugehörig und daher sicher fühlen.

Soziale Demokratie garantiert nicht nur die bürgerlichen, politischen
und kulturellen, sondern gleichermaßen die sozialen und wirtschaftlichen
Grundrechte aller Menschen. Sie sichert die gleichberechtigte soziale
Teilhabe aller durch gesellschaftliche Demokratisierung, vor allem
Mitbestimmung, durch den auf Bürgerrechte gestützten vorsorgenden
Sozialstaat und durch eine koordinierte Marktwirtschaft, in der der
Vorrang der Demokratie vor den Märkten gewährleistet ist.