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Serpil Midyatli,
22.04.2020

Corona-KriseFamilien brauchen kreative Lösungen – Kinder brauchen andere Kinder!

Foto: Serpil Midyatli
Werner Schüring

Serpil Midyatli plädiert für eine vorsichtige, schrittweise Wiederöffnung der Kitas. Es gehe dabei um das Wohl von Eltern und Kindern. „Denn Familien sind systemrelevant – immer!“, so die SPD-Vize. Ein Namensbeitrag.

Seit in der vergangenen Woche die ersten vorsichtigen Lockerungen des Lockdowns beschlossen wurden, haben Schülerinnen und Schüler – und auch ihre Eltern – endlich eine Perspektive, wann wieder vorsichtige Schritte in einen (sicherlich neuen) Alltag zu erwarten sind – natürlich immer abhängig vom Infektionsgeschehen.

Diese Perspektive fehlt Eltern von Kitakindern: Vorläufig ist noch keine Wiederöffnung der Kitas vor den Sommerferien in Sicht – an einem Konzept arbeiten gerade die Länder zusammen mit dem Bundesfamilienministerium.

Ich kann Eltern gut verstehen, die das verzweifeln lässt: Eltern mit Jobs in so genannten „nicht systemrelevanten“ Berufen wissen derzeit nicht, wie sie es über Wochen und Monate schaffen sollen, in Vollzeit oder vollzeitnah zu arbeiten (egal ob im Homeoffice oder am Arbeitsplatz) und gleichzeitig „nebenbei“ ihre Kinder zu Hause zu betreuen, zu ernähren, zu bilden, ihnen die Freunde zu ersetzen, und vor allem: ihre Laune hoch zu halten. Das betrifft insbesondere die Eltern von Kita-Kindern. Hinzu kommen finanzielle Sorgen und Existenzängste, die viele Familien belasten.

Kitas sind die zentrale Voraussetzung

Sagen wir es deutlich: Die zentrale Voraussetzung für Eltern, in ihrem Beruf arbeiten zu können, sind die Kitas! Sie (und damit die Erzieherinnen und Erzieher) übernehmen die wichtigen Bildungs- und Versorgungsaufgabe, und bieten allen kleinen Kindern ein stabiles Umfeld für erste außerfamiliäre Sozialbeziehungen, Freundschaften zu anderen Kindern, Raum für körperliche Aktivität, konstante Bezugspersonen. Kitas sind Bildungsorte, damit alle Kleinen die besten Chancen bekommen, gut ins Leben zu starten und das soziale Miteinander zu lernen, denn Kitas bilden den Querschnitt der Gesellschaft ab. „Kein Kind zurücklassen“ gilt gerade hier.

Ich selbst bin in einem riesigen Wohnblock im Kieler Stadtteil Mettenhof aufgewachsen. Deshalb weiß ich, wie wichtig Spielgeräte und Außenanlagen sind. Auch die sind aktuell gesperrt. Denn nicht jeder kann seinen Kindern einen Garten bieten. Auch dafür wäre es wichtig, dass die Kinder wieder in Gruppen in die Kitas und nach draußen können.

Kinder und Eltern brauchen Perspektive

Kitas sind außerdem schon lange Familienzentren, die großartige Bildungsarbeit leisten – von Logopädie, Ergotherapie, Sprachförderung bis Inklusion. Die Erzieher*innen sind frühkindliche Bildungsexpert*innen, die die Bedürfnisse der Kinder im Blick haben. Ihre Gesundheit in dieser Situation bestmöglich zu schützen ist selbstverständlich.

Andere Möglichkeiten zur Betreuung gibt es derzeit nicht: Unterstützungsnetzwerke durch Großeltern, Freunde, Babysitter sind gerade alle dem physical distancing zum Opfer gefallen. Wie soll es also gehen? Der Druck auf Familien ist hoch – sie warten auf staatliche Lösungsvorschläge – auf einen Plan. Übrigens nicht nur die Eltern:

Es geht um das Wohl der Kinder

Fast keiner der Expertenratschläge der letzten Wochen, in welcher Reihenfolge welche vorsichtigen Öffnungen vorgenommen werden können, thematisiert die Situation der Kinder. Wie wirkt sich die Lage auf Kinder aus – wochenlang rund um die Uhr mit den Eltern allein, ohne die Möglichkeit, Freunde zu treffen, mit Gleichaltrigen zu spielen oder bei Familienfrust Abstand zu suchen? Was bedeutet es auch für die Psyche von jungen Kindern, deren Persönlichkeit sich gerade erst entwickelt, die Außenwelt, also auch Freunde oder die Großeltern, als latent bedroht oder bedrohlich zu erleben? Es darf nicht passieren, dass Kinder monatelang sozial isoliert werden! Kinder haben Rechte – neben dem Recht auf Bildung auch auf Spiel und Gleichheit. Im schlimmsten Fall wird uns noch Jahre beschäftigten was in diesen Wochen gesellschaftlich kaputt geht.

Die SPD stellt das Wohlergehen der Kinder in den Mittelpunkt ihrer Politik. Deshalb beginnt diese Woche die Arbeit unserer der SPD-Kommission „Was braucht ein Kind zum guten Aufwachsen?“, die sich nun zuallererst damit auseinandersetzen wird, wie wir die Situation in dieser schwierigen Zeit verbessern können. Neben den monetären Fragen wird es hier besonders um die Bildungs- und Teilhabeinfrastruktur gehen, die dafür nötig ist.

Ein Blick in andere Länder

Andere Länder machen vor, wie man die Kinderinteressen in den Mittelpunkt stellt: Die Schweiz beispielsweise hat sich gegen eine generelle Schließung der Kitas entschieden und argumentiert hier mit Bezug auf das Kindswohl. Dänemark öffnet nach dem Lockdown jetzt vor allem anderen zuerst wieder die Kitas. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, auch in Deutschland den Familien die angemessene Wertschätzung entgegenzubringen. Wir müssen jetzt kreative Lösungen finden, die mit dem aktuellen Infektionsgeschehen kompatibel sind. Klar ist: Sicherheit vor einer Covid19-Erkranung wird es erst mit einem Impfstoff geben – das kann noch sehr lange dauern. Alle Versuche jetzt sind somit ein tastendes Abwägen.

Kreative Lösungen sind gefragt

Klar ist, dass es bei Notfallbetreuung jetzt so schnell wie möglich eine Ausweitung auf Alleinerziehende und Kinder mit besonderem Bedarf dringend geben muss – das hat Familienministerin Franziska Giffey ja bereits mit den Familienminister*innen der Länder vereinbart. Neben den Anstrengungen hier halte ich es für entscheidend, die Kompetenz der Kitas zu nutzen und ihnen zu ermöglichen, selbst kreative Lösungen im epidemiologiekonform abgesteckten Rahmen von festen Kleingruppen (bislang 5 Kinder) zu finden: Es gibt in jeder Kita, bei jedem Träger viele Ressourcen, die jetzt eingesetzt werden könnten, wenn die Finanzierung gesichert ist – dafür brauchen wir ein umfangreiches Sofortprogramm Kita. Nur ein Beispiel: Musikpädagog*innen und Theaterpädagog*innen, denen derzeit die Aufträge fehlen, könnten tageweise im Wechsel mit den Erzieher*innen Angebote für die Kleingruppen machen.

Wichtig ist zuerst die Abfrage des tatsächlichen Bedarfs – gar nicht alle Eltern wollen ihre Kinder gerade in die Kita geben. Für viele Familien wäre auch schicht- oder tageweiser Kita-Besuch und eine dort stattfindende Mahlzeit eine große Entlastung – und für die Kinder das Stück Alltag mit Gleichaltrigen, das sie derzeit schmerzlich vermissen.

Jetzt sind wir alle gefragt!

Wenn Kitas nicht für alle Interessierten genügend Platz organisieren können, muss auch darüber nachgedacht werden, privat organisierte feste Kinderkleingruppen abwechselnd bei den Eltern zu Hause wieder zu erlauben – analog zu den Gruppen in der Kita. Ihnen könnte man zur Erleichterung exklusive Zeit auf einem Umgebungsspielplatz einräumen, bis die Spielplätze wieder für alle geöffnet werden – es gibt so viele gute Ideen, die derzeit in Elternforen, sozialen Netzwerken oder auch Parteigliederungen diskutiert werden. Jetzt sind wir alle gefragt!

Neben all diesen Ideen für die Kita-Wiederöffnung muss klar sein: In der Zeit, in der die Kinderbetreuung an die Kernfamilie zurückdelegiert wird, ist es notwendig, dass der Staat hier Arbeit und Einkommen absichernd unterstützt. Eine Idee dazu ist der Rechtsanspruch auf befristete Arbeitszeitreduzierung mit entsprechendem Kündigungsschutz und Einkommensersatz ähnlich zu Elternzeit/Elterngeld, bis die Kita schrittweise wieder im Normalbetrieb angekommen ist.

Denn Familien sind systemrelevant – immer!