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21.07.2016

Überlebende von Utøya Das Leben nach dem Massaker

Foto: Eirin Kristin Kjær
Katarina G. Johnsen

Es sind Kinder und Jugendliche, die vor fünf Jahren auf der idyllischen Insel Utøya einen unglaublichen Massenmord erlebt haben. Eirin Kristin Kjær (24) ist eine von ihnen. Die Überlebende erzählte uns ihre Geschichte.

SPD.de: Wie haben Sie die schrecklichen Ereignisse vom 22. Juli 2011 in Erinnerung?
Eirin Kristin Kjær: Ich erinnere mich an den Tag sehr genau. Es regnete sehr stark, wir hatten Fußball gespielt und politische Workshops besucht. Ich ging gegen 14.30 Uhr in mein Zelt um zu schlafen, weil ich so müde war. Gegen 16.30 Uhr wachte ich durch Lautsprecheransagen auf, die mitteilten, wir mögen alle in das Hauptgebäude kommen. Bei der Versammlung wurden wir über das Bombenattentat in Oslo unterrichtet - ich war schockiert.

Alle Jugendlichen meiner Gruppe versammelten sich in unserem Teil des Lagers um uns untereinander zu trösten, etwas zu essen und um unsere Eltern oder Menschen, die wir in Oslo kannten, anzurufen. Wir sprachen darüber, dass Utøya in dieser Situation der sicherste Ort wäre, an dem man sein könne.

Nach einer Weile wollte ich ins Café-Haus gehen, um ein bisschen trocken zu werden und mich zu erholen. Auf dem Weg zum Haupthaus hörte ich die ersten Schüsse. Ich wusste sofort, dass es Schüsse sind und lief in ein Zelt um mich zu verstecken.

Dann dachte ich, es wäre das Beste bei den anderen zu bleiben und rannte zum Campabschnitt meines Verbands Troms zurück. Als ich dort ankam sahen Leute andere Menschen, auf die aus dem Haupthaus geschossen wurde. Sie schrien „Lauft“. Wir rannten durch das Lager und ich stolperte fast über ein Zelt.

Als wir in den Wald laufen wollten, begann er auf uns zu schießen. Ein Schuss streifte meinen Pullover an meinem rechten Arm - aber ich war nicht verletzt. Viele andere wurden angeschossen und wir halfen einander. Wir wollten uns verstecken, also flohen wir zu einem Steilhang am Wasser. Mädchen und Verletzte sollten zuerst hinunterklettern. Wir versteckten uns unter einigen Felsplatten, die aus dem Hang ragten. Wir waren vielleicht fünfzig Leute als er dort ankam, uns anstarrte und begann auf uns zu schießen. Ich wurde in den Magen, in das rechte Knie und den Oberschenkel, im rechten Ellbogen/Arm und in die rechte Schulter/Achsel getroffen.

Ich landete unten am Wasser und saß dort mehr als zwei Stunden, bevor jemand kam, um uns zu retten. Es war die Polizei, die mit Booten zu uns kam. Dann wurde ich mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren und am nächsten Tag per Hubschrauber in ein größeres Krankenhaus überführt.

Wer hat Ihnen danach geholfen?

Ich bin mehr als vier Jahre lang zu einem Psychologen gegangen. Außerdem benötigte ich viel Training um meinen Körper wieder so fit zu bekommen, dass ich wieder normal arbeiten konnte - schließlich lag ich über einen Monat im Krankenhaus. Außerdem habe ich viel Hilfe bei anderen Freunden gefunden, die an diesem Tag auch auf der Insel waren. Wir haben uns zwei Jahre lang zwei bis drei Mal pro Monat in Runden getroffen. Das war wirklich hilfreich.

Foto: Wir gedenken der Opfer von Utoya

Blick nach Utøya: Auf der Insel tötete ein Rechtsradikaler 69 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Sommerlagers

Wie hat sich dein Leben verändert?
Mein Leben hat sich in vielerlei Hinsicht verändert. Vor allem muss jetzt mit einem Körper leben, den ich so nicht kannte und der mich immer daran erinnert, was an jenem Tag passiert ist. Zunächst konnte ich einige Sachen nicht machen, die ich vorher konnte. Zweitens wurde meine Ausbildung um etwa ein Jahr verzögert. Ich bin immer noch in der Politik engagiert - aber die Bedeutung meines Engagements hat sich verändert. Es ist jetzt noch wichtiger, gegen all das anzukämpfen, weshalb wir an diesem Tag angegriffen wurden.

Wie geht es Ihnen heute?
Heute - fünf Jahre später - bin ich in Ordnung. Ich studiere zwei unterschiedliche Studiengänge: Biologie und Physik sowie Mathematik. Ich bin immer noch in der Politik und ich ein Mitglied im Rat meiner Gemeinde. Im Februar wurde ich in unserem Bezirk zur Vorsitzenden unserer Jugendarbeiterpartei gewählt.

Nach dem Attentat, sagte der norwegische Ministerpräsident: „Unsere Antwort ist. Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ War das in Ihrem Sinn?

Ich denke nicht, dass wir irgend etwas aus den Anschlägen in 2011 gelernt haben. Nach der Flüchtlingskrise im letzten Jahr haben wir einige sehr schlechte Beispiele gesehen, wie ein vielfältige Gemeinschaft vielen Menschen Angst macht. Es ist traurig, die Debatte in den sozialen Medien zu verfolgen. Ich glaube nicht, dass Norwegen nach den Attentaten ein offeneres Land geworden ist - leider.

Die Anschläge von Oslo und Utøya

Ein rechtsradikaler Norweger tötete bei einem Bombenanschlag in Oslo und einem Massaker auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 insgesamt 77 Menschen. Die meisten Opfer waren Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren, die auf Utøya an einem Sommerlager der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei teilnahmen. Breivik schoss auch noch auf sie, als sie am Boden lagen oder durch das Wasser zu fliehen versuchten.

Zuvor hatte Breivik im etwa 40 Kilometer entfernten Oslo eine Autobombe gezündet. Sie sollte die Polizei ablenken. Acht Menschen starben dort. Die Explosion verwandelte Teile des Regierungsviertels in eine Trümmerlandschaft. Breivik wurde 2012 zur Höchststrafe von 21 Jahren Haft und Sicherungsverwahrung verurteilt.

Erheben Sie Ihre Stimme für Vernunft

Die Anschläge des rechtsradikalen Norwegers in 2011 zeigen, wohin Radikalisierung, Ausgrenzung und Hetze führen können. Deutschland darf nicht weiter gespalten werden. Unser Land braucht wieder mehr Zusammenhalt, nicht Hass und Gewalt. Erheben Sie Ihre Stimme für Vernunft!

Meine Stimme für Vernunft