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Aktuelles

Hans-Jochen Vogel als junger Soldat
privat

Hans-Jochen Vogel erlebte als Unteroffizier in Kriegsgefangenschaft in Italien das Kriegsende

07.05.2020 | 8. Mai 1945: Kriegsende in Europa

Hans-Jochen Vogel erinnert sich

Deutschland liegt in Trümmern, Hitler ist tot, der sinnlose Krieg zu Ende. Ein Krieg, in dem Deutschland den Völkern in den eroberten und besetzten Gebieten ein unermessliches Leid zugefügt hatte. Hans-Jochen Vogel, ein Urgestein der Sozialdemokratie, hatte das Kriegsende mit 19 Jahren als Reserveoffiziersbewerber in amerikanischer Gefangenschaft in Italien erlebt. Er erinnert sich:

„Es war ein Tag, wo man einerseits aufatmete, dass das Morden und Töten ein Ende hatte; auch die Luftangriffe. Und wo man aber andererseits auch doch Verzweiflung verspürte und vor allen Dingen einen ganz düsteren Blick in die Zukunft warf“, erinnert sich Vogel. Jetzt das Video aus dem Jahr 2010 anschauen!

60 Millionen Menschen verloren ihr Leben


Am 8. Mai tritt die deutsche Kapitulation in Kraft. Damit endete in Europa ein von Deutschland begonnener Krieg, in dessen Verlauf Länder wie Polen, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Bulgarien, die Sowjetunion, Dänemark, Norwegen, Albanien, Jugoslawien, Italien und Griechenland besetzt wurden. Rund 60 Millionen Menschen verloren ihr Leben – darunter sechs Millionen von Nazi-Deutschland ermordete Jüdinnen und Juden.

Am 8. Mai hörten seine Kameraden und er im amerikanischen Gefangenenlager bei Pisa zunächst nur gerüchteweise von der Kapitulation. „Ich habe die Meldung aus ‚The Stars and Stripes‘, das ist die amerikanische Soldatenzeitung, weil ich etwas Englisch konnte, übersetzt. Und dann an einer Holztafel einen Tag später am 9. Mai befestigt.“

Die Dimension der deutschen Verbrechen war Vogel zu diesem Zeitpunkt noch unklar gewesen. Als ihm nach Kriegsende das ganze Ausmaß der Zerstörung und der Verbrechen bekannt wurde, wusste er, dass dies ohne starkes gesellschaftliches Engagement nicht überwunden werden konnte.

Appell für Europa – gegen Politikverdrossenheit

Leidenschaftlich appelliert der frühere SPD-Parteivorsitzende für die europäische Einigung – und gegen Politikverdrossenheit: „Wenn uns, Herrschaften, im Gefangenenlager, – wir waren etwa 20.000 – am 8. Mai einer gesagt hätte: Ich verstehe ja eure Aufregung, aber seid nicht verzweifelt.“ Dann zählt der Sozialdemokrat auf: In vier Jahren werde man ein Grundgesetz haben mit einer Werteordnung, die eine Antwort auf die NS-Ideologie enthält. „Ein Grundgesetz, dass sich bewähren wird, wie keine andere deutsche Verfassung.“

In zehn Jahren seien die deutschen Städte im Wesentlichen wiederaufgebaut. 12 bis 15 Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge seien integriert, „ohne, dass es zu großen Eruptionen kommt“. Deutschland werde wirtschaftlich wieder den Weg nach oben nehmen. „Ihr werdet wieder in der Völkergemeinschaft euren Platz finden trotz all der furchtbaren Verbrechen, die euch heute am 8. Mai so wahrscheinlich noch gar nicht richtig bewusst sind.“

Mit Willy Brandt werde ein deutscher Kanzler 1971 den Friedensnobelpreis bekommen. 27 Jahre nach Kriegsende werde in München die Jugend der Welt bei Olympischen Spielen zu Gast sein. „Und die deutsche Einheit wird zustande kommen - ohne einen Tropfen Blutvergießen. Ohne einen Schuss.“ Vogel ist sich sicher: „Wir hätten gesagt: ‚Der ist irrsinnig, der spinnt! Der muss sofort in ärztliche Behandlung.‘“

Das alles sei nicht gegen den „wütenden Widerstand der Parteien“ ins Werk gesetzt worden, sondern durch politisches Engagement, so Vogel. „Wir Sozialdemokraten dürfen auf unseren Anteil an dieser Entwicklung durchaus stolz sein.“

Frieden in Europa ist nicht selbstverständlich


Vogel gehört zu einer Generation, für die Frieden und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind. Die Brutalität des Zweiten Weltkriegs musste er am eigenen Leib erfahren. Jahrzehntelanger Frieden in Europa sei „nicht selbstverständlich. Krieg war selbstverständlich in Europa! Heute Frieden.“ Daraus lasse sich Kraft und Zuversicht schöpfen, auch die neuen Herausforderungen bewältigen zu können.