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05.03.2020

Podkästchen-Mini-Serie zum Frauentag - Teil 2/4 Warum sind 80 Prozent unserer bezahlten Pflegekräfte weiblich, Clarissa Schiffel?

Anna: Was ist Care-Arbeit? Es gibt ja unbezahlte und bezahlte Care-Arbeit, was ist der Unterschied?

Clarissa: Care-Arbeit ist ein sehr weit gefasster Begriff. Sie umfasst Hausarbeit, Pflege von Angehörigen und auch Pflege von Tieren. Im Gegensatz dazu haben wir die sogenannte bezahlte Care-Arbeit, oder auch professionelle Pflege genannt. Das ist die Pflege durch professionell ausgebildete Pflegekräfte in Altenpflegeheimen, durch Ambulante Pflegedienste oder in Krankenhäusern.

Anna: Wie ist das mit dem Verhältnis von Männern und Frauen in der bezahlten Care-Arbeit?

Clarissa: Das unterscheidet sich ganz stark, zwischen Altenpflege, Krankenpflege und Kinderkrankenpflege. In der Krankenpflege beträgt der Frauenanteil 80%. In der Alten- und Kinderkrankenpflege ist er noch höher.

Anna: Warum ist das so?

Clarissa: Das hat historische Ursachen. Bevor Bismarck die Sozialgesetze eingeführt hat, wurde auch schon zu Hause Pflege betrieben, im Mittelalter zum Beispiel. Da gab es in den Klöstern ja schon eine Unterscheidung zwischen Nonnen- und Mönchsklöstern. Da waren die Mönchklöster für medizinische und Nonnenklöster für die pflegerische Versorgung zuständig. Das ist also schon seit langem so und es hat sich dadurch eine Typisierung gebildet, dass Frauen pflegen können. Irgendwann durften Frauen unter der Hand der Kirche Geld verlangen. Auch als der Staat die Aufgabe an sich genommen hat, hat sich diese nicht geändert. Dasselbe sieht man bei den Erziehern, wo der Frauenanteil noch höher ist, als in der Pflege. In der Pflege gibt es nämlich auch ein paar technische Bereiche, die man bei der Erziehung von Kindern eben nicht hat.

Anna: Aus der heutigen Sicht, wieso ist der Beruf für Männer nicht attraktiv genug, sodass sich das Verhältnis angleicht? Liegt das auch an der Bezahlung?

Clarissa: Es liegt bestimmt auch an den Gehältern. Der Plan ist jetzt ein 15€ Stundenlohn für Pflegekräfte. Das ist.. Ich nenne es mal einen guten Anfang. Wenn ich mir den Bergbau anschaue, wo der Stundenlohn 20€ beträgt, ist das ein riesiger Unterschied. Man hat in der Pflege eine extreme psychische und physische Belastung. Man hat große Herausforderungen und macht das, was man macht, immer für andere Menschen. Die Arbeit mit anderen Menschen ist immer sehr herausfordernd, wird aber nicht so gut entlohnt wie die Arbeit mit Maschinen. Ich glaube aber nicht, dass das der große Teil ist. Es findet immer noch, glaube ich, eine Stereotypisierung statt. Viele Menschen wissen einfach nicht, was Pflege eigentlich ist. Es ist nicht nur Betten beziehen oder Menschen auf der Toilette helfen. Man braucht viel technisches Wissen um Geräte zu bedienen, oder man führt Beratungen für Angehörige durch. Das machen Ärzte zwar auch, aber den Großteil übernehmen Pflegende. Das Wissen ist nicht ausreichend in die Bevölkerung vorgedrungen.

Anna: Wie bekommen wir das hin, dass das für Männer attraktiver wird? Hast du da Ideen?

Clarissa: Ja, ich habe Ideen. In der Schweiz arbeitet man in einigen Kliniken mit Gleitzeit, sodass eine bessere Zeiteinteilung möglich ist. Dadurch würden auch viele Frauen in der Pflege aus der Teilzeit zurückkommen. 60% der pflegenden Frauen arbeiten Teilzeit, weil sie meist immer noch die Kinderbetreuung übernehmen müssen. Die Kita orientiert sich nicht daran, ob man gerade Nachtschicht hat, oder nicht.

Anna: Ist es praktisch in der Pflege in Teilzeit zu arbeiten? Ich stelle mir das schwierig vor!

Clarissa: Es ist machbar. Darum geht es in dem Moment nur noch. Die Menschen, die aktuell in der Pflege arbeiten, die machen es nicht wegen des Geldes. Die machen es, weil sie Menschen helfen wollen. Sie hätten den Pflegeberuf erst gar nicht erlernt, wenn es um Gehalt ginge. Jeder der anfängt weiß, dass es kein gutes Gehalt werden wird und dass man nicht lange in Vollzeit arbeiten kann. Ich denke, dass es ganz viel um Aufklärung geht und nicht Arztserien produzieren, wo die Pflegerin nur dasitzt und sich die Nägel lackiert. Ich habe nichts gegen lackierte Nägel, aber im Krankenhaus verstoßen sie gegen die Hygiene-Standards. Es hat heute niemand Zeit rumzusitzen, weil jeder nur noch rennt. Wenn man an die Schulen geht und denen zeigt, dass Pflege auch ein Beruf für sie ist, wäre das gut.

Anna: Was war deine Motivation in die Pflege zu gehen?

Clarissa: Das ganz typische Helfersyndrom. Ich wusste genau, dass es auch Geld gibt. Ich wollte was mit Kindern machen, aber keine Erziehung. Medizin studieren, wäre an meinem Abiturschnitt gescheitert. Also habe ich mich für Kinderkrankenpflege entschieden. Der Bereich ist sehr schön, ich kann ihm nur jedem ans Herz legen und ich habe auch schon tolle Männer da kennengelernt und auch Frauen, die mit Herzblut in diesem Beruf stecken. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen den Beruf ausüben, kann aber auch verstehen, durch das Bild, welches es momentan gibt, wieso kaum einer das tut.

Anna: Danke Clarissa.

Clarissa: Gerne.

Das Gespräch zum Nachhören: