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Foto: Inge Deutschkron, 2018
dpa

„Wehr Dich!“ Der Appell ihrer Mutter im Jahr 1933 wurde für Inge Deutschkron zum Satz ihres Lebens.

09.03.2022 | Mahnerin wider das Vergessen

Wir trauern um Inge Deutschkron

Ihre dramatische Überlebensgeschichte erzählte sie in ihrer Autobiografie „Ich trug den gelben Stern“. Jetzt ist die Holocaust-Zeitzeugin, Sozialdemokratin und Autorin Inge Deutschkron gestorben.

Heimlich steckten ihr manche Berlinerinnen und Berliner Lebensmittelmarken zu. Oder sie ließen unauffällig ein Stück Brot, einen Apfel in die Manteltasche der jungen Frau gleiten. Einige Mutige blinzelten ihrer mit dem Judenstern gebrandmarkten Mitbürgerin auf der Straße als Zeichen der Solidarität zu. „Die Mehrheit aber blickte mit ausdruckslosen Augen auf uns“, erzählte die Holocaust-Überlebende und Autorin Inge Deutschkron einmal.

Am Tag, als sie den gelben Judenstern abnahm, begann ihr Leben auf der Flucht. Versteckt überlebten Deutschkron und ihre Mutter die Terrorherrschaft der Nazis. Als wache Mahnerin wider das Vergessen erzählte sie viele Jahrzehnte lang jungen Menschen ihre Lebensgeschichte. Ihre dramatische Autobiografie „Ich trug den gelben Stern“, 1978 erschienen, machte sie berühmt. Am Mittwoch ist Deutschkron nun in Berlin im Alter von 99 Jahren gestorben, wie die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa und die Inge Deutschkron Stiftung unter Berufung auf ihr persönliches Umfeld bestätigten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte ihren Einsatz dafür, dass „wir die richtigen Lehren aus den Verbrechen während des Nationalsozialismus ziehen“. Er schrieb nach einer Mitteilung: „Trotz allem, was ihr von Deutschen angetan wurde, hat Inge Deutschkron sich nicht von Deutschland abgewandt.“

„Autorität der Menschlichkeit und der Erinnerung“

„Mit Inge Deutschkron haben wir eine bedeutende jüdische Zeitzeugin des nationalsozialistischen Terrors in unserer Stadt verloren“, so der Präsident des Abgeordnetenhauses, Dennis Buchner. „Die Berliner Ehrenbürgerin brachte immer wieder die Kraft auf, ihre Geschichte zu erzählen und uns mit dieser wachzurütteln.“ „Inge Deutschkron hinterlässt uns als ihr Vermächtnis die historische, gesellschaftliche und politische Pflicht, niemals zu vergessen, was ihr, ihrer Familie und Millionen europäischer Jüdinnen und Juden angetan wurde“, erklärte Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey. Das Internationale Auschwitz Komitee würdigte die Autorin als eine „Autorität der Menschlichkeit und der Erinnerung“.

„Uns allen wird Inge Deutschkron sehr fehlen“, hieß es auch auf der Internetseite der Inge Deutschkron Stiftung. „Voll von Ideen, immer kämpferisch gegen jede Form von gesellschaftspolitischer Ungerechtigkeit war sie für ihre Freunde eine stete Quelle des Antriebes“, hieß es in einem Statement des stellvertretenden Vorsitzenden André Schmitz.

Von den Begegnungen mit jungen Menschen hatte sich Deutschkron oft beeindruckt gezeigt. „Das ist eine Generation, die wissen will.“ Versuchen, die schrecklichen Geschehnisse zu erklären, damit sich die Geschichte nicht wiederholt - darin verstand Deutschkron ihre Aufgabe.

An ihrem Geburtstag feierte Deutschkron jedes Jahr ihr Überleben. „Ich sage immer, das ist der Tag meines Triumphes. Ich lebe, und die Banditen, die mich töten wollten, nicht“, so Deutschkron. Tausende jüdische Berlinerinnen und Berliner wurden von den Nazis in die Vernichtungslager deportiert und getötet. In einem Versteck habe sie vom Fenster aus beobachtet, wie die Menschen von der Gestapo aus den Häusern herausgeholt wurden und auf Wagen steigen mussten. „Das war furchtbar. Das Schuldgefühl verlässt einen nie. Da denkt man, wie konntest du die anderen gehen lassen und du hast versucht, dich zu verstecken.“

„Wir weinten tagelang“

Am 23. August 1922 in Finsterwalde geboren, wuchs Deutschkron seit 1927 in Berlin auf. Als es nach der Machtübernahme der Nazis 1933 immer schwieriger für Jüdinnen und Juden wurde, Arbeit zu bekommen, fand Inge 1941 in der Blindenwerkstatt von Otto Weidt mit gefälschten Papieren eine Anstellung. „Weidt hasste die Nazis und tat alles, um seinen jüdischen Arbeitern zu helfen. Wir alle verehrten ihn und nannten ihn Papa.“

Ende 1942 wurden die letzten Mitglieder ihrer Familie in die Konzentrationslager der Nazis deportiert. Einzig Vater Martin Deutschkron hatte nach England auswandern können. Mutter und Tochter gelang die Ausreise nicht mehr, sie mussten untertauchen. 1943 kam dann das Angebot der Arbeiterfamilie Gumz: „Frau Deutschkron, Sie nehmen den Stern ab und kommen mit Inge zu uns. Wir verstecken Sie“, habe Frau Gumz gesagt. Es ist der Beginn einer Odyssee von Versteck zu Versteck - darunter ein ehemaliger Ziegenstall und ein Bootshaus an der Havel.

Nach Jahren auf der Flucht und in Verstecken, nach der Nachricht von der brutalen Ermordung so vieler jüdischer Verwandter und Freunde brach die damals 22-jährige junge Frau bei Kriegsende zusammen. „Freuen konnte ich mich nicht mehr“, schrieb Deutschkron in ihrer Autobiografie. „Wir weinten tagelang.“

„Zerrissenes Leben“

1946 holte Vater Deutschkron Frau und Tochter zu sich nach England. Inge studierte Fremdsprachen und arbeitete im Büro der Sozialistischen Internationale in London. Ende der 50er Jahre wurde sie Deutschland-Korrespondentin der israelischen Zeitung „Maariv“ in Bonn. 1972 zog Deutschkron nach Tel Aviv und arbeitete bis 1987 in der „Maariv“-Redaktion. Lange Jahre pendelte die Autorin zwischen Tel Aviv und Berlin. Seit 2001 lebte sie wieder in ihrer deutschen Heimatstadt. 2013 hielt sie im Bundestag beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eine bewegende Rede. „Zerrissenes Leben“, so überschrieb sie ihren Vortrag.

Kämpferin gegen das Vergessen

Auch der Bundespräsident erinnerte speziell an dieses Ereignis: Ihre Rede „hat mich und viele andere Menschen tief berührt“, schrieb er. „Inge Deutschkron hat sich um unser Land, um ihr Land verdient gemacht. Wir werden sie niemals vergessen.“

Ungeachtet ihres Alters besuchte Deutschkron als Zeitzeugin unzählige Schulen und ermöglichte Begegnungen zwischen Holocaust-Überlebenden und Berliner Schülerinnen und Schülern. Zudem gründete sie den Förderverein „Blindes Vertrauen“ und rief im Rahmen ihrer Stiftung zu Courage auf.

„Ihre Fähigkeit und ihr Wille, immer wieder ihre Geschichte und die Geschichte der Verfolgung so vieler jüdischer Menschen in der Nazizeit zu erzählen und an die zu erinnern, die diesen Menschen in ihrer Not geholfen hatten, beeindruckte Generationen von jungen Menschen zutiefst“, betonte Christoph Heubner, Exekutiv Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees.

„Vergesst nie, was war!“

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas würdigte die bleibenden Verdienste der Verstorbenen um die Erinnerungskultur in Deutschland. „Mit Inge Deutschkron verlieren wir eine beeindruckende Persönlichkeit und Zeitzeugin, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Erinnerung an den Holocaust in Deutschland wachzuhalten“, sagte Bas. Dabei habe Deutschkron eine klare Botschaft vertreten: „Vergesst nie, was war!“

Inge Deutschkron Stiftung

Die Inge Deutschkron Stiftung will erhalten, wofür Inge Deutschkron steht und wofür sie ihr Leben lang gekämpft hat.