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19.10.2015

Rede von Prof. Ágnes Heller anlässlich der Verleihung des 4. Internationalen Willy-Brandt-Preises

Ich empfinde es als eine große Ehre, dass sie mich im Jahr 2015 mit dem Internationalen Willy-Brandt-Preis auszeichnen.

Dieser Preis hat eine besondere Bedeutung für mich. Willy Brandts Einsetzung ins Amt des Bundeskanzlers von Deutschland war für mich, wie auch für alle anderen im Leben gebliebene Opfer des Nazismus, das Zeichen, dass Deutschland unwiderruflich mit dieser Vergangenheit gebrochen hat, um zu der großen Tradition der deutschen Sozialdemokratie zurückzukehren. Willy Brandts Courage im Krieg gegen seine durch Nazis fehlgeleitete Heimat zu kämpfen, war in unseren Augen das beste Zeichen von Patriotismus, der wahren Liebe zum Vaterland. Die Ideen der Freiheit und Gleichheit, der Praxis der sozialen Verantwortlichkeit ohne Paternalismus, die seine Regierung kennzeichneten, gelten heute wie damals als Richtschnur demokratischer Politik.

Ich habe diese Auszeichnung als Philosophin bekommen; als eine Philosophin, die sich mehrmals für die Freiheit gegen Unterdrückung und Tyrannei einsetzte. Ich war nicht allein gewesen. Auch in den Zeiten des Kádár-Regimes habe ich dem offiziellen Druck - zusammen mit Freunden - widerstanden. Wir haben zusammen gegen die sowjetische militärische Intervention in der Tschechoslowakei öffentlich protestiert und dafür mit unseren wissenschaftlichen Leben in Ungarn bezahlt. Und es ist auch nicht zufällig, dass die Kampagne der Orban-Regierung für die Einschränkung der Freiheitsrechte mit einer Kampagne gegen die Philosophen anfing.

Philosophen werden oft als weltfremde Weise dargestellt. Alle kennen Platons Anekdote über Thales, der in die Kloake fiel, weil er in den Himmel blickend nicht bemerkte, was vor seinen Füssen lag. Diese Anekdote berichtet doch nicht über Weltfremdheit, aber über die Verschiedenheit zweier Welten: der empirischen und der transzendentalen Welt. In der ersten Welt gilt die bloße Meinung, das ungeprüfte Wissen, die Vorurteile. In der anderen Welt gilt das geprüfte Wissen, die Reflexion, das autonome Denken. An die erste Welt passt man sich an, dort nimmt man die Sachen wie sie eben sind, dort wiederholt man, was die anderen, besonders die Obrigkeiten, sagen. In der zweiten Welt sagt man: „Es ist nicht wahr, was ihr als wahr annehmt; etwas anderes ist wahr. Es ist nicht gut, was ihr als das Gute anseht, etwas anderes ist wahrlich gut”. Obwohl unsere Zeit die metaphysische Philosophie, die dieses  Sprachspiel erfunden hat, hinter sich ließ, blieb dieses Sprachspiel auch in unseren Tagen gültig. Deswegen waren und sind Philosophen für die Herrschenden immer verdächtig. Deswegen wurden (verhältnismäßig zu ihrer Zahl) viele Philosophen hingerichtet und  ins Gefängnis gesperrt. Deswegen waren so viele philosophische Bücher verboten oder verbannt, so dass Rousseau sagen konnte „Verbrennen ist kein Argument”. Noch mehr Philosophen verloren ihre Stellung oder starben in Emigration.

Schon der erste Philosoph, Socrates, war der Verleugnung der Götter des Staates und dem Verderben der Jugend angeklagt, wie so viele nach ihm.

In der öffentlichen Einbildung erscheinen Philosophen als alte Männer, die sich im Elfenbeinturm ihre Lebenszeit ebenfalls alte Büchern lesend vertreiben und sich um weltliche Sachen, wie z.B. die Politik überhaupt nicht kümmern. Oder sie erscheinen als gefährliche Atheisten, Heiden, die unser Leben mit ihren ständigen Fragen, Murren, Kritik schwer machen, und uns unser gutes Gewissen rauben. Das zweite Vorurteil kommt der Wahrheit näher als das erste. Philosophie ist ein literarisches Genre, dessen Ambition darin besteht, die Welt zu beschreiben, um damit sie zu verstehen und anderen verständlich zu machen. Die Gesellschaft, der Staat, gehört zu dieser Welt, so muss auch sie beschrieben werden. Doch weil die Philosophen normalerweise der empirischen Gesellschaft und Politik ihrer Zeit feindlich oder mindestens kritisch gegenüberstehen, sehen sie es nicht als ihre Aufgabe an, die realen politischen Verhältnisse ihrer Zeit zu beschreiben, sondern eher das Modell eines perfekten  Staates zu erdichten, eines Staates, der nicht durch Gegensätze und gesellschaftliche Konflikte zugrunde geht. Weil sie glauben, das Wissen vom Schlüssel zum perfekten Staat im Besitz zu haben, beraten sie gerne Könige, Tyrannen, um sie von der rechten, wahren  Politik zu überzeugen, ,,sie zum Weg der Wahrheit“ zu führen. Man kann diese Geschichte schon bei Platon beginnen, der den sizilianischen Tyrannen für die Einrichtung seines idealen Staates gewinnen wollte, bis er am Ende angeblich als Sklave behandelt und verkauft war. Wir können dieser Ambition bis zum heutigen Tage folgen. In der Zeit der Aufklärung beriet Voltaire Friedrich, den deutschen König, Diderot  besuchte mit ähnlichen Zielen, nämlich sie für die Ideen der Aufklärung zu gewinnen, die Zarin Katharina. In unseren Zeiten glaubte Sartre, dass er Chruschtschow und Fidel Castro in politischen Fragen wirklich überzeugen kann. Politische Philosophie oder mindestens Philosophie mit politischer Absicht verbündete einige große Denker manchmal mit den gefährlichsten politischen Regimen, mit totalitären Diktaturen oder Fundamentalismen.

Es gab aber auch eine andere Linie in der Geschichte des politischen Engagements der Philosophen. Ich spreche über solche, die als Staatsbürger oder potentielle Staatsbürger, sich auf der öffentlichen Tribüne für Freiheit, Republikanismus und Demokratie einsetzten. Ich vermute, dass Spinoza  in seinem politischen Traktat der erste unter den republikanischen Philosophen gewesen war, doch Kant war unter ihnen der bedeutendste. Seine politische Publizistik  gilt als Modell für alle republikanisch denkenden Philosophen.

Diese Philosophen verkörpern auch verschiedene Typen, oft auch ihrer nationalen Traditionen ergeben, wie Croce aus Italien, Bibó aus Ungarn, Camus aus Frankreich, Dewey aus den Vereinigten Staaten, Habermas aus Deutschland. So verschieden sie jedoch sind, keiner von ihnen wollte Tyrannen überzeugen und keiner von ihnen entwarf das Modell eines die ganze Wahrheit verkörpernden idealen Staates. Sie schreiben und sprechen für die Öffentlichkeit. Selbstverständlich wollen sie auch die Angesprochenen überzeugen, doch nicht ihre eigene Überzeugung ihnen aufzwingen. Sie denken nach, wie man die gegenwärtige Welt, ihre Welt, möglichst verbessern könnte, und sie stehen in ein dialogisches Verhältnis mit Anderen. Sie sind bereit, wie Kant es schrieb, auch vom Standpunkt der Anderen zu denken. Doch setzen sie, wenn es nötig ist, eben so viel aufs Spiel, wie träumende Utopisten oder die Gewalt idealisierenden Pseudomoralisten.

Ich habe diese feierliche Preisverleihung zum Anlass genommen, um die heutigen Philosophen und ihr Engagement im politischen Leben und Handeln kurz zu schildern. Ich habe es aber nicht zum Lob der Philosophen getan, sondern zum Lob  jener Staatsmänner und -frauen, die allen Bürger die Gelegenheit geboten haben, ihre Gedanken frei auszusprechen, an öffentlichen Diskussionen teilzunehmen und auch Nein sagen zu können, ohne Mut aufbringen zu müssen. Zum Lobe solcher Politiker, wie Willy Brandt einer war.

Wir brauchen heute keine Helden, doch  Regierende, die nicht an die schlimmsten, sondern an die besten Instinkte der Bevölkerung appellieren, die nicht als Diktatoren handeln, sondern die Mitbestimmung der Bürgerinnen und Bürger befördern, die sozial empfindlich sind statt sich an den Untertanen zu bereichern. Unter den osteuropäischen Staaten braucht besonders Ungarn einen solchen Staatslenker wie es Willy Brandt gewesen ist. Einen Staatsmann oder eine Staatsfrau, die ein neues Blatt in der Geschichte des Landes aufschlagen kann, wie es damals  Willy Brandt für Deutschland getan hat.

Ich möchte diese kurzen Zeilen wieder mit meinen herzlichen Dank schließen. Ich hoffe, in den Jahren, die von meinen Leben noch übrig sind, dieser Ehre würdig zu bleiben.