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Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans,
27.07.2020

Kondolenzschreiben Wir werden Hans-Jochen Vogel vermissen

Die SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans haben den am Sonntag gestorbenen früheren Parteivorsitzenden Hans-Jochen Vogel als „überzeugten und überzeugenden Sozialdemokraten“ gewürdigt. „Er war eine einzigartige Persönlichkeit und hat unser Land und seine SPD für immer geprägt“, schreiben die Amtsnachfolger an die Familie Vogels. Dieser war am Sonntag im Alter von 94 Jahren gestorben. Das Kondolenzschreiben im Wortlaut.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands trauert um Hans -Jochen Vogel.

Er war ein überzeugter und überzeugender Sozialdemokrat, der die SPD und unser Land in den langen Jahrzehnten seines Wirkens entscheidend geprägt hat. Er war uns immer ein zuverlässiger, selbstloser Freund und Ratgeber. Unsere Demokratie hat einen der meinungsstärksten und gestaltungskräftigsten Politiker ihrer Geschichte verloren.

Hans-Jochen Vogel wurde 1926 geboren. Er gehört zu der Generation von Politikern, deren Antrieb es nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der Shoah war, Politik im Sinne des Versprechens „Nie wieder Krieg“ zu gestalten.

Er trat 1950, ein Jahr bevor er das Studium der Rechtwissenschaften erfolgreich abgeschlossen hatte, in die SPD ein. Seitdem engagierte er sich für unser Gemeinwesen und die freiheitliche, soziale Demokratie in der jungen Bundesrepublik. Bereits 1960 bereits wurde er Münchner Oberbürgermeister, ein Amt, das er wie alle nachfolgenden Aufgaben mit der ihm eigenen Mischung aus großem Pflichtbewusstsein, Charakterstärke und genauem fachlichem Durchblick ausfüllte.

Sein Hauptanliegen, auch später als Bundespolitiker, war es immer, sehr konkret die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern. In diesem Sinne wirkte er im Kabinett Brandt als Wohnungsbauminister und als Bundesjustizminister in der Regierung von Helmut Schmidt. In Erinnerung bleiben werden besonders sein ausgleichender Einsatz für die Novellierung des Paragraphen 218 und die Verabschiedung eines modernen Strafvollzugsgesetzes.

Zusammen mit Helmut Schmidt bestand er die schwerste Prüfung seines politischen Lebens während der Zeit des RAF-Terrors Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Dem öffentlichen wie politischen Druck stand zu halten und nach reiflicher Abwägung der Erpressung der Terroristen nicht nachzugeben, war sicher die schwerste Entscheidung, die er mit dem Bundeskanzler standhaft vertrat und verantwortete.

Wir haben Hans-Jochen Vogel geschätzt als treuen Genossen, der immer dann zur Stelle war, wenn Hilfe in politisch schwieriger Situation gebraucht wurde. Das galt für seine Arbeit als Regierender Bürgermeister von Berlin 1981 und sicher auch für seine Bereitschaft als Kanzlerkandidat der SPD 1983 gegen Helmut Kohl anzutreten.

Als Nachfolger von Herbert Wehner als Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion1983 und vier Jahre später auch mit der Übernahme des Parteivorsitzes ist es ihm gelungen - nach dem Machtverlust der Partei - programmatische Perspektiven in der Opposition zu entwickeln.

Auch in dieser Doppelaufgabe verfolgte er seine politischen Ziele mit Zähigkeit, Effizienz und Durchsetzungsstärke:

Als Parteivorsitzender war ihm die Erarbeitung eines neuen Grundsatzprogramms -des Berliner Programms von 1989 - ebenso wichtig wie die Organisation der Volkspartei SPD. Das Wort „Vertrauensarbeit“ war für ihn kein hohler Anspruch, dies hat er durch Volksnähe und penible Kleinarbeit vorgelebt. Es müssen, wie er einmal sagte, „auch dünne Bretter gebohrt werden in der Politik“.

Die Frauen in der SPD verdanken vor allem seiner unbeirrbaren Willensstärke den Quotenbeschluss der Partei vom Parteitag in Münster 1988.

Eine große Freude und eine Herzensangelegenheit war ihm als erstem gesamtdeutschem SPD-Vorsitzenden die Integration der ostdeutschen Genossinnen und Genossen. Für deren Anliegen zeigte er immer großes Verständnis und genießt gerade bei ihnen bis heute besonderes Ansehen.

Hans-Jochen Vogel war auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik ein aufrechter Kämpfer gegen jede Art von rechtsextremem Gedankengut. Als Vorsitzender des Vereins „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ hat er sich unermüdlich für angemessene Aufklärung über die Zeit der Diktatur eingesetzt und gleichzeitig immer wieder zu demokratischem Engagement für unser Gemeinwesen ermuntert. Er hat immer daran geglaubt und sich gegen alle skeptische Schwarzmalerei dafür eingesetzt, unsere Welt zum Positiven zu verändern. Seine Mahnung, die Grundtugenden der sozialen Demokratie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität nicht zu Lippenbekenntnissen verkommen zu lassen, werden uns Auftrag und Verpflichtung sein.

Der Lebensweg von Hans-Jochen Vogel ist zutiefst beeindruckend: Bis ins hohe Alter hinein hat er sich eingemischt in politische Debatten. Seine fundierten Beiträge zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen waren stets getragen von seiner mitmenschlichen Verantwortung und fußten wesentlich auch auf seinem christlichen Glauben. Die Probleme des Älterwerdens ging er zusammen mit seiner Frau Liselotte in einer für viele Menschen mutmachenden Weise an. Es lag ihm viel daran, Zuversicht zu verbreiten und den letzten Lebensabschnitt in Würde und Selbstbestimmtheit zu gestalten und anzunehmen.

Wir werden Hans-Jochen Vogel vermissen und blicken mit großem Respekt und großer Dankbarkeit zurück. Er war eine einzigartige Persönlichkeit und hat unser Land und seine SPD für immer geprägt. Seinem Beispiel hoher moralischer Integrität und nimmermüdem Einsatz für das Gemeinwohl fühlen wir uns verpflichtet.

Wir sind stolz darauf, dass Hans-Jochen Vogel einer von uns war und bleibt.