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19.10.2015

Verleihung Ágnes Heller erhält Willy-Brandt-Preis

Ausgezeichnet: Preisträgerin Ágnes Heller im Willy-Brandt-Haus (Foto: Dominik Butzmann)
Dominik Butzmann

Willy-Brandt-Preisträgerin Ágnes Heller (M.), SPD-Chef Sigmar Gabriel (l.) und der Jury-Vorsitzende Julian Nida-Rümelin. (Foto: Dominik Butzmann)

Was haben eine ungarische Philosophin, eine britische Journalistin und ein deutscher Sozialdemokrat gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber: Ágnes Heller, Sarah Harrison und Willy Brandt verbindet einiges. Für ihren Einsatz für Verständigung und Frieden wurde Heller mit dem Internationalen Willy-Brandt-Preis ausgezeichnet, Harrison mit dem Sonderpreis für besonderen politischen Mut.

Seit 2011 wird der Preis an Persönlichkeiten verliehen, die sich im Sinne des ehemaligen Bundeskanzlers, Friedensnobelpreisträgers und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt in vorbildlicher Weise für Verständigung und Frieden verdient gemacht haben. Der Jury-Vorsitzende Julian Nida-Rümelin betonte, mit der Auszeichnung für Ágnes Heller wolle man in diesem Jahr ein Zeichen setzen: Die Philosophin sei eine der lautesten und engagiertesten Kritikerinnen des Orbán-Regimes in Ungarn. Angesichts der ungarischen Flüchtlingspolitik sei diese Kritik heute aktueller denn je.

Gabriel warnt vor autoritärer Gefahr


Sigmar Gabriel schlug in seiner Laudatio den Bogen von Willy Brandt zu Ágnes Heller: Leben und Denken fielen bei beiden in eins. Während es Brandt noch gelang, vor den Nazis zu flüchten, überlebte die Jüdin Heller den Holocaust nur mit großem Glück. Der Holocaust als „existenzielle Urerfahrung“, so Gabriel, stände am Beginn von Hellers philosophischem Denken und Handeln. Dieses sei durch den Kampf für Freiheit geprägt. Und die sei nicht nur in Ungarn bedroht: „Auch in unserem Land erfahren wir autoritäre Versuchungen.“ Der Angriff auf die künftige Kölner Oberbürgermeisterin habe noch einmal deutlich gezeigt, dass man diesen Versuchungen widerstehen und sie bekämpfen müsse – und, dass Totalitarismus nicht an den Rändern der Gesellschaft entstehe, sondern in ihrer Mitte.

Heller: Ungarn braucht einen wie Willy Brandt

Ágnes Heller betonte in ihrer Dankesrede, wie wichtig die Auszeichnung für sie sei: „Willy Brandts Einsetzung ins Amt des Bundeskanzlers von Deutschland war für mich wie auch für alle anderen im Leben gebliebenen Opfer des Nazismus, das Zeichen, dass Deutschland unwiderruflich mit dieser Vergangenheit gebrochen hat, um zu der großen Tradition der deutschen Sozialdemokratie zurückzukehren.“ Unter den osteuropäischen Staaten brauche besonders Ungarn einen Staatsmann, wie Willy Brandt einer gewesen sei. „Wir brauchen heute keine Helden“, sagte Heller, „aber Regierende, die nicht an die schlimmsten, sondern an die besten Instinkte der Bevölkerung appellieren“.

Harrison: Mehr Demokratie wagen

Appellieren wollte auch die Journalistin Sarah Harrison, und zwar an die Politik. Harrison ist WikiLeaks-Aktivistin, enge Beraterin von Julian Assange und begleitete 2013 den amerikanischen Whistleblower Edward Snowden auf seiner Flucht aus Hongkong nach Moskau. Heute lebt Harrison in Berlin, da ihr in ihrem Heimatland Großbritannien die Verhaftung drohen würde.

Leidenschaftlich warb sie in ihrer Rede für das Engagement der Whistleblower, für Menschenrechte, für politisches Asyl für Edward Snowden und gegen ausufernde Überwachung. Willy Brandt habe nach dem Mauerbau 1961 zum US-Präsidenten John F. Kennedy gesagt: „Berlin expects more than words.“ Dies erwarte sie auch heute von der Politik: „Lasst uns mehr Demokratie wagen!“

Mehr zu Ágnes Heller

„Schreiben, Nachdenken, Sprechen, das ist mein Leben“, sagt Ágnes Heller. Mit der Ungarin erhält eine der bedeutendsten Philosophinnen des 20. und 21. Jahrhunderts den diesjährigen Internationalen Willy-Brandt-Preis. Heller überlebte den Faschismus und litt unter dem Stalinismus. Heute übt sie scharfe Kritik an Ungarns Regierungschef Orbán.