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Aktuelles

16.07.2021

Norbert Walter-Borjans zum Tod von Wolfgang Roth

Foto: Wolfgang Roth
Bundesarchiv

Rede des SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans anlässlich der Trauerfeier für Wolfgang Roth am 16. Juli in Bonn

Als mich Dieter Spöri am Abend des 4. Juli anrief und sagte, dass Wolfgang wenige Stunden zuvor gestorben sei, gingen viele Bilder durch meinen Kopf. Auch weil Dieter in unserem Telefonat viel von der Zeit erzählte, in der Wolfgang Roth an die Spitze der Jusos rückte – und ich mich ziemlich genau erinnerte, was mich als Bonner VWL-Student seinerzeit umtrieb. Es war die Zeit, in der die Verbindung von Ökonomie und Ökologie Eingang in unser Denken und Handeln fand. Unser langes Gespräch reichte bis hin zu seinem großen Beitrag zu einer sozialen und ökologischen Wirtschaftspolitik. Er war seiner Zeit immer mindestens eine Dekade voraus.

Mit ihm ist ein wahrer homo politicus von uns gegangen. Er war ein auf das Soziale, Ökologische und Ökonomische, auf das Zusammenführen und auf Zusammenhalt, auf das Politische angelegter, mitfühlender Mensch. Wolfgang war ein Menschenfreund. Er hat gelebt, was ich viele Jahre von Johannes Rau gelernt habe: die SPD muss die Partei für all diejenigen sein, die Solidarität brauchen, und für die, die Solidarität zu geben bereit sind. Wolfgang warb unermüdlich für dieses Verständnis von Sozialdemokratie zum Wohl aller. Und er war ein leidenschaftlicher und kompetenter Vorkämpfer für die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie.

In Schwäbisch Hall als Sohn eines Postsekretärs und Gewerkschafters mitten im Zweiten Weltkrieg geboren, wurde ihm das Engagement für die „breiten arbeitenden Schichten“ – wie er sie nannte – in die Wiege gelegt.

Nach dem Abitur in Aalen begann er sein Volkswirtschaftsstudium in Tübingen. Als schon in der Schule politisch Aktivem war es nur konsequent, dass er nach dem Bau der Mauer, wie damals viele andere politisch engagierte Studentinnen und Studenten, nach West-Berlin ging, an die Freie Universität.

1962 ist Wolfgang Roth in die SPD eingetreten. Da war Willy Brandt Regierender Bürgermeister und Landesvorsitzender der Berliner SPD. Wolfgang war stellvertretender Vorsitzender des Sozialdemokratischen Hochschulbundes und wurde 1964 AStA-Vorsitzender der FU.

Als frisch gebackener Diplom-Volkswirt startete er seine berufliche Laufbahn 1968 beim Kommunalwissenschaftszentrum des Deutschen Städtetags. Danach war er im kommunalen Wohnungsbau tätig.

Sein Einblick in die kommunale Wirtschaft war es, der – für eine Jugendorganisation ungewöhnlich – zu einer kommunalpolitischen Konferenz der Jusos führte. 1971 veröffentlichte er deren Arbeitsprogramm in einem Taschenbuch mit dem fragend-provozierenden Titel „Kommunalpolitik für Wen?“.

Das war ein politisches Programm, das viele Projekte und Vorschläge zur Wohnungs- und Bodenpolitik und zur städtebaulichen Entwicklung vorwegnahm, die heute aktueller sind denn je. Die Themen „Bezahlbares Wohnen“ und „gemeinwohlorientierte Bodenpolitik“ haben ihn eng mit Hans-Jochen Vogel verbunden. Die Gedanken beider sind uns Vermächtnis und sie wirken bis in das aktuelle Zukunftsprogramm der SPD zur Bundestagswahl hinein.

Damals war die Zeit nach der ersten Großen Koalition und vor dem großen Wahlsieg Willy Brandts im Jahr 1972, mit einem Wahlergebnis, von dem wir heute nur träumen können. Mit Brandts Brückenschlag zur aufbegehrenden jungen Generation, mit seinem Aufruf „Mehr Demokratie (zu) wagen“ drängten viele junge Leute in die SPD. Wolfgang hatte als wichtiges Bindeglied Willy Brandts zur jungen Generation einen großen Anteil an diesem Vertrauensgewinn der SPD.

Die junge Generation der Sozialdemokratie leitete auf dem legendären „Münchner Kongress“ der Jusos im Jahr 1969 und mit der Wahl von Karsten Voigt zum Vorsitzenden eine linke politische Profilierung der bis dato ziemlich braven Organisation von jungen Parteifunktionärinnen und -funktionären ein. Damals hat sich auch die SPD als Gesamtpartei für die Jugend geöffnet – öffnen müssen. Der „Marsch der Jungen durch die Institutionen“ begann.

Auch wenn ich damals noch zehn Jahre bis zum Eintritt in die SPD vor mir hatte: Das war die Zeit, in der ich in unserer Partei meine politische Heimat fand.

Der Parteivorsitzende Willy Brandt hielt das Spannungsverhältnis zur Jugendorganisation nicht nur gut aus. Er nutze es auch. Er band Wolfgang Roth schon 1973 in den SPD-Parteivorstand ein.

Die von Wolfgang Roth geführten Jusos waren konfliktbereit, aber auch konstruktiv. Sie hatten weitreichende Vorstellungen, von partizipativer Mitbestimmung, der Besteuerung von Gewinnen durch Bodenspekulation bis hin zur Vermögensbildung.

Wolfgangs schwäbische Bodenständigkeit, sein ausgleichendes Naturell, seine Zugewandtheit verbunden mit seiner ökonomischen Sachkompetenz waren ein solides Fundament für den Bau von Brücken über politische Grenzen und Gräben hinweg. Er nutzte seine Fähigkeit, Gespräche zu organisieren und den inhaltlichen Austausch voranzubringen.

Dass ihn die Regierung Kohl und der damalige Finanzminister Theo Waigel 1993 als Vizepräsident einer der größten internationalen öffentlichen Finanzinstitutionen, der Europäischen Investitionsbank, vorgeschlagen haben, ist dafür ein beredtes Zeichen.

Er zählte sich als Ökonom wie Helmut Schmidt zu den Keynesianern. Ihm war klar, dass nicht einfach nur die unsichtbare Hand der entfesselten Märkte zu Gleichgewicht und Wachstum führt, sondern dass politisch gesetzte Leitplanken nötig sind. Das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz, das „Magische Viereck“, die „konzertierte Aktion“ oder antizyklische Investitionsanreize – auch durch Deficit Spending – gehörten zum wirtschaftspolitischen Werkzeugkasten. Das waren in den 60er und 70er Jahren die erfolgreichen sozialdemokratischen Antworten auf die Instabilität des Marktes und für die Bewältigung von wirtschaftlichen Schocks und Krisen.

Wer sich heute unsere Antworten auf Corona und den Klimawandel ansieht, wer das europäische Wiederaufbauprogramm unter die Lupe nimmt, der erkennt schnell die klare sozialdemokratische Handschrift und die Fortsetzung der auch heute noch richtigen finanz- und wirtschaftspolitischen Linie von Wolfgang Roth.

Auf diesem Fundus hat Wolfgang Roth als Sozialdemokrat das unverkrampfte Gespräch mit Unternehmerinnen und Unternehmern über das Spannungsfeld von Markt und Steuerung zur Bewältigung der Wirtschaftskrise der 70er Jahre geführt.

Seine Motivation für einen derartigen Brückenbau hat er damals selbst so beschrieben: „In der wirtschaftspolitischen Diskussion beherrschen zur Zeit Nebelschwaden die Landschaft. Nur in Diskussionen mit allen Gruppen kann man sie beseitigen, kann Klarheit geschaffen werden.” Und weiter: „Die SPD trat nicht auf, als gebe es einheitliche Patentantworten zur Weiterentwicklung unserer Wirtschaftsordnung. Wir machten deutlich, wie sehr um jeden Reformschritt gerungen wird, ließen die Unternehmer an dieser Diskussion teilnehmen, und sorgten so dafür, dass Nebelwerfer keine Chance bekamen.“ Übertragen auf die Transformationsdebatte in Zeiten der Klimakrise beschrieb er schon 1975 er eine auch heute hochaktuelle zentrale Herausforderung.

In der SPD-Bundestagsfraktion wurde er wirtschaftspolitischer Sprecher. Er stieg zum stellvertretenden Vorsitzenden der Fraktion auf. Gerhard Schröder, nach Heidemarie Wieczorek-Zeul und Klaus-Uwe Benneter Wolfgangs Nach-Nach-Nachfolger als Juso-Bundesvorsitzender, erzählte mir vor ein paar Tagen, was Willy Brandt Wolfgang auf den Weg gab, als er 1979 nicht in den Parteivorstand gewählt worden war: „Wolfgang, du hast noch viel vor – und du hast noch viel vor dir!“ Wie wahr!

Auf Wolfgangs Initiative hin wurde 1984 der Kocheler Kreis gegründet, ein Forum für den Austausch von wirtschaftspolitischen Ideen und Konzepten zwischen Menschen, die der Sozialdemokratie nahestehen. Bis heute ist für viele von uns die Tagung am Jahresanfang ein Muss.

Wolfgang hatte neben seinem politischen Engagement auch eine künstlerische Ader. Er beschäftigte sich leidenschaftlich mit Architektur und Städtebau. In der modernen Malerei war er zuhause. Er hat auch selbst gemalt.

Wolfgang Roth wurde durch viele Auszeichnungen und Orden geehrt. Am meisten dürfte er sich darüber gefreut haben, dass ihm die Sozialdemokratinnen und Szialdemokraten seines Wahlkreises rund um Pforzheim die Willy-Brandt-Medaille verliehen.

Wolfgang Roth hatte immer auch einen Blick über unser Land hinaus. Die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes haben sein politisches Augenmerk auf die osteuropäischen Länder gelenkt. Er gehörte Ende der 60er Jahre zu den Initiatoren der „Deutsch-Tschechischen und Slowakischen Gesellschaft“ und war bis zuletzt ihr Ehrenvorsitzender. Seine zahlreichen Reisen in den damaligen Ostblock haben ihm neben vielen politischen Kontakten auch das Glück gebracht, dort seine liebe Frau Hana gefunden zu haben.

Schon 1985 hat er ein Buch mit dem zukunftsweisenden Titel „Weg aus der Krise. Umrisse einer sozialökologischen Marktwirtschaft“ geschrieben. Eine sozialökologische Markwirtschaft, davon war Wolfgang Roth überzeugt, wird nur gelingen, wenn die arbeitenden Menschen die notwendigen Veränderungen mitbestimmen können.

Mit seinem Einsatz für eine an Arbeit und Umwelt orientierte Wirtschaftspolitik, für die Mitbestimmung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, hat Wolfgang Roth uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wichtige Aufträge zur Gestaltung einer guten Zukunft unseres Landes hinterlassen.

Wir werden seine Begleitung bei der Bewältigung dieser Aufgaben vermissen, aber wir werden sein Vermächtnis nicht vergessen. Ich bedaure es sehr, dass ich über die aktuellen Themen nicht mehr mit ihm sprechen konnte. Zumal er ein Mensch war, mit dem man - wie ich von vielen weiß - gerne streiten und herzlich lachen konnte. Er war immer für eine passende Anekdote gut.

Ich weiß von Hana, dass ihm unser Programm für die Bundestagswahl gefallen hat, weil er sich dort in vielen Zeilen und Zielen wiedergefunden hat. Ich bin froh, dass wir als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten auf seine Denktradition aufbauen können.

Wir schulden ihm großen Dank dafür, was er für unser Land und für seine und für unsere SPD geleistet hat.

Die Gedanken vieler Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten waren gerade in den letzten Tagen und sind heute bei ihm, bei seiner Frau Hana und seiner Tochter Natascha mit ihrer Familie.

Wolfgang, du bleibst einer von uns – und von dir bleibt vieles, das uns Auftrag und Ansporn ist. Ganz besonders in dieser Zeit.

Wir danken dir!

Es gilt das gesprochene Wort.