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16.10.2015

4. Internationaler Willy-Brandt-Preis Ágnes Heller: Eine furchtlose Kämpferin

Ágnes Heller hält eine Rede. (Foto: dpa)
dpa

Ágnes Heller: Trägerin des Internationalen Willy-Brandt-Preises 2015 (Foto:dpa)

„Schreiben, Nachdenken, Sprechen, das ist mein Leben“, sagt Ágnes Heller. Mit der Ungarin erhält eine der bedeutendsten Philosophinnen des 20. und 21. Jahrhunderts den diesjährigen Internationalen Willy-Brandt-Preis. Heller überlebte den Faschismus und litt unter dem Stalinismus. Heute übt sie scharfe Kritik an Ungarns Regierungschef Orbán.

Ágnes Heller wurde 1929 als Tochter jüdischer Eltern in Budapest geboren. Ihr Vater und zahlreiche Verwandte wurden von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet. Mit sehr viel Glück entkamen sie und ihre Mutter dem Tod.

Nach 1945 machte sie sich während ihres Studiums als Schülerin des marxistischen Philosophen Georg Lukács einen Namen und trat in die kommunistische Partei ein. „Ich habe mich nach der Hölle des Nationalsozialismus nach Erlösung gesehnt, ganz einfach. Ich suchte Gemeinschaft und Einfachheit, also bin ich 1947 eingetreten. Ich war mir sicher, dass die Partei nur die schlechte Umsetzung einer guten Sache ist, musste aber bald darauf feststellen, dass der Parteialltag überhaupt nichts mit meinen Ideen zu tun hatte“, so Heller.

Hanna Arendts Nachfolgerin

Als sie scharf gegen den sowjetischen Einmarsch in der damaligen CSSR protestierte, verlor sie alle akademischen Positionen. Nach jahrzehntelangen Repressionen wanderte sie 1977 nach Australien aus. 1986 wurde sie Hannah Arendts Nachfolgerin auf deren Lehrstuhl für Philosophie in New York. An Amerika liebt sie, „dass sich jeder Amerikaner als Teil des Staates, als Bürger, als citizen versteht, das konnte ich bei fast allen meinen Studenten in New York beobachten. Und die Solidarität, die es zwischen den Menschen gibt. Die brauchen keinen Staat, die sind der Staat. Europa kann seine Migranten bis heute nicht wirklich integrieren. Es handelt sich höchstens um Assimilation. Das ist in den USA ganz anders. Da braucht niemand die Nationalsprache zu lernen, wenn er nicht will. Die Einwanderer müssen ihre nationalen Traditionen nicht aufgeben und sind trotzdem amerikanische Patrioten.“

Hellers Philosophie ist geprägt von realitätsnaher Soziologie und Anthropologie: Der Alltag des Menschen, seine Bedürfnisse, Probleme und Denkmuster prägen den Großteil ihrer rund 50 Werke. Seit den 90er Jahren spielt zudem die Ästhetik eine große Rolle.

Ágnes Heller im Interview

Den Überzeugungen treu geblieben

Heute lebt die selbst ernannte „ungarische Patriotin mit vier Identitäten“ (Ungarin, Jüdin, Frau, Philosophin) wieder in Budapest. Ihr Leben lang war sie eine Außenseiterin. Ein Zustand, der sie aber keineswegs unglücklich macht. Im Gegenteil: „Ich ziehe Energie und Glück daraus. Es ist mein Charakter, meine Natur.“ Furchtlos ist sie zeitlebens unter wechselnden Regimen ihren eigenen Überzeugungen gefolgt. Noch immer hat die mittlerweile 86-Jährige reichlich Kraft. Jeden Morgen steht sie gegen sieben Uhr auf und geht Schwimmen. Dabei könne man „wunderbar und präzise“ nachdenken.

Zum Beispiel über ihr Heimatland. Immer wieder hat die international renommierte Philosophin öffentlich die nationalkonservative ungarische Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán kritisiert. „Orbán will alle ausschalten, die irgendeine kritische Stimme haben. Er ist kein Diktator, aber er hat die entsprechende Gesinnung. Wie alle Menschen mit diktatorischer Gesinnung glaubt er, dass alle, die ihn kritisieren, ein Hindernis sind, das man beseitigen muss.“

Orbáns schärfste Kritikerin

Die öffentliche Kritik an Orbán brachte ihr neue Popularität. Zugleich sieht sie sich seit Jahren erheblichen Angriffen durch die regierungsnahe rechtsnationale Presse ausgesetzt. Neben politischen Anfeindungen kommt es auch immer wieder zu antisemitischen Übergriffen.

Die SPD will mit dem „Internationalen Willy-Brandt-Preis“ Hellers „beispielgebenden Einsatz für Freiheit und Verständigung in Europa“ würdigen. „Als überzeugte Kämpferin gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung stellt sie sich auch in aller Deutlichkeit gegen einen neuen Autoritarismus in ihrem eigenen Land“, so die Jury.

Verleihung des 4. Internationalen Willy-Brandt-Preises

Ágnes Heller wird der Preis am kommenden Montag verliehen. Den diesjährigen Sonderpreis für besonderen politischen Mut erhält die britische Journalistin Sarah Harrison. Sie hat mit ihrem Engagement für WikiLeaks und speziell durch ihre journalistische Begleitung von Edward Snowden großen politischen Mut bewiesen. Ihr Wirken steht exemplarisch für das Streben nach Transparenz und den Einsatz gegen ausufernde Überwachung.

Der Internationale Willy-Brandt-Preis wird von der SPD jährlich an herausragende Persönlichkeiten verliehen, die sich im Sinne des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers, Friedensnobelpreisträgers und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt in besonderer Weise für Verständigung und Frieden verdient gemacht haben.